Trotz hohen Verlusten steigen die Billettpreise nicht

Die Coronakrise hat die SBB getroffen: Tiefe Nachfrage und hohe Kosten führen im ersten Halbjahr 2020 zu einem Verlust von 479 Millionen Franken. Was bedeutet das für die Billettpreise? David Blatter, Leiter Preis- und Ertragsmanagement, erklärt, warum trotz Corona das Sparsortiment ausgebaut wird.

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David Blatter, Leiter Preis- und Ertragsmanagement

David Blatter, die SBB verzeichnet einen Verlust im Millionenbereich. Wird dies Auswirkungen auf die Billettpreise nächstes Jahr haben?
Nein, die Preise im öffentlichen Verkehr werden nächstes Jahr konstant bleiben. Die SBB und die ganze ÖV-Branche setzen sich dafür ein, dass trotz Nachfrageeinbussen und Einnahmenausfällen die Preise stabil bleiben. Es wäre in der aktuellen Situation falsch, die Preise zu erhöhen – schliesslich sollen unsere Kunden zurückkommen.

Die aktuelle Auslastung liegt unter derjenigen im Vorjahr. Wie gewinnen Sie die Kunden zurück?
Wir bauen gemeinsam mit der ÖV-Branche das Sparsortiment aus, führen Aktionen durch und Vereinfachen unsere Angebote. Ab 2021 bieten wir Sparbillette für Kleingruppen von drei bis neun Personen an. Sie profitieren bei freien Kapazitäten von zusätzlichen Rabatten. Zudem wird ein Sparklassenwechsel, also ein günstiges Upgrade in die 1. Klasse lanciert. Kurzfristig gibt es attraktive Aktionsangebote im Herbst, wie günstige Tageskarten bei Coop und Interdiscount. Weiter wird im nationalen Verkehr ab dem Fahrplanwechsel eine Kindertageskarte angeboten, mit der Kinder bis zum 16. Geburtstag für 19 Franken den GA-Bereich nutzen können, dies auch ohne Begleitung. Weitere Aktionen zur Stärkung des Freizeitverkehrs und der 1. Klasse folgen ab Oktober.

Wird die SBB also trotz des Verlustes Spartickets im 2021 anbieten?
Ja es wird sicher auch nächstes Jahr Spartickets geben, und zwar ungefähr im selben Umfang wie dieses Jahr – pro Tag rund 7000 Spartickets. Was neu dazukommt, ist das bereits erwähnte neue Sparsortiment. Zudem überlegen sich einzelne Tarifverbünde, Sparbillette einzuführen.

Eine Reise von Bern nach Zürich und retour kostet regulär 102 Franken. Für diesen Preis kann man mit dem Flugzeug nach London fliegen. Wie lässt sich das erklären?
Der Preis richtet sich nach den gefahrenen Kilometern. Dieser Preis ist maximal flexibel, das heisst, man kann damit jeden Zug benutzen, also auch volle Züge in den Hauptverkehrszeiten. In Nebenverkehrszeiten oder auf Interregio-Strecken sind die Preise bis zu 70 Prozent günstiger. Wer also auf schwächer ausgelastete oder langsamere Züge ausweicht, bezahlt einen deutlich tieferen Preis.

Der Bundesrat hat entschieden, den sogenannten Trassenpreis zu reduzieren – also den Preis für die Benutzung der Schiene. Kommt dieses Geld nun den Kunden zugute?
Im regionalen Personenverkehr entlastet dieses Geld die Kantone, die nun wegen der Coronakrise mehr zahlen müssen. Im Fernverkehr hilft es, die Ticketpreise trotz Verlust konstant zu halten.

Es werden vermehrt OnlineTickets verkauft, der SwissPass vereinfacht die Handhabung, Schalter werden geschlossen. Weshalb schlägt sich das nicht in den Billettpreisen nieder?
Das stimmt, die SBB wird immer effizienter. Gleichzeitig wird das Netz ständig ausgebaut und der Fahrplan erweitert, dies verursacht neue Kosten. Wir investieren Effizienzgewinne in attraktives Rollmaterial und in den Fahrplan. Wir versuchen, zusammen mit den ÖV-Unternehmen aber auch die Ticketpreise zu senken – immer dort wo möglich. Deshalb bieten wir Sparangebote an. Sie ermöglichen, für spezifische Zielgruppen, wie Kleingruppen, Jugendliche oder Kunden, die während Nebenverkehrszeiten reisen können, die Preise zu senken.

Die SBB könnte von der aktuellen Klimadiskussion profitieren. Zugfahren ist unumstritten klimafreundlicher als andere Verkehrsmittel. Die Preise sind aber im Vergleich nicht kundenfreundlich. Wird sich das längerfristig ändern?
Das ist so nicht korrekt. Die Preise sind attraktiver im Vergleich zum motorisierten Individualverkehr oder dem Flugzeug. Dies hat beispielsweise auch ein kürzlich durchgeführter Preisvergleich der Sonntagszeitung gezeigt. Die Bahn hat durchwegs besser abgeschnitten. Psychologisch haben die Kunden das Gefühl, dass ein Flugticket für einen Städtetrip oder eine Fahrt mit dem Auto innerhalb der Schweiz günstiger ist als eine Zugfahrt. Ein tatsächlicher Vergleich zeigt jedoch, dass eine Zugfahrt im Durchschnitt günstiger abschneidet. Zugfahren ist also nicht nur klimafreundlicher, sondern auch günstiger.

Halbjahresergebnis

Corona hat die SBB stark getroffen: Ein Drittel weniger Reisende bei gleichbleibenden Kosten

Nach einem guten Start bremst Corona das erste Halbjahr 2020: Täglich waren durchschnittlich nur noch 810 000 Passagiere unterwegs, das ist mehr als ein Drittel weniger als im Vorjahr. Die SBB schreibt einen Halbjahresverlust von 479 Millionen Franken, im Vorjahr erzielte sie noch ein positives Ergebnis von 279 Millionen. Die Erträge sind stark eingebrochen, gleichzeitig konnten die Kosten wegen des weitergeführten Grundangebots während des Lockdowns nur leicht gedämpft werden. Dank Unterstützung des Bundes ist die Liquidität der SBB vorerst gesichert. Zudem hat der Bund eine Sonderbotschaft zur Unterstützung der abgeltungsberechtigten ÖV-Bereiche ans Parlament verabschiedet. Die SBB hat bereits im April Sparmassnahmen im Umfang von rund 250 Millionen Franken eingeleitet; die Löhne der Mitarbeitenden wurden immer vollständig ausbezahlt. Seit Juni nehmen die Passagierzahlen zu. Die SBB rechnet im zweiten Halbjahr mit einer schrittweisen Steigerung der Nachfrage. Sie erwartet jedoch wegen Corona mittelfristig Auswirkungen auf das Mobilitätsverhalten.