Unter und über den historischen Fabrikdächern der SBB

Den Grossunterhalt ihres Rollmaterials besorgt die SBB im industriellen Stil in ihren eigenen Werken. Diese sind alle älter als die Bundesbahnen selbst. Ein Streifzug durch ihre 165-jährige Geschichte.

Beginn einer Bildergalerie

Die Wagenzentrale der SBB befindet sich seit 1979 am äusseren Ende des alten Industriequartiers von Olten, einen guten Kilometer im Norden des Bahnhofs. Gut 700 Mitarbeitende besorgen in den ausgedehnten, seither mehrfach erweiterten Hallen den gesamten Unterhalt: Sie revidieren, reparieren und erneuern – zurzeit werden etwa die IC-Doppelstockwagen nach gut 20 Lebensjahren modernisiert und für ihre zweite Lebenshälfte fit gemacht.

Am Anfang stand Niklaus Riggenbach

Olten ist das traditionsreichste Werk der SBB. Nicht immer schlug sein Herz an der Peripherie. Seine Wurzeln hat es im Jahr 1855 nahe des Bahnhofs. Hier befand sich die Werkstätte der Schweizerischen Centralbahn, einer der Vorgängerbahnen der SBB. Geleitet wurde diese Werkstätte durch den Bergbahnpionier Niklaus Riggenbach, und ihre Tätigkeit ging weit über den Unterhalt hinaus: Sie baute Lokomotiven und Wagen auch selbst und versorgte das wachsende Bahnnetz mit Brücken, Weichen oder Signalen – ein eigentlicher Fabrikbetrieb also.

Letztes bauliches Relikt der Centralbahn-Gründerzeit ist eine Häuserzeile gleich nördlich des Bahnhofs. Dort befanden sich die Verwaltung und damit Riggenbachs Büro sowie die Materialmagazine. Den Rest der Werkstätte von 1855 verschluckte 2015 weitgehend der Neubau der Betriebszentrale Mitte der SBB, weitere Teile wurden als gedeckter Parkplatz umgenutzt oder abgebrochen.

Im Lauf eines guten Jahrhunderts hat sich die Werkstätte sukzessive vom Gründungsstandort beim Bahnhof aareabwärts Richtung Norden ausgedehnt. Zwischen den beiden Polen blieben mehrere Bauzeugen erhalten, so die Malerei, die Schreinerei oder, genau auf halbem Weg, die «Wagenabteilung I» aus den ersten Bundesbahnjahren. Dieser 1949 noch erweiterte Hallenkomplex wird weiterhin genutzt.

Zürich und die «Werke»

Alle Werke gehen auf die Vor-SBB-Zeit zurück: Olten (1855), Yverdon (1855), Chur (1857), Zürich (1858), Biel (1877) und Bellinzona (1886). Einzig Chur schloss im Jahr 2000, und Zürich wurde zum «Reparaturcenter».

Geändert hat die Bezeichnung: Die «Hauptwerkstätten» (HW) wurden «Industriewerke» und schliesslich schlicht «Werke». Darin klingt an, dass die heutigen fünf Werke mit gut 1700 Mitarbeitenden industriell, fabrikmässig arbeiten und nicht wie ein Handwerksbetrieb. Ergänzend besorgen Serviceanlagen den Betriebsunterhalt, tauschen Komponenten, führen kleinere Änderungen aus und erledigen Reparaturen, die in den kurzen Stilllagern möglich sind.

Als «Reparaturcenter» ist die einstige HW Zürich heute ein Bindeglied zwischen Werk und Serviceanlage. «Sie übernimmt Arbeiten, für welche die Fahrzeuge aus dem Betrieb genommen werden müssen und in den Serviceanlagen Ausrüstung und Kompetenzen fehlen», sagt Martin Fischer. Als Leiter Serviceanlagen der Region Ost hat er sein Büro in der modernen, 420 Meter langen Serviceanlage Herdern – in Sichtweite zur ehemaligen HW schräg gegenüber auf der Südseite der Gleisanlagen.

Am heutigen Standort in Zürich Altstetten ist das nunmehrige Reparaturcenter seit 1905. Seine 150 Mitarbeitenden arbeiten mehrheitlich in frisch modernisierten Hallen aus der Gründerzeit. Im Mittelteil des Gebäudekomplexes schreitet eine Umnutzung fort – von der Werkstätte zur «Werkstadt», einem Ort für Innovation und Kultur.

Viel Zusammenhalt, viel Hierarchie

Als Arbeitsort von Handwerkern aller Berufsgattungen waren die Werkstätten geprägt durch starken Zusammenhalt, aber auch durch starke Hierarchien. Dienstjubilaren bauten die Kollegen üppige Geschenkarrangements auf, Mitarbeitende trieben gemeinsam Sport, und bis heute tauchen manche viele noch nach ihrer Pensionierung mit einem Znüni bei den alten Kollegen auf.

Anderseits assen im Wohlfahrtshaus «Arbeiter» und «Beamte» streng getrennt in separaten Speisesälen. Die Bilder der Werkfotografen zeigen auch streng dreinblickende und Meister in den Lehrwerkstätten. Da müssen gemeinsame Turnstunden für die Lehrlinge eine Erholung gewesen sein.

Traditionell war das Werkstättepersonal gewerkschaftlich gut organisiert und zuweilen unbequem. Unter dem Titel «Wir klagen an!» attackierte eine Broschüre aus Olten um 1930 herum die SBB Spitze und beschuldigte sie, ihrer Werkstätte Olten mit der Abwertung zur «Ausbesserungsanstalt» den Lebensnerv zu entziehen. So weit kam es nicht: Auch heute ist das Werk Olten das grösste der SBB. Ob dies dem Arbeiterprotest zu verdanken ist, bleibt offen.

 

SBB Historic: Hauptwerkstätten im Bild und im Gespräch

Am 5. November 2020 veranstaltet SBB Historic eine mit Foto- und Filmdokumenten angereicherte Gesprächsrunde zu den «Fabriken» der SBB. Daran teilnehmen werden Martin Fischer, Albin Ruoss und Beat Jäggi, alle langjährige Mitarbeiter und Kenner der Hauptwerkstätten Zürich und Olten. Die öffentliche Veranstaltung findet um 18.15 Uhr am Sitz von SBB Historic in Windisch/Brugg statt. Obligatorische Anmeldung unter info@sbbhistoric.ch oder 056 566 52 22, Teilnahme kostenlos (Kollekte), Teilnehmerzahl beschränkt mit Maskentragpflicht.

Die Hauptwerkstätten bilden 2020 das Jahresthema von SBB Historic. In den vergangenen Jahren hat die Stiftung für das historische Erbe der SBB zahlreiche Akten und Bilder erschlossen und Material der SBB-Werkfotografen digitalisiert. Vieles davon ist heute über die Website von SBB Historic auf Wikimedia zugänglich.