Wiederverwenden statt wegwerfen

Wenn aus einem Abbruchgebäude der SBB eine neue Schule entsteht, gibt es nur Gewinner. Wie Kreislaufwirtschaft bei der SBB funktioniert, erklärt Fabiano Piccinno, Projektleiter Nachhaltigkeit, im Interview.

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Auf dem Neugasse-Areal beim Hauptbahnhof Zürich stehen Lokomotiv-Remisen aus verschiedenen Bauepochen. Die alten Werkstätten sind für den Bahnbetrieb wertlos geworden. Die Baubestandteile hingegen behalten ihren Wert: Sie sollen minutiös erfasst und wiederaufbereitet werden, um dereinst am selben Ort für den Neubau einer Schule zu dienen – statt den Müllberg zu bereichern. Dies ist nur eines von zahlreichen Projekten und konkreten Massnahmen, welche die SBB unter dem Titel Kreislaufwirtschaft stark vorantreibt. Dieses Modell bietet einem Unternehmen praktisch nur Vorteile.

Fabiano Piccinno, aktuell reden alle von Kreislaufwirtschaft. Was ist das überhaupt?
Kreislaufwirtschaft bedeutet, alte Bauteile sowie alle anderen Ressourcen und Materialien nicht einfach zu entsorgen, sondern aufzubereiten und so im Kreislauf zu behalten. Abfall wird so zur wertvollen Ressource.

Was haben die SBB Kundinnen und Kunden davon?
Zugfahren ist bereits die umweltfreundlichste motorisierte Transportmöglichkeit – und mit der Kreislaufwirtschaft wird dieser Umstand um ein Vielfaches verbessert, was der ganzen Gesellschaft zu Gute kommt. Wer Zug fährt, handelt also in vielerlei Hinsicht bereits nachhaltig und umweltfreundlich.

Und was bedeutet Kreislaufwirtschaft für die SBB?
Arbeitskleider, Züge, Baumaterialien und Büromöbel: Die SBB hat eine Menge Dinge im Umlauf; wir kommen auf 77 Millionen Tonnen Material. Wenn das alles früher oder später einfach entsorgt würde, wäre der Abfallberg riesig. Zudem verursacht die ganze Beschaffung immense CO2-Emissionen. Mit dem Modell der Kreislaufwirtschaft können wir diese Zahlen nachhaltig reduzieren.

Wie soll das gehen?
Damit ein Grossunternehmen wie die SBB weg vom Auslaufmodell der linearen Wirtschaft hin zur Kreislaufwirtschaft gelangt, müssen viele Prozesse neu definiert und verankert werden. Bei bestehenden Anlagen und Materialien bedeutet dies, deren Einsatz und Nutzung zu verlängern. Wenn weniger ersetzt werden muss, ist der Materialverbrauch logischerweise kleiner. Schotter beispielsweise ist eine endliche Ressource und wird knapp. Hier müssen wir rasch eine nachhaltige Lösung finden.

Spart die SBB mit der Kreislaufwirtschaft Geld?
Das Schliessen von Kreisläufen ist mit grossen Kosteneinsparungen verbunden. Aber es geht um viel mehr: Mit der Kreislaufwirtschaft werden auch Abfall, Material, Energie und Ressourcen eingespart, was sich positiv auf unsere Umwelt auswirkt. Aktuell arbeiten wir daran, unsere Umweltauswirkungen in den nächsten zehn Jahren halbieren zu können.

Die Materialien im Kreislauf zu behalten, bietet noch mehr Vorteile: Mehr Transparenz in der Lieferkette, weniger Abhängigkeiten von internationalen Lieferanten sowie eine bessere Kontrolle über die eigenen Ressourcen. Dies alles minimiert unternehmerische Risiken und macht ein Unternehmen flexibler – gerade in schwierigen Zeiten wie der Coronakrise.

Also ist die Kreislaufwirtschaft nicht nur in ökologischer und finanzieller Hinsicht ein Vorteil?
Genau, sie fördert auch das lokale Business. Qualitätsware, die vor Ort produziert wird, ist wertvoller und wieder viel konkurrenzfähiger als Ware, die irgendwo billig hergestellt wird und bald kaputt geht.

Wie schafft die SBB den Wandel von der linearen hin zur Kreislaufwirtschaft?
Es sind grosse Veränderungen der Werte: Arbeitsschritte, die immer so gemacht wurden, müssen hinterfragt und verändert, Traditionen gebrochen werden. Ähnlich wie bei der Digitalisierung und Automatisierung können sich Jobanforderungen ändern. Solche Umstrukturierungen bedeuten einen Mehraufwand, Diskussionen oder Ablehnung. Unsere Aufgabe dabei ist es, diesen Wandel transparent zu begleiten, koordinieren und unterstützen.

Wo steht die SBB diesbezüglich in zehn Jahren?
Bis 2027 soll die Kreislaufwirtschaft bei den Mitarbeitern etabliert und in den Prozessen verankert sein. Das ist sportlich, aber nur mit ambitionierten Zielen können wir sicher sein, dass eine Veränderung stattfindet und nicht weiter aufgeschoben wird.

Die SBB setzt in verschiedenen Bereichen auf Kreislaufwirtschaft.