Ein Alarmruf vor 50 Jahren

1968 sieht die SBB erstmals tiefrote Zahlen am Horizont, und ihr damaliger Chef schlägt Alarm. Die Defizite stellen sich tatsächlich ein und werden die Diskussion über die Bahn jahrzehntelang prägen.

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Das grosse Bild auf dem Umschlagblatt ist idyllisch: In verschneiter Landschaft rollen VW-Käfer frisch ab Fabrik mit der Bahn zu ihren künftigen Besitzern. «Zweckmässiger Autotransport auf der Schiene», beschriftet das SBB Nachrichtenblatt im Winter 1968 die Foto lapidar.

Wohl wahr. Doch vor 50 Jahren bedroht dieses Transportgut die SBB auch existenziell. Der damalige SBB Chef Otto Wichser sieht Anfang 1968 nach zwei guten Jahrzehnten die schlechten kommen. Seine «Neujahrsbetrachtung» in der Radiosendung «Echo der Zeit» ist ein Warnruf und erregt Aufsehen. Der Präsident der Generaldirektion ortet ein «sehr labil gewordenes finanzielles Gleichgewicht» und meint im Klartext: Wir verlieren durch die Autokonkurrenz Verkehr und sausen in die roten Zahlen. Dies wird dann auch geschehen: Bis Mitte der 1970er-Jahre klettern die Fehlbeträge auf 600 bis 700 Millionen Franken im Jahr – obwohl sie spart und wenig investiert.

Mit Vollgas ins Autozeitalter

Was Anfang 1968 war: Die Motorisierung in der Schweiz ist in vollem Gang. Auf 100 Einwohner kommen bereits 18 Autos (heute 54), das Autobahnnetz wächst laufend. Die SBB dagegen fährt auf dem Netz des 19. Jahrhunderts, Neubauten für den wachsenden Verkehr kommen erst in den Jahrzehnten danach: Heitersberg-, Flughafenlinien, S-Bahn Zürich, Bahn 2000.

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Wirtschaftlich ist der Leistungsauftrag des Bundes von 1982 der Wendepunkt: Er ersetzt die Defizitwirtschaft durch abzugeltende gemeinwirtschaftliche Leistungen. Die Bahn erlebt nun eine Renaissance. Sie steigert das Angebot, geht näher zu den Kunden, doch die Folgekosten ihrer hohen Investitionen und die verkehrspolitischen Rahmenbedingungen münden in den 1990er Jahren in erneute hohe Defizite. Erst die Bahnreform mit der SBB AG ändert dies nachhaltig.

Und heute? Konkurrenz- und Kostendruck bleiben weiterhin hoch. Doch ist die SBB deutlich besser aufgestellt als vor 50 Jahren. Statt Verkehrsschwund beschäftigt sie das Gegenteil. Im Vergleich ist dies eine schöne und positive Aufgabe.

Zeitreise

In dieser Rubrik blicken wir zurück auf alten Bahnzeiten. Bahntradition und Bahnwissen stehen im Mittelpunkt.