Mehr Ruhe auf der Baustelle

Innovatives Warnsystem sei Dank: Im Wylerfeld in Bern müssen die Bauarbeiter nur noch die Arbeitsstellen räumen, die am befahrenen Gleis liegen. Bei konventionellen Warnsystemen bringen sich immer alle Mitarbeitenden in Sicherheit.

Effiziente Warnung ist die Voraussetzung für sicheres Arbeiten
Effiziente Warnung ist die Voraussetzung für sicheres Arbeiten

Beim Team «Blau» schrillt der Alarm: Ein Zug naht. Während die Mitarbeitenden dieser Arbeitsstelle sich in Sicherheit bringen, arbeiten an einem anderen Gleis daneben Team «Grün» und «Gelb» seelenruhig weiter. Sie wissen: Hier fährt kein Zug.

Möglich macht dies die innovative «Leitsystemunterstützte Warnanlage (LuW)», die aktuell als Pilotprojekt auf der Baustelle «Entflechtung Wylerfeld» in Bern Wankdorf im Einsatz ist. Besonderes dabei: Die Arbeiter im Gleisfeld werden nur dann gewarnt, wenn ein Zug auf «ihrem» Arbeits- oder Nachbargleis kommt.

«Wir haben hier einen grundlegenden Wechsel vollzogen», erklärt Tibor Ledergerber, der als Spezialist Sicherheit im Fachbereich Bauleitung, Sicherheit & Logistik das System massgeblich mitentwickelt hat. «Heute wird auf den Baustellen grossflächig gewarnt. Das heisst: Wenn ein Zug naht, müssen ausnahmslos alle Mitarbeitenden im Gleisfeld ihre Arbeitsstellen räumen.» Im Wylerfeld ist das anders: Hier räumen die Bauarbeiter nur noch dort, wo sich tatsächlich ein Zug nähert.

Der «Bediener» gibt den Alarm

Schlüssel dazu ist der sogenannte «Bediener». Er hat auf dem LuW-Pult genau im Blick, auf welchem Gleis welcher Zug fährt.

Der Bediener LuW sieht, auf welchem Gleis ein Zug fährt

Thomas Schaub ist einer von acht «Bedienern LuW», die mit dem System die Bauarbeiter warnen. Am Bildschirm markiert er mit den sogenannten «Zieltasten» die Arbeitsstellen der Teams «Blau», «Grün» und «Gelb». Bis zu drei Arbeitsstellen gleichzeitig kann das LuW verarbeiten. Den genauen Standort der Arbeitsstellen meldet ihm jeweils der Sicherheitswärter draussen vor Ort. Jeden Standortwechsel protokolliert Thomas Schaub und markiert die neuen Arbeitsstellen mit den Zieltasten.

Die sogenannte «Zieltaste» markiert die Arbeitsstelle von Team «Grün». Die grüne Linie zeigt: In diesem Abschnitt wird sich unmittelbar ein Zug nähern. Der Bediener muss das Team warnen, damit dieses die Arbeitsstelle räumt

«Die grüne Linie zeigt an, wo der Zug fahren wird», erklärt er. «So sehe ich auf einen Blick, ob der Zug eine Stelle passiert, an der Kollegen am Arbeiten sind.» Eine rote Linie zeigt an, dass in diesem Abschnitt gerade ein Zug ist. Der Bediener LuW hat damit mehr Informationen als ein konventioneller Vorwarner: «Ein Vorwarner draussen vor Ort sieht nur dass ein Zug kommt. Ich hingegen sehe auch seinen Fahrweg. Damit weiss ich, welches Gleis und welche Arbeitsstelle betroffen ist.» Gerade in einem Gleisfeld mit Weichen – und damit vielen möglichen Fahrstrassen – ist das ein grosser Mehrwert.

20 Sekunden zum Räumen

Sobald ein Zug ausserhalb der Baustelle über die sogenannte Einschaltstelle fährt, hat Thomas 30 Sekunden Zeit, um eine Warnung auszulösen. «Wenn ich in dieser Zeit nicht reagiere, gibt das System eine grossflächige Warnung an die gesamte Baustelle heraus und alle Teams müssen die Arbeitsplätze räumen», erklärt er. Dafür haben die Arbeiter dann 20 Sekunden Zeit.

Was aber, wenn Thomas Schaub sich irrt und keine Warnung auslöst? «Dann würde das System selbst einen Alarm auslösen, denn die Zieltasten haben einen Farbsensor und erkennen die farbigen Linien», erklärt Tibor Ledergerber.

«Ich vertraue dem System»

Thomas Schaub war von Anfang an in die Entwicklung des Systems eingebunden. Allerdings nicht als Bediener, sondern als Sicherheitswärter. «Somit weiss er bestens, worauf es ankommt», sagt Tibor Ledergerber. «Ausserdem müssen genau sie dem Warnsystem vertrauen: Schliesslich hängt das Leben der Bauarbeiter davon ab!»

Thomas Schaub war zunächst skeptisch. «Ich habe immer gesagt: „Ich sehe nur Linien, aber keinen Zug.“» Heute arbeitet er regelmässig mit dem LuW: als Bediener im Stellwerk, aber auch als Sicherheitswärter auf der Baustelle. «Mittlerweile habe ich mich mit dem LuW angefreundet. Ich vertraue dem System voll und ganz.» Maximal fünf Stunden pro Tag verbringt er als Bediener vor dem Bildschirm. Den Rest der Zeit arbeitet er draussen als Sicherheitswärter. Nicht alle Sicherheitswärter sind wie er auch Bediener LuW. «Der Einsatz  ist grundsätzlich freiwillig und typenabhängig. Es macht keinen Sinn, jemanden zu dieser lebenswichtigen Aufgabe ins Stellwerk zu zwingen», sagt Ledergerber.

4,7 Millionen Franken gespart

Im Projekt «Entflechtung Wylerfeld» ist das neuartige System aus mehreren Gründen entstanden. Konventionelle Warnsysteme waren unter anderem auch deshalb nicht möglich, weil eine Anbindung an ein Stellwerk fehlt. «Ausserdem verlegen wir in diesem Projekt mehrmals die Gleise. Das machte eine mobile Anlage nötig», erklärt Tibor Ledergerber. Dass im Wylerfeld nur noch die tatsächlich betroffenen Arbeitsstellen geräumt werden müssen, ist viel wert. Auf der am zweitmeisten befahrenen Strecke der Schweiz passiert durchschnittlich jede Minute ein Zug – und jetzt müssen nicht mehr alle Arbeitsstellen alle paar Minuten geräumt werden.

Dank dem System wird weniger Sicherheitspersonal benötigt. Das schlägt sich auch in den Projektkosten nieder: Rund 4,7 Millionen Franken kann die SBB im Projekt «Entflechtung Wylerfeld» dank LuW einsparen.

Aktuell läuft die öffentliche Ausschreibung für die Erweiterung des LuW. Voraussichtlich ab 2019 wird dieses dann auf weiteren Baustellen der SBB zum Einsatz kommen.