Das zweite Leben des Bahnhofs

Heute sind sie Restaurant, Kunstgalerie oder ein Zentrum der jungen Kreativszene. In ihrem vorherigen Leben aber waren sie Bahnhöfe mit Vorstand, Schalter und Stellwerk. Eine Reise an fünf Tatorte spannender Verwandlungen.

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Stehen Reisende vor Heidi Beerlis Bahnhof Mammern am Thurgauer Untersee, so verpassen sie manchmal den Zug. Sie erblicken ein Gesamtkunstwerk: ein 150-jähriges Stationsgebäude aus Holz in einer Komposition aus Buchsbäumen, Blumen und Steinskulpturen. Wer an die Tür mit dem Schild «Ausstellung offen» klopft, wird ein zweites Mal überrascht: Wartsaal und Stationsbüro sind zur Galerie geworden, unter dem Schalterfenster blitzt der blankpolierte Drehteller aus Messing.

Schöner war der Bahnhof noch nie. Der Geschäftsführer des Thurgauer Heimatschutzes nannte ihn vor Jahren «ein Vorzeigeprojekt». Ein Vierteljahrhundert alt ist die Geschichte von Heidi Beerli und ihrem Bahnhof. 1993 war die Bahn frisch automatisiert, das Gebäude leer. Die Reisenden warteten nun in einem schmucken Holzpavillon – von einem Architekturstudenten aus dem Dorf entworfen, von der Gemeinde finanziert.

Die junge Steinbildhauerin sah ihre Chance. Sie wurde Bahnhofmieterin, machte den Bau in anderthalb Jahren eigenhändiger Renovationsarbeit zum Bijou. Oben wohnt sie, der Güterschuppen ist ihre Werkstatt und dient für Kurse, im alten WC-Häuschen lagert Holz für den Kachelofen. Vor zehn Jahren wurde sie gar Besitzerin. Sie weiss: «Ich möchte nie mehr weg.» Schmerzen tut einzig der Verlust des viel bewunderten Naturgartens samt prächtigem Nussbaum: Diesen hatte die SBB für einen Wohnbau verkauft.

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Grosse Runden im «Gheimtipp»

Hundertfach ist dies geschehen: der Bahnbetrieb ferngesteuert, der Schalter Automaten gewichen, der Wartsaal einem normierten Schutzdach. Vereinsamte Stationsgebäude wurden abgerissen, vermietet, später zunehmend verkauft. So etwa in Leuzigen an Matthias und Sabrina Schwendimann. Das Paar führt ein innovatives, mittlerweile bis Zermatt expandiertes Entsorgungungsunternehmen. Gastronomie ist sein Hobby, das Verkaufsobjekt im Berner Seeland kam ihm gerade recht: «Mein Mann wollte den Bahnhof, mich packte der Kastanienbaum davor», lacht Sabrina Schwendimann.

Nun ist die Station an der ehemaligen Linie Solothurn–Lyss ein «Essbahnhof» und wird seit anderthalb Jahren von Beat Wyss und Koch Steven Moy in Pacht betrieben. Sie liegt weg vom Dorf in Aarenähe, Personenverkehr gibt es auf diesem Abschnitt keinen mehr. Fast ein Geheimtipp also, und so nennt sich das Haus auch. Das Restaurant füllt sich an vier Abenden und drei Mittagen pro Woche trotzdem, die vier Hotelzimmer darüber sind gut gebucht. Das Konzept: pfiffige Kreationen aus regionalen Produkten als Überraschungsmenüs, serviert an einem langen Holztisch für 14 Personen. Auch die Tischrunde ist also eine Überraschung. Das funktioniert, sagt Wyss: «Die Gäste kommen ins Gespräch, man sieht kaum je ein Handy auf dem Tisch.»

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Neue Chancen im Tessin

Nicht um Essvergnügen, sondern um Integration geht es im Bahnhof Giubiasco. In ihm hat sich der Tessiner Zweig des Behinderten-Dachverbands «Inclusion Handicap» einquartiert. Die Schalteratmosphäre früherer Jahre ist in frisches Gelb getaucht, die trennenden Scheiben sind weg. 2001 hatte die Vereinigung hier begonnen, Billette zu verkaufen. «In der Ausbildung wollen wir IV-Bezügern direkten Kontakt mit der Kundschaft ermöglichen», sagt Nicola Leoni, Koordinatorin des Projekts «Alla Stazione».

Das Konzept hat sich in all den Jahren bewährt. Neben der «Agenzia FFS» führte und führt die Organisation in Giubiasco auch den Quartierschalter der Gemeinde, die heute einen Ortsteil von Bellinzona bildet. Billette verkauft sie hier seit diesem Jahr keine mehr, nachdem die SBB den Vertrieb durch Dritte landesweit aufgegeben hat. Die Beratung und den Verkauf im Rahmen der Ausbildung kann sie dafür nun im neuen Bahnhof von Bellinzona weiterführen.

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Gründergeist in Basel

Es war einmal ein Güterbahnhof an der Grenze zu Frankreich. Heute ist er ein Zentrum für junge Kreative: Der Bahnhof Basel St. Johann hat sich in ein «Gründerzentrum für Kreativwirtschaft» verwandelt. In sanft renovierten Güterexpeditionsbüros und im offenen Dachstock arbeiten hier Architekten, Filmer, Designerinnen, Spiele-Entwickler oder ein Theaterregisseur – 60 Menschen insgesamt. Im «Stellwerk» haben sie fünf Jahre Zeit, abzuheben oder, eben, ihre Weichen zu stellen. «Wir geben ihnen Starthilfe mit vergünstigten Mieten und Mentoring, nach drei Jahren zahlen sie dann den vollen Mietpreis», beschreibt Co-Geschäftsführerin Fiona Imboden das Konzept. Der Trägerverein konnte den ganzen Bahnhof bis 2030 von der SBB mieten.

Auch die Vernetzung untereinander und der kreative Groove des Ganzen zählen. «Der informelle Austausch und die Kooperation bei grösseren Projekten helfen sehr», sagt etwa der Innenarchitekt Florian Hofmann, seit vier Jahren dabei. Um die Startup-Szene des Bahnhofs gruppieren sich ein Dampfbad, eine Mikrobrauerei, ein Restaurant und ein Freiluftlokal an den Gleisen. Die unrenovierte alte Zollhalle dient derzeit sportlichen und kulturellen Zwecken.

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Das Revival des Bahnhofs

Ein ganz anderes Beispiel ist der Bahnhof Brittnau-Wikon an der Grenze der Kantone Aargau und Luzern. Nach der Automatisierung der Strecke Olten–Luzern hat ihn ein rühriger Verein von Eisenbahnenthusiasten gemietet und zu einem einzigartigen «Erlebnisbahnhof» gemacht. Museumsleiter Beat Hürzeler – selber bei der SBB angestellt – plagt freilich die Sorge, dass dieser nach 15 Jahren bald Geschichte sein könnte: Heute steht das Gebäude meistbietend zum Verkauf.

Beim Betreten des Bahnhofs fühlt man sich in die 1960er-Jahre zurückgeschleudert. Im muffigen Wartsaal hängen Plakate von einst, hinter den Schalterscheiben reihen sich Edmonsonsche Kartonbillette im Kasten. Drehstühle mit Holzfüssen und mechanische Schreibmaschinen warten auf Beamte. Und im verglasten Anbau das elektromechanische Stellwerk Bruchsal J aus dem Jahr 1910.

Die grösste Überraschung aber ist im alten Güterschuppen versteckt: Dort treffen sich die historischen Stellwerke von Nottwil, Siggenthal-Würenlingen und das opulente Wärterstellwerk von Sursee. Sie stehen nicht einfach da, sondern sind verbunden mit einer Modellbahnanlage und den Relais im Keller, von Fachleuten inner- und ausserhalb des Vereins in viel Arbeit verkabelt. Die Besucher können so die Bahn von einst in Betrieb erleben – mit geschrumpften Zügen halt. Hier darf der Bahnhof von damals nochmals aufleben. Mit dem Risiko, dass er nach dem zweiten noch ein drittes Leben beginnt.

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Zeitreise

In dieser Rubrik blicken wir zurück auf alten Bahnzeiten. Bahntradition und Bahnwissen stehen im Mittelpunkt.