Den Kummer einfach abladen

Menschen mit psychischen Belastungen zögern oft, sich Hilfe zu holen. Seit Anfang Jahr gibt es für SBB Mitarbeitende eine interne Anlaufstelle, an die sie sich vertraulich wenden können. Dort finden sie ein offenes Ohr und erhalten Unterstützung.

Bei der Anlaufstelle finden SBB Mitarbeitende, die psychisch belastet sind, ein offenes Ohr.
Bei der Anlaufstelle finden SBB Mitarbeitende, die psychisch belastet sind, ein offenes Ohr.

«SBB, Anlaufstelle Sozialberatung / psychische Gesundheit, Doris Jehli, grüezi.»

«Hallo, ich arbeite als IT-Spezialist. Ich habe im Januar die Lohnbeilage zur psychischen Gesundheit erhalten und habe gemerkt, dass das auf mich zutrifft. Mein Akku ist leer.»

«Wie kommst du darauf?»

«Ich schlafe schlecht und wache nachts schweissgebadet auf. Meine Energie reicht kaum noch, um mich durch den Arbeitstag zu schleppen…»

Näher bei den Menschen sein

Zwei- bis dreimal pro Tag beginnt bei der Anlaufstelle auf ungefähr diese Weise ein Telefongespräch. Seit Anfang Jahr haben Mitarbeitende der SBB mit psychischen Belastungen oder anderem Kummer die Möglichkeit, sich telefonisch oder per E-Mail an die interne Anlaufstelle zu wenden.

Doris Jehli und Romy Ringgenberg sind zwei von 15 Fachpersonen aus dem Bereich Arbeitsmarktfähigkeit, Gesundheit und Soziales, die im Teilpensum für die Anlaufstelle arbeiten. Daneben sind sie für die Sozialberatung der SBB tätig. Wie die beiden Frauen erzählen, hat ein Gedanke der Anlaufstelle Pate gestanden: «Wir wollten die Hemmschwellen für Mitarbeitende abbauen, sich mit ihren Sorgen jemandem anzuvertrauen», erklärt Doris Jehli. Die Erfahrung zeigte, dass die Mitarbeitenden oft zu lange warteten, bis sie einen Termin für ein Gespräch mit der Sozialberatung vereinbarten, wenn sie ein Problem hatten.  

Die Anlaufstelle ist eine Mischung aus Frühintervention und Beratung. Rascher und näher bei den Mitarbeitenden sein, reagieren können, ehe die Belastungen den Menschen erdrücken und ihn aus der Bahn werfen. «Wir wollen die Leute abfangen, bevor das Leid zu gross wird», betont Romy Ringgenberg.

Zeit, über die Psyche zu reden

Bei der Anlaufstelle finden Mitarbeitende ein offenes Ohr. Die Beraterinnen und Berater hören ihnen zu, lassen sie den Kummer einfach abladen. Ein solches wohlwollendes Gespräch hat meistens zwei Effekte: Die Person erlebt, wie entlastend es sein kann über ihre Probleme zu sprechen. Anderseits wächst  die Bereitschaft, Hilfe anzunehmen und die Beschwernis anzugehen.

Doris Jehli (links) und Romy Ringgenberg von der Anlaufstelle motivieren die SBB Mitarbeitenden, offen über ihre Psyche zu reden.

Doris Jehli und Romy Ringgenberg sehen die Anlaufstelle auch als Signal, dass die SBB die psychische Gesundheit der Mitarbeitenden ernst nimmt. Wie die 2018 laufende Kampagne zur Förderung der psychischen Gesundheit sei das neue Angebot ein Beitrag zur Enttabuisierung des Themas. Romy Ringgenberg hat dazu eine klare Haltung: «Wir Menschen reden über vieles, was uns beschäftigt –  Lohn, Schichtarbeit, Pensionierungen, körperliche Erkrankungen. Es wird Zeit, dass die Leute auch darüber sprechen, wie es ihnen psychisch geht.»

Als erstes nehmen die Beraterinnen am Telefon oder via E-Mail eine Auslegeordnung vor. «Wir verschaffen uns eine Übersicht der Lage, in der sich jemand befindet, und können die Erwartungen dieses Menschen kennen lernen», meint Romy Ringgenberg. Gestützt darauf vermag sie abzuschätzen, wie Hilfe für die betroffene Person aussehen könnte. Idealerweise gelingt es ihr danach, gemeinsam mit der Person die nächsten Schritte zu planen. Damit endet das Mandat der Anlaufstelle. Wie die einzelnen Massnahmen genau aussehen und vor allem, wie sie umzusetzen sind, besprechen die Betroffenen in einem persönlichen Beratungsgespräch mit einem Sozialberater der SBB. Wie die Dienste der Sozialberatung sind übrigens auch die Gespräche mit der Anlaufstelle vertraulich.

Nicht nur betroffene Mitarbeitende gelangen an die Anlaufstelle. Auch Vorgesetzte holen sich bei den Beraterinnen Tipps oder Unterstützung. «Mir ist aufgefallen, dass mit meinem Mitarbeitenden etwas nicht stimmt», ist ein Satz, der oft fällt. Die Vorgesetzten können sich meistens keinen Reim auf das veränderte Verhalten ihrer Mitarbeitenden machen. «Das ist auch nicht nötig. Wichtig ist, dass die Chefs rechtzeitig kommen, wenn sie Auffälligkeiten feststellen», betont Doris Jehli. Melden können sich aber auch Mitarbeitende, die sich um einen Arbeitskollegen sorgen.

Ich bin froh, dass ich mit meinen Problemen nicht alleine bin.

IT-Spezialist

Der IT-Spezialist hat während des Gesprächs mit Doris Jehli gemerkt, dass eine vertiefende Besprechung seiner Lage mit der Sozialberatung Sinn macht. Doris Jehli hat für ihn einen Termin bei einer Beraterin reserviert. «Wie fühlst du dich jetzt? Sind die nächsten Schritte klar?» will sie am Schluss des Telefonats wissen.

«Erleichtert. Ich bin froh, dass mir jemand zugehört hat und ich mit meinen Problemen nicht alleine bin. Ich weiss nun, was ich tun muss, damit es mir bald besser geht.»

Die Anlaufstelle Sozialberatung / psychische Gesundheit ist von Montag bis Freitag zwischen 8.00 und 17.00 Uhr besetzt. Es stehen Beratende auf Deutsch, Französisch und Italienisch zur Verfügung. Sind alle Beratenden besetzt, können Anrufende eine Telefonnummer hinterlassen, unter der sie erreichbar sind. Ein Rückruf erfolgt so rasch als möglich.

Kontakt: 051 220 37 34, ags-fei@sbb.ch.