Nächster Halt: Jahr 2057

Wie werden wir künftig unterwegs sein? Dieser Frage ging eine aktuelle Studie der Hochschule Luzern (HSLU) nach. Was fängt die SBB mit den Erkenntnissen an? Ein Gespräch mit Patricia Wolf, Leiterin Zukunftslabor CreaLab HSLU, und Sabine Gerber, Projektleiterin Unternehmensentwicklung SBB PV.

Diskussion über die Zukunftsvorstellungen von Studienteilnehmern
Diskussion über die Zukunftsvorstellungen von Studienteilnehmern

Wie sind Sie heute, im Jahr 2018, zu diesem Gespräch nach Zürich gereist?

Sabine Gerber: Erst mit dem Zug, dann wollte ich ins Tram steigen – das aber wegen eines Unfalls ausfiel. Also suchte ich mir rasch digital ein Publibike.

Patricia Wolf: Ich wollte mit der S-Bahn fahren und dann den Bus nehmen. Weil sich die Bahn verspätete, bin ich zur Bushaltestelle gelaufen.

Für die Studie zu zukünftigen Mobilitätsbedürfnissen der arbeitstätigen Bevölkerung haben Sie 84 Menschen «Flash Fiction» schreiben lassen – warum dieser ungewöhnliche Weg?

Patricia Wolf: Klassische Methoden wie quantitative Befragungen haben den Nachteil, dass man nur Optionen abfragen kann, die der Studienverfasser selbst für möglich hält. Wir haben darum auf diese kurzen Geschichten von 150 bis 300 Wörtern gesetzt, um an das Zukunftswissen zu kommen, das jeder in sich trägt.

Kommt der Zug als Transportmittel noch vor?

Sabine Gerber

Wieso hat die SBB an diesen – zum Teil recht schrägen – Visionen Interesse?

Sabine Gerber: Als SBB müssen wir weit in die Zukunft denken: Investitionen haben lange Vorlaufzeiten – denken Sie an den Tunnelbau oder die Bestellung von neuen Zügen. Darum interessiert es uns, welche Erwartungen die Menschen an die Mobilität in 30 oder 40 Jahren haben: Kommt der Zug als Transportmittel überhaupt noch vor? Welche Bedürfnisse soll Bahnfahren erfüllen? Die Erkenntnisse der Studie helfen uns dabei, Handlungsräume und Optionen für morgen zu erkennen.

Als SBB müssen wir weit in die Zukunft denken: Investitionen haben lange Vorlaufzeiten.

Sabine Gerber

Wie stellen sich die Menschen die neue Mobilitätswelt vor?

Patricia Wolf: Viele Autoren malen sich eine Zukunft ohne physische Mobilität aus. Gerade berufsbedingte Mobilität halten viele für überflüssig: So sind die Menschen virtuell mobil, klinken sich per Avatar in Meetings ein oder treffen sich auf Holodecks. Zugleich wird eine Vielzahl von Bewegungsformen beschrieben: Beamen, fliegende Autos, Luxus-Schnellbahnen, Rohrpost zwischen Häusern… Autonom fahrende Fahrzeuge sind schon normal in der Zukunft. Auffällig sind die nahtlosen Übergänge zwischen Verkehrsmitteln. Und: Die Transportgeschwindigkeit ist immer ultraschnell.

Hat es Sie überrascht, dass man sich oft gar nicht mehr bewegen muss?

Sabine Gerber: Für uns war spannend, dass Mobilität grundsätzlich nicht im Vordergrund steht. Vielleicht weil sie so selbstverständlich ist? Weil die Schweiz ein sehr gut funktionierendes System hat?

Patricia Wolf: Auch Aspekte wie Zugang, Sicherheit, Bezahlbarkeit oder Nachhaltigkeit werden von selbst aus nie thematisiert. Man geht bei uns wohl davon aus, dass das geregelt ist.uote (mehrere Quotes möglich, max. jeweils 50 Zeichen)

 

In der Arbeitswelt ist man fast nur virtuell unterwegs.

Patricia Wolf

Womit beschäftigen sich die Leute in den Geschichten, wenn sie unterwegs sind?

Patricia Wolf: Sie möchten zum Beispiel arbeiten, Konferenzen abhalten, unterhalten werden, Partys feiern, ihr Velo geflickt bekommen, allein sein, in die Landschaft schauen oder eine Maniküre geniessen.

Sabine Gerber: Die Schreibenden erwarten heute wie in Zukunft ganz unterschiedliche Dinge von einer angenehmen Zugfahrt. Der Zug ist ein Ort der Begegnung. Allerdings wird in den Geschichten meist Privatraum gewünscht. Es ist unsere Aufgabe, darauf einzugehen. Künftige Technologien können uns dabei helfen.

Patricia Wolf (rechts): «Keines der Szenarien in den Geschichten lässt sich ausschliessen. Zu diesem Schluss kam eine Expertenrunde.»

In einer Geschichte kann man sich in einem aufblasbaren Mantel total abkapseln …

Sabine Gerber: Ein eher futuristischer Gedanke! Aber wer weiss: Vielleicht ergeben sich aus dieser Idee Impulse für neuartige Sitze, bei denen sich auf Knopfdruck eine schirmartige Privatsphäre mit Noise-Control aufspannen lässt.

Wie hat die HSLU die sehr verschiedenartigen Geschichten verarbeitet?

Patricia Wolf: Wir haben sie wissenschaftlich ausgewertet und inhaltlich gruppiert. In einer – eher beängstigenden – Zukunftsvision sind die Menschen digital total überwacht und fremdgesteuert; sie erledigen ihre Arbeit als Befehlsempfänger von einem Ort aus. Auch das Gegenteil kommt vor: eine Abkehr von der Digitalisierung, ein naturverbundenes Aussteigerleben, in dem man sich zu Fuss oder per Velo bewegt. In einem weiteren Szenario leben und arbeiten die Menschen an einem selbst gewählten Ort; Aufträge erhalten sie über Plattformen. Gereist wird selten, zielgerichtet –  und in der Freizeit. In der Arbeitswelt ist man fast nur virtuell unterwegs.

Sabine Gerber: Völlig überraschend fand ich die Idee einer totalen Mobilität, wo Menschen in mobilen Boxen leben, arbeiten und reisen, die dann per Zug oder Drohne transportiert werden. Sie sind völlig ungebunden und kennen so etwas wie eine Heimat nicht mehr.

Wie plausibel sind diese Zukunftsvisionen?

Patricia Wolf: Eine Expertenrunde kam zu dem Schluss, dass sich keines der Szenarien ausschliessen lässt. Wichtig ist, dass wir uns bewusst sind: Zukunft ist gestaltbar.

Welche Schlüsse zieht die SBB noch aus der Studie?

Sabine Gerber: Die Entwicklung der Mobilität ist dynamisch und durch Unsicherheiten geprägt. So geht die Fachwelt zurzeit von einer stark steigenden Nachfrage nach Personenmobilität aus, unter anderem durch das Bevölkerungswachstum oder autonome Fahrzeuge. Neue Arbeitsformen können hingegen die Nachfrage nach Verkehrsleistungen reduzieren. Wir gleichen die Visionen der Studie mit den Zukunftsszenarien ab, die wir im Rahmen von LIMA – das steht für «Langfristige integrierte Mobilitäts- und Arealentwicklung» – entwickelt haben. Dazu gehört es auch, Konzepte und Annahmen, über die alle sprechen, zu hinterfragen: Wird Sharing wirklich das grosse Thema? Wie werden autonome Shuttles oder Robotaxis den Gesamtmobilitätsmarkt beeinflussen? Welche Rolle spielt die SBB innerhalb dieses Systems?

((Box

Mit dem automatischen, papierlosen Ticketing sind wir auf dem richtigen Weg.

Sabine Gerber

Niemand hat Billetautomaten erwähnt – 2057 geschehen Buchungen und Informationsaustausch wie von selbst…

Sabine Gerber: Das wird wohl in Zukunft tatsächlich kaum noch ein Aufwand für den Kunden sein, sondern verlässlich im Hintergrund von digitalen Reiseassistenten gemanagt: ein Indiz, dass wir mit dem automatischen, papierlosen Ticketing auf dem richtigen Weg sind. Auch über die Kombinierbarkeit und Abrechnung von verschiedenen Mobilitätsträgern macht sich niemand mehr Gedanken.

Wenn wir schon nicht durch die Welt gebeamt werden können, was unternimmt die SBB für eine möglichst nahtlose Mobilität?

Sabine Gerber: Mit der SBB Mobile App bieten wir jetzt schon einen nahtlosen öffentlichen Verkehr an. Unsere Vision geht aber weiter: Wir wollen den Kunden über die ganze Reisekette von Tür zu Tür begleiten. Dazu probieren wir neue Konzepte aus und arbeiten am Einsatz neuer Technologien: Bei all dem bin ich überzeugt: Der Zug ist innerhalb der Mobilitätskette auch in Zukunft das Rückgrat der Schweizer Mobilität: So viele Menschen kann kein anderer Verkehrsträger schnell und komfortabel transportieren.

Die Mobilität der Zukunft: komfortabel, schnell – und individueller

Die vom SBB Forschungsfonds finanzierte Studie «Future customer needs of the working population with regard to mobility» der Hochschule Luzern (HSLU) hat sich mit den Mobilitätsbedürfnissen der arbeitenden Bevölkerung im Jahr 2057 auseinandergesetzt. Motiviert durch Workshops des Zukunftslabors CreaLab der HSLU schrieben die Teilnehmenden innerhalb weniger Minuten «Flash Fiction» – Geschichtenfragmente. Diese lassen auf zukünftige Kundenbedürfnisse schliessen. SBB-Fachspezialisten aus verschiedenen Bereichen haben als Begleitgruppe mit der HSLU zusammengearbeitet.

Die Studie der HSLU steht als PDF zur Verfügung (unter «Current Projects»).

Zukunftsgeschichten: Alles einsteigen, bitte!

32 Geschichten wurden für die Publikation im Buch «Zukunftsgeschichten» redigiert und ausgearbeitet. Eine Auswahl finden Sie hier.

Buch «Zukunftsgeschichten»

Die «Zukunftsgeschichten» sind als Buch oder E-Book erhältlich und können für 11.99 bzw. 4.49 Euro hier bestellt werden.

Gratis zum Buch

Mitarbeitende und Pensionierte, die sich für die «Zukunftsgeschichten» interessieren, haben die Chance, eines von 50 Gratisexemplaren zu erhalten: Einfach ein Mail schicken an sbbnews@sbb.ch mit dem Betreff «Buch Zukunftsgeschichten» und die Adresse angeben, wohin das Buch geschickt werden soll.