Selbstfahrend unterwegs in Zug

Rund um das Pilotprojekt «Selbstfahrende Fahrzeuge» ist es ruhig geworden. Doch hinter den Kulissen passiert viel. In diesen Wochen wird «MyShuttle» in Zug für den Betrieb im Strassenverkehr vorbereit. Ein Augenschein vor Ort.

Zukünftige Sicherheitsfahrer lernen Manövrieren mit dem «MyShuttle»
Zukünftige Sicherheitsfahrer lernen Manövrieren mit dem «MyShuttle»

Die Mobilität befindet sich durch die fortschreitende Automatisierung und Digitalisierung im Wandel. Die SBB will die Tür-zu-Tür Mobilität der Zukunft möglichst flexibel und einfach gestalten. Deshalb investiert sie unter anderem in selbstfahrende Fahrzeuge, die durch die Anbindung zur Bahn die erste und letzte Meile nahtlos ergänzen können. (Mehr dazu hier.)

Was bisher geschah: Im Frühling 2017 wurde in Zug das selbstfahrende Fahrzeug «Olli» vorgestellt. Doch wegen Lieferproblemen des Fahrzeugherstellers schaffte es «Olli» nicht bis auf die Strasse. Das Projekt, eine Zusammenarbeit der SBB mit Mobility, den Zugerland Verkehrsbetrieben (ZVB), der Stadt Zug und dem Technologiecluster Zug, entschied sich für einen neuen Hersteller, das französische Unternehmen EasyMile.

Im Frühjahr 2018 lernte der neue Shuttle seine zukünftige Strecke in Zug kennen. In Schrittgeschwindigkeit prägte er sich seine Umgebung ein, im Fachjargon «mapping» genannt. Begleitet wurde das Fahrzeug von einer Sicherheitseskorte, die den Verkehr umleitete und das Fahrzeug gleichzeitig vom Strassenverkehr abschirmte.

Zoltán László, SBB Projektleiter «Selbstfahrende Fahrzeuge», in Zug am Bahnhof.

Zoltán László, Projektleiter des Pilotprojekts, ist unterwegs nach Zug, um sich mit seinen Projektpartnern zu treffen. «Wir sind täglich im Austausch», so Zoltán László. Bei einem so komplexen Pilotprojekt brauche es das Know-how aller Partner. «Wir wollen unseren Shuttle von Beginn an gleich im Strassenverkehr und mit Anbindung an die Bahn testen. Eine grosse Herausforderung.»

Silena Medici von Mobility, SBB Projektleiter Zoltán László und Ruedi Haas von der ZVB bei einer Sitzung in Zug. Das Pilotprojekt erfordert einen engen Austausch zwischen allen Projektpartnern.

«MyShuttle» wurde vom Bundesamt für Strassen (ASTRA) bereits technisch abgenommen und braucht nun die Erlaubnis für den Betrieb. Das Projektteam erarbeitet dafür momentan das Betriebskonzept, in dem jedes mögliche Betriebsszenario und Risiko dokumentiert ist und entsprechende Massnahmen enthält. Wichtig dabei sind die Sicherheitsfahrer, die mitfahren und im Notfall eingreifen können.

Die zukünftigen Sicherheitsfahrer werden derzeit auf dem Gelände der ZVB ausgebildet. Johann Kogler vom Fahrzeughersteller EasyMile demonstriert zwei ZVB-Busfahrern, wie sich der Shuttle mittels Joystick steuern lässt. Das Fahrzeug fährt leise und ruhig über das Gelände, während Busfahrer Abraham Faiglé im Innern stehend mit einem Joystick manövriert. Unter der Aufsicht von Johann Kogler fährt er mit dem Shuttle Slalom und übt das Einparken.

« Wir wollen unseren Shuttle von Beginn an im Strassenverkehr und mit Anbindung an die Bahn testen. Eine grosse Herausforderung. »
Zoltán László
Johann Kogler von EasyMile (links) instruiert ZVB Busfahrer Abraham Faiglé im Shuttle, wie das Fahrzeug mittels Joystick zu bedienen ist.

Der Shuttle kurvt nicht zum ersten Mal auf dem Gelände der ZVB herum. Nebst den Sicherheitsfahrer-Schulungen gab es bereits diverse Tests am und mit dem Fahrzeug. «Unsere Projektmitglieder sind zum Beispiel vor das fahrende Fahrzeug gesprungen, um zu testen, ob es wirklich anhält», so Zoltán László. Natürlich ist es sofort stehen geblieben. Das Fahrzeug sehe weiter als der Mensch, interpretiere aber Verkehrsregeln und Hindernisse bewusst sehr konservativ – deshalb fahre das Fahrzeug vorsichtiger als der Mensch, erklärt er.

Doch: Ein Fahrzeug auf der Strasse ohne Steuerrad und Bremspedale ist für viele noch ein ungewohnter Anblick. Wie reagierte die Zuger Bevölkerung bisher auf den Shuttle? «Während des Mappings fragten uns Anwohner, ob eine Haltestelle bei Ihnen vor dem Haus geplant sei. Das Interesse an wirklicher Tür-zu-Tür-Mobilität ist gross», sagt Zoltán László.

Bis der Shuttle aber für die breite Bevölkerung zur Verfügung steht, muss das Pilotprojekt noch einige Hürden meistern. Sobald das Generalsekretariat UVEK die Bewilligung für den Betrieb erteilt, steht der Shuttle vorerst Mitarbeitenden des Projekts für weitere Tests offen. Später soll das Fahrzeug die Mitarbeitenden des Technologieclusters Zug vom Bahnhof an ihren Arbeitsplatz fahren und wieder zurück.

Wurde richtig eingeparkt? Es folgen noch diverse Tests bis der Shuttle die Mitarbeitenden des Technologieclusters Zug vom Bahnhof zum Arbeitsplatz fährt.

Verschiedene Bereiche der SBB bringen ihr Wissen ein und sammeln wertvolle Erfahrungen in diesem neuen Bereich. Die Fernüberwachung des Shuttles wird von der Betriebszentrale BZ Ost durchgeführt – für diese ist es ein erster Blick auf die Strasse. Die IT unterstützt bei der Integration des Fahrzeugs in das SBB Kundeninformationssystem und bei der Entwicklung der Buchung auf Verlangen Hand in Hand mit der Firma BestMile. Ebenfalls beteiligen sich die Marktforschung, das User Experience Team, die Rechtsabteilung sowie die Verantwortlichen für Nachhaltigkeit und diverse weitere Einheiten am Betrieb des selbstfahrenden Shuttles.
«Die Arbeit an selbstfahrenden Fahrzeugen lebt vom Wissen und den Erfahrungen aus vielen verschiedenen Bereichen. Doch genauso viele Fragen beantworten wir im Verlauf des Projekts durch eigene Erfahrungen» so Zoltán László. «Wir testen und lernen gemeinsam».
 

Fragen und Antworten zum selbstfahrenden Fahrzeug in Zug

Kann die breite Bevölkerung den Shuttle bereits nutzen?

  • Nein, Kunden können den Shuttle noch nicht benutzen. Er benötigt zuerst die Zulassung durch das Generalsekretariat UVEK, welche momentan noch ausstehend ist. Sobald die Genehmigung für den Betrieb vorliegt, wird das selbstfahrende Fahrzeug den Medien vorgestellt und der Pilotbetrieb mit Mitarbeitenden des Technologiecluster Zugs aufgenommen. Nach Abschluss dieser Pilotphase kann der Shuttle öffentlich genutzt werden.

Der Shuttle wird mit Strom betrieben. Wie funktioniert dies genau?

  • Es ist ein elektrisches Shuttle mit 48V-Batterien. Es wird über Nacht aufgeladen mit einem normalen Stecker oder einem Elektrofahrzeug-Stecker.

Wie schnell fährt der Shuttle?

  • Für dieses Projekt ist 20 km/h am Anfang die maximale Geschwindigkeit. Im Verlauf des Pilotprojekts will man eine Geschwindigkeit von 30 km/h erreichen.

Wie viele Laser hat das Shuttle und was ist ihre Funktion?

  • Vier Laser an jeder Ecke je mit einer 360°-Sicht zur Objekterkennung.

  • Zwei Laser vorne und hinten in der Mitte zur Objekterkennung.

  • Zwei Laser auf dem Dach vorne und hinten. Diese dienen zur Abtastung der Umgebung und zur Lokalisierung des Fahrzeugs.

Was ist die maximale Passagieranzahl:

  • Für dieses Projekt erlauben wir maximal acht Passagiere und ein Sicherheitsfahrer.