Entschleunigung auf der Aare

Sie soll die schönste Flussfahrt der Schweiz sein, die Strecke von Biel nach Solothurn. Auf der Aare durch die Schiffsschleuse, entlang historischer Dörfer, einer Storchenkolonie – «via» unterwegs auf den Juragewässern. Schiff ahoi!

Entschleunigung auf der Aare
Entschleunigung auf der Aare

Keine Wolke trübt den Himmel an diesem Frühsommermorgen. Der Bielersee ist ruhig und spiegelglatt, die MS Rousseau schaukelt gemütlich im Bieler Hafen, von wo aus die Aareflussfahrt beginnen kann. Wir werden vom Geschäftsführer der Bielersee Schifffahrts-Gesellschaft, Thomas Mühlethaler persönlich an Bord willkommen geheissen. Der 56-Jährige zupft sein Hemd zurecht und entknotet mit geübten Handgriffen das dicke Seil vom Metallpfahl. Dass er ein Quereinsteiger ist, würde man nicht vermuten. «Um als Chef akzeptiert zu werden, muss man das Handwerk der Belegschaft kennen», sagt der Bieler. «Erst recht als Branchenneuling.» 

Vor zwei Jahren hat Mühlethaler seinen gutbezahlten Job in der Finanzbranche an den Nagel gehängt, das Grossraumbüro gegen einen Platz an der frischen Luft in seiner Heimat getauscht. Endlich habe er gefunden, was ihm wirklich Freude bereite. «Schon als kleiner Bub habe ich an der Aare mit meinen Freunden geangelt, heute ist sie zu meinem Arbeitsplatz und wieder Mittelpunkt meines Lebens geworden», sagt er und strahlt über seine rosagefärbten Backen. Mindestens einen Tag pro Woche trifft man Mühlethaler heute auf einem «seiner» Schiffe an. Neun sind es insgesamt.

Die MS Rousseau gehört zu den neusten der Flotte und wurde nach dem berühmten Philosophen und Schriftsteller benannt, der Ende des 18. Jahrhunderts zwei Monate auf der nahegelegenen St. Petersinsel weilte und dort, wie er selbst schrieb, «die glücklichste Zeit seines Lebens» verbrachte. Auch Mühlethaler spricht fast ausschliesslich in Superlativen, als er uns auf das Sonnendeck führt und das Programm der heutigen Reise erklärt. Die schönste Flussfahrt der Schweiz sei sie, die Strecke von Biel nach Solothurn. 

Vom Sumpfland zur Touristenattraktion 

 
Pünktlich um 9.10 Uhr verlässt die MS Rousseau mit lautem Hornen den Bieler Hafen. Knapp drei Stunden dauert die Fahrt. Gemächlich schwenkt das Schiff vom Bielersee in den Nidau-Büren-Kanal, vorbei an idyllischen Wohnhäuschen. Am Ufersaum schaukeln Segel- und Motorboote. Das Seeland präsentiert sich heute von seiner schönsten Seite. Das helle Sonnenlicht, das wie Tausende Diamanten im Wasser reflektiert, zaubert eine Szene wie aus dem Bilderbuch. In der Ruhe der Natur scheint die Zeit stillzustehen. «Die Aare kann aber auch ganz anders», unterbricht Mühlethaler unsere Tagträumereien. «Ihr tobendes Wasser hat die angrenzenden Landstreifen jahrelang immer wieder überschwemmt», sagt er und zeigt auf die umliegende Landschaft. Noch vor 150 Jahren war das Dreieck zwischen Bieler-, Neuenburger- und Murtensee versumpftes Gebiet. Malariaepidemien grassierten, die Ernte war mager, die Armut gross. 

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Die beiden Juragewässerkorrekturen in den 1870er- und 1960er-Jahren entschärften die Lage teilweise. Seitdem wird der Wasserstand der Aare durch den Hagneck- und den Nidau-Büren-Kanal kontrolliert, der Seewasserspiegel der drei Juragewässer durch das Regulierwehr Port und seine Schiffsschleuse ausgeglichen. Letzteres passieren wir nach rund einer viertel Stunde Fahrt ab Biel. Mühlethaler kramt nach seinem Handy in der Hosentasche und überprüft die Pegelhöhe auf der App. Die Wehrschützen öffnen sich, das Wasser schäumt. 2 Meter wird der Pegel gesenkt. Trotz der baulichen Massnahmen ist das Seeland nie ganz vor Hochwassern und Überschwemmungen gefeit. Das musste auch Mühlethaler erfahren. Seine Stirn legt sich in Falten, als er erzählt, dass es fast jedes Jahr Tage gebe, an denen die Schiffe im Hafen blieben. Dem finanziellen Ausfall stehen die steigenden Passagierzahlen gegenüber. Nahezu 74 000 Menschen befördert die BSG auf der Aare jährlich – fast ausschliesslich Schweizer Touristen. Während eine Aareflussfahrt heute dem Vergnügen dient, wurden auf dem Wasserweg zwischen Biel und Solothurn bis ins 19. Jahrhundert vornehmlich Waren transportiert: Getreide, Salz und grosse Weinfässer. Der Erzählung nach mussten die Schiffsleute regelmässig ermahnt, gar mit hohen Bussen bestraft werden, damit sie den Wein nicht selbst tranken und die leeren Fässer mit Wasser auffüllten. 

Arbeiten, wo andere Ferien machen

Ein Gläschen Wein gehört zur Aarefahrt auch heute noch dazu. Ein Paar prostet sich auf dem Deck zu und lässt sich genüsslich die Sonne ins Gesicht scheinen. Ein Mann knipst ein Foto, vier Senioren zücken die Jasskarten. Die MS Rousseau passiert das historische Städtchen Büren mit seiner Holzbrücke, schippert vorbei an Grenchen und stoppt wenig später bei der Schiffsanlegestelle in Altreu, unweit der grössten Storchensiedlung der Schweiz. Wo man hinschaut, stehen die Tiere auf ihren langen Beinen in den sorgfältig gebauten Nestern. Die Schnäbel klappern. Rund 30 Brutpaaren leben hier in freier Wildbahn. Einige Passagiere verlassen das Schiff, neue steigen zu. Drei Mal fahren die Schiffe laut Kapitän Reto Wahlen diesen Kurs pro Tag. Wie für Mühlethaler ist auch für den 49-Jährigen die Aarefahrt seine liebste. «Ich arbeite da, wo andere Ferien machen», schwärmt Wahlen und rückt seine Mütze zurecht. Sein dunkler Teint verrät die Arbeit an der frischen Luft. Neun Monate im Jahr ist Wahlen auf den Juragewässern unterwegs, fünf davon auf der Aare. Dann, wenn die Schiffe für die Winterpause in die Werft verfrachtet und für die nächste Saison aufgerüstet werden, fährt er mit seiner Frau für drei Monate nach Asien. Sein zufriedener Blick schweift in die Ferne.

Von Weitem zeigen sich die Umrisse der St.-Ursen-Kathedrale, eines der Wahrzeichen von Solothurn. Deren 240 Turmstufen können zu Fuss erklommen werden. Oben angekommen hat man einen wunderschönen Blick über das pittoreske Städtchen an der Aare. Ein lautes Hornen ertönt. Die MS Rousseau nimmt Kurs auf die Anlegestelle etwas ausserhalb von Solothurn. Mühlethaler entschuldigt sich und drängt an den Passagieren vorbei, die dicht aneinander vor dem Ausgang aufgereiht stehen. Mit beiden Händen packt er das Seil, löst es vom Haken und wirft es über den Poller am Ufer. Der erste Wurf gelingt. Sichtlich stolz blickt er zu uns hinüber und legt den Laufsteg an. Zusammen mit den anderen Passagieren verlassen wir das Schiff. Mühlethaler zupft sein Hemd zurecht, überprüft die Uhrzeit und ist bereit für die Rückfahrt. Er sieht nicht mehr, wie wir ihm von Weitem zum Abschied zuwinken. 

Tipps rund um die Aareflussfahrt

 

Biel
Biel ist die grösste Stadt der Schweiz, in der Deutsch und Französisch gesprochen werden. Wer seine Flussfahrt hier beginnt, sollte etwas früher anreisen und sich bei einem Spaziergang und einem Kaffee in der hübschen Altstadt für den Tag stärken. Besonders sehenswert: die gotische Stadtkirche aus dem 15. Jahrhundert.

Büren
Büren lädt zu gemütlichem Verweilen ein. Wer in Büren einen Stopp einlegt, sollte sich nicht nur Schloss, Rathaus, Stadtkirche und Holzbrücke anschauen. In der Hagen-
Glasbläserei können Besucher dem Glasbläser bei der Arbeit über die Schulter schauen. 

Altreu
Entlang der Aare halten die Schiffe an verschiedenen Orten. Aussteigen lohnt sich in Altreu. Hier ist eine der grössten Storchenkolonien der Schweiz zuhause. Im Informationszentrum Witi können Führungen gebucht werden.    

Solothurn
Solothurn gilt als die schönste Barockstadt der Schweiz. Wer das erste Schiff ab Biel erwischt, hat am Nachmittag Zeit, sich das pittoreske Städtchen, in dem sich alles um die Zahl 11 dreht, genauer anzuschauen. Wussten Sie, dass es in der Altstadt 11 Kirchen und Kapellen, 11 historische Brunnen und 11 Türme gibt? Auch die Treppe der St.-Ursen-Kathedrale besteht aus drei Mal 11 Stufen, die Betstühle sind in 11er-Reihen angeordnet, es gibt 11 Altäre, im Turm hängen 11 Glocken und die Bauzeit dauerte 11 Jahre.

Restaurant Salzhaus
Das Restaurant Salzhaus liegt direkt an der Aare in Solothurn. Ob draussen mit Blick auf den Fluss oder drinnen im ehemaligen Salz- und Lagerhaus von Solothurn: Das asiatisch inspirierte Essen schmeckt hervorragend.