Die grosse Baustellenreportage: «Alphatiere sind fehl am Platz»

Dank des Sommerfahrplans kann die SBB auf zahlreichen Baustellen rund um die Uhr arbeiten. Aber was macht sie da genau? Wir, die Autoren der SBB Kommunikation, schauen die Baustelle St. Gallen–St. Gallen Winkeln an: 24 Stunden lang!

Mergim Faqi, der 26-jährige Polier auf der Baustelle in St. Gallen
Mergim Faqi, der 26-jährige Polier auf der Baustelle in St. Gallen

Lesezeit: 10 bis 15 Minuten

00.55 Uhr. Treffpunkt: Bahnhof St. Gallen Bruggen. In einigen Häusern an der Bahnlinie brennt noch Licht – kein Wunder, wenn man die lauten Dieselmotoren des Bauzugs hört, der auf Gleis 1 im Schritttempo vorbeifährt.

01.00 Uhr. Beim Bahnhofgebäude treffen wir Mergim Faqi. Als Polier führt er das Baustellenteam und ist verantwortlich, dass die Arbeiten rechtzeitig und gut gemacht werden. Der Stadtsanktgaller ist seit vier Jahren bei der SBB und erklärt uns, was heute Nacht gearbeitet wird. Der Bauzug schweisst einzelne Schienenstücke aneinander – so schnell wie 30 bis 35 Arbeiter, schätzt der Polier. «Aber die Logistik der Bauzüge macht uns manchmal auch Probleme – zum Beispiel, wenn die Reihenfolge der Wagen falsch ist.»

Die Schweisser haben den härtesten Job.

Mergim Faqi, 26, Polier

01.20 Uhr. Flammen zischen gut 30 Zentimeter hoch in die Nachtluft. Zwei Schweisser arbeiten je an einer Schiene. «Sie haben den härtesten Job hier», sagt Mergim Faqi – sie sind auf den Knien, mit der Schmirgelmaschine in der Hand, nah am 2500 Grad heissen Magnesium.

Einige Meter daneben verläuft ein Gleis, das in Betrieb ist. Der Sicherheitswärter hornt und rund 30 Sekunden später fährt eine einsame Lokomotive vorbei – wegen der Baustelle mit 80 statt 130 Stundenkilometer.

Aus zwei mach eins: die Arbeitsschritte beim Schienenschweissen.
Aus zwei mach eins: die Arbeitsschritte beim Schienenschweissen.
Aus zwei mach eins: die Arbeitsschritte beim Schienenschweissen.
Aus zwei mach eins: die Arbeitsschritte beim Schienenschweissen.
Aus zwei mach eins: die Arbeitsschritte beim Schienenschweissen.
Aus zwei mach eins: die Arbeitsschritte beim Schienenschweissen.
Aus zwei mach eins: die Arbeitsschritte beim Schienenschweissen.
Aus zwei mach eins: die Arbeitsschritte beim Schienenschweissen.

Aus zwei mach eins: die Arbeitsschritte beim Schienenschweissen.

Aus zwei mach eins: die Arbeitsschritte beim Schienenschweissen.

Aus zwei mach eins: die Arbeitsschritte beim Schienenschweissen.

Aus zwei mach eins: die Arbeitsschritte beim Schienenschweissen.

Aus zwei mach eins: die Arbeitsschritte beim Schienenschweissen.

Aus zwei mach eins: die Arbeitsschritte beim Schienenschweissen.

Aus zwei mach eins: die Arbeitsschritte beim Schienenschweissen.

Aus zwei mach eins: die Arbeitsschritte beim Schienenschweissen.

01.40 Uhr. Die Flammen sind erloschen und die Schweisser meisseln die Magnesiumreste von den Schienen (siehe Bild 8 oben). «Heute gibt’s keine Überstunden», sagt Mergim. Die brauche es nur, wenn etwas schieflaufe. «Dann frage ich jeden meiner Jungs, ob er noch mag.» Nur wer Ja sagt, bleibt. Solche Situationen könne man nicht planen – es helfe nur die Erfahrung. «Für mich als Chef ist es dann das wichtigste, Ruhe zu bewahren. Wenn ich nervös werde, werden alle unruhig», sagt der Polier.

Der Teamspirit sei das A und O auf einer solchen Baustelle. «Alphatiere sind hier fehl am Platz», ist Mergim Faqi überzeugt. Einer allein könne schliesslich maximal einen Meter Schiene à 60 Kilo hochheben, sagt er lächelnd. Heute Nacht wurden aber 800 Meter ersetzt…

Der Bauzug mit seinen Greifarmen auf Gleis 1 des Bahnhofs Bruggen.

01.55 Uhr. Wir gehen am Bauzug vorbei. Dieser lädt nun mit zwei Greifarmen die alten Schienen auf, die trotz 60 Kilo Gewicht pro Laufmeter wie Spaghetti schwabbeln.

Sechs verschiedene Bauzüge stehen auf der sechs Kilometer langen Baustelle im Einsatz – normalerweise sind es einer oder zwei. «Als wir das Projekt planten, waren viele skeptisch – und nun haben wir schon mehr als die Hälfte geschafft», sagt Polier Mergim Faqi stolz. Monoton sei seine Arbeit nie. Zwar gebe es Schichten, in denen man acht Stunden dieselben Arbeitsschritte wiederholt– «aber die Probleme sind nie dieselben.»

Die Probleme sind nie dieselben.

Mergim Faqi, Polier

Mergim Faqi

02:30 Uhr. Schichtende. Nach einem Kaffee im Container gehen wir zurück zum Hotel. Auch die auswärtigen Arbeiter sind in Hotels untergebracht. Viele wohnen jedoch wie Mergim Faqi in der Nähe. Auf der Baustelle ist es nun so leise, dass man die letzten Arbeiter von Weitem reden hört. Licht brennt mittlerweile in keinem Haus mehr.

Fast schon meditativ: der Kabelkanal und der dafür nötige Graben beim Bahnhof Bruggen.

10:10 Uhr. Ausgeschlafen sind wir zurück auf der Baustelle. An der Sonne ist es schon ziemlich warm. Entlang des gesperrten Gleises haben die Arbeiter einen Graben ausgehoben; daneben liegt ein Plastikrohr, in das später Kabel eingezogen werden. In aller Ruhe schneiden zwei Bauarbeiter Plastikelemente zu; zwei weitere stecken sie wie Legosteine zu einem viereckigen Turm zusammen. Als drei Leute den schweren Deckel aus Metall herantragen, wird uns klar, dass sie einen Schacht bauen. Erst als die Wasserwaage zeigt, dass der Schacht völlig eben ist, schüttet ihn ein kleiner Bagger rundherum zu.

Der neue Kabelschacht aus übergrossen «Legosteinen» mit Metalldeckel wird am Schluss sauber gewischt.
Der neue Kabelschacht aus übergrossen «Legosteinen» mit Metalldeckel wird am Schluss sauber gewischt.
Der neue Kabelschacht aus übergrossen «Legosteinen» mit Metalldeckel wird am Schluss sauber gewischt.
Der neue Kabelschacht aus übergrossen «Legosteinen» mit Metalldeckel wird am Schluss sauber gewischt.

Der neue Kabelschacht aus übergrossen «Legosteinen» mit Metalldeckel wird am Schluss sauber gewischt.

Der neue Kabelschacht aus übergrossen «Legosteinen» mit Metalldeckel wird am Schluss sauber gewischt.

Der neue Kabelschacht aus übergrossen «Legosteinen» mit Metalldeckel wird am Schluss sauber gewischt.

Der neue Kabelschacht aus übergrossen «Legosteinen» mit Metalldeckel wird am Schluss sauber gewischt.

18.30 Uhr. Den Nachmittag über hatte nebst den «Kablern» vor allem die Bauführung mit Büroarbeit zu tun. Nun treffen wir Mergim Faqi mit seinem Team nicht mehr in Bruggen, sondern in der Nähe des Bahnhofs St. Gallen. Hier wird eine Weiche eingebaut – diese hilft, die Zugfolgezeit zu verkürzen. Dank des Spurwechsels folgen sich die Züge auf diesem Abschnitt künftig alle zwei statt drei Minuten.

19.30 Uhr. Die warme Abendsonne strahlt und beleuchtet die Pfarrei St. Otmar, die über den Gleisen thront, während sich das Team zur Vorbesprechung versammelt. Kranisten, Baumaschinenbegleiter, Vorarbeiter und Gleismonteure besprechen bereits in oranger Vollmontur die Arbeitsschritte und die Sicherheit.

20.45 Uhr. Während die einen bereits Schotter laden und Maschinenkompositionen bereitstellen, gönnen sich andere nochmal ein paar Zigis und ein Kaffee vor dem Aufenthaltsraum. Die Stimmung ist locker. «Wir verstehen uns sehr gut und treffen uns auch in der Freizeit. Jeder kennt Frau und Kinder des anderen», sagt Lukas Steiner, der seit 20 Jahren als Gleismonteur arbeitet. Dank des Zusammenhalts laufe es auf der Baustelle besser, ergänzt Polier Mergim Faqi. «Ein so grosses Projekt ist auch eine tolle Herausforderung, die unser Team als Visitenkarte innerhalb der SBB nutzt.»

Jeder kennt Frau und Kinder des anderen.

Lukas Steiner, Gleismonteur

21.50 Uhr. Langsam, aber sicher wird es dunkel über St.Gallen, die Baustellen-Scheinwerfer sorgen für das nötige Licht und eine Brise kühlt ab. Das ist gut so, denn jetzt beginnen die schweren Arbeiten: 108 Meter Schienen werden in Handarbeit in 18 Meter lange Stücke – sogenannte Gleisjoche – getrennt. Der Vanomag 9 (siehe Box ganz unten) fährt an, hebt mit seinem Kran jeweils zwei Gleisjoche an und transportiert sie ab. Später kommen die Teile ins Bahntechnik-Center Hägendorf zur allfälligen Weiterverarbeitung, je nach Zustand.

Der Vanomag 9 hebt Gleisjoche aus dem Schotter und transportiert sie weg.
Der Vanomag 9 hebt Gleisjoche aus dem Schotter und transportiert sie weg.
Der Vanomag 9 hebt Gleisjoche aus dem Schotter und transportiert sie weg.
Der Vanomag 9 hebt Gleisjoche aus dem Schotter und transportiert sie weg.

Der Vanomag 9 hebt Gleisjoche aus dem Schotter und transportiert sie weg.

Der Vanomag 9 hebt Gleisjoche aus dem Schotter und transportiert sie weg.

Der Vanomag 9 hebt Gleisjoche aus dem Schotter und transportiert sie weg.

Der Vanomag 9 hebt Gleisjoche aus dem Schotter und transportiert sie weg.

22.25 Uhr. Das vierte Joch wird ausgehoben, als ein lautes Signal ertönt, begleitet von intensiv blinkenden Lampen. Alle müssen zurückstehen und warten, bis auf dem Nebengleis ein Personenzug vorbeigefahren ist. Gesperrt ist nämlich nur ein Gleis, damit der Hauptbahnhof St. Gallen nicht komplett abgehängt ist. Die Zwangspausen für die Mitarbeitenden werden meist zu Zigipausen. Viele Zigaretten werden in dieser Nacht geraucht – unter Hochkonzentration neben vorbeifahrenden Zügen. «Normalerweise gibt es nicht so viele Unterbrüche», sagt Mergim Faqi. «Hier ist es häufiger, weil es gleich da vorne mehrere Weichen hat, was besondere Vorsicht verlangt.»

Fährt ein Zug auf dem Nebengleis vorbei, müssen die Arbeiten warten

23.05 Uhr. Jetzt liegt im Gleisbett nur noch Schotter und damit ist der Zeitpunkt für den Einsatz der Aushubmaschine VanoLiner MFS 40 (siehe Box ganz unten) gekommen. Der gelbe Koloss wiegt selbst fast 40 Tonnen und kann zusätzliche 60 Tonnen aufladen. Am Kopf der Aushubmaschine hebt ein Bagger Schotter aus – rund 1600 Kilogramm pro Schaufel – und schüttet dieses auf ein Förderband. Wir sind von Kraft und Grösse beeindruckt; der quietschende Lärm von Schottersteinen, die auf Metall treffen, geht durch Mark und Bein. Meter für Meter gräbt sich der VanoLiner MFS 40 vor, schnell klafft eine «offene Wunde» zwischen dem abgetrennten Gleis und der Maschine (siehe Bild unten), die rückwärts arbeitet.

Die Aushubmaschine baggert den alten Schotter in ihren «Bauch». Danach ist eine Lücke dort, wo vorher das Gleis war.
Die Aushubmaschine baggert den alten Schotter in ihren «Bauch». Danach ist eine Lücke dort, wo vorher das Gleis war.
Die Aushubmaschine baggert den alten Schotter in ihren «Bauch». Danach ist eine Lücke dort, wo vorher das Gleis war.
Die Aushubmaschine baggert den alten Schotter in ihren «Bauch». Danach ist eine Lücke dort, wo vorher das Gleis war.

Die Aushubmaschine baggert den alten Schotter in ihren «Bauch». Danach ist eine Lücke dort, wo vorher das Gleis war.

Die Aushubmaschine baggert den alten Schotter in ihren «Bauch». Danach ist eine Lücke dort, wo vorher das Gleis war.

Die Aushubmaschine baggert den alten Schotter in ihren «Bauch». Danach ist eine Lücke dort, wo vorher das Gleis war.

Die Aushubmaschine baggert den alten Schotter in ihren «Bauch». Danach ist eine Lücke dort, wo vorher das Gleis war.

00.10 Uhr. Langsam frieren wir unter dem schwarzen St. Galler Nachthimmel. Eine gute halbe Stunde haben wir schon gewartet, bis die «offene Wunde» versorgt werden kann. Jetzt ist das Gleis endlich frei und der «Sanitäter» in Form eines noch grösseren VanoLiners (MFS 100) kann anrollen. Das Spektakel beginnt: 75 Tonnen Schotter purzeln praktisch in einem Guss über die Rampe. Währenddessen fährt die Maschine langsam zurück, sodass sich der Schotter verteilt. Es ist ein Höllenlärm. Staub steigt auf und wir sehen unser Gegenüber kaum mehr, Bärte werden weiss. Eine Minute später liegt ein grosser, langer Haufen Schotter im Gleisbett. Dieser wird nun von einem 8-Tonnen-Bagger geglättet, der neben den VanoLinern winzig wirkt.

Spektakulärer Anblick und Höllenlärm, wenn der frische Schotter die «Wunde» im Gleisfeld auffüllt.

Mit der Totalsperre kommen wir in einer Nacht viel weiter!

Mergim Faqi, Polier

00.45 Uhr. «Stell dir vor, wie hätten keine Totalsperre! So kommen wir in einer Nacht viel weiter, als wenn wir das Gleis um 5 Uhr wieder freigeben müssten. So haben wir fast 50 Meter mehr geschafft – und das rechnet sich auf die Dauer der ganzen Baustelle», sagt Mergim Faqi, als wir zurück zum Aufenthaltsraum gehen. Jetzt sei Zeit zum «Käfelen», sagt er grinsend. Nach jeder Schicht sitze das Team bei einem Kaffee zusammen und bespricht, was gut war und was nicht. «Ab und zu entschuldigt sich dabei auch einer, weil er einen anderen angeschnauzt hat. Wir sind Bauarbeiter, da hört man schon mal ein Schimpfwort...». Diese Gespräche sind besonders wichtig, ist der Polier überzeugt. «Hier habe ich sehr viel von meinen Mitarbeitenden gelernt. Ich wäre heute in meinem Job nicht so gut, gäbe es die Kaffeerunde am Schichtende nicht». Und mit dem heutigen Schichtende endet auch unser 24-Stunden-Besuch auf der eindrücklichen Baustelle in St. Gallen.

 

Die St. Galler Baumaschinen

MFS: MFS-Wagen (Material- Förder- und Siloeinheit) erleichtern und rationalisieren Arbeitsabläufe im Gleis sowie im Gleistiefbau. Es gibt verschiedenen Typenausführungen, die momentan die 33er, 40er und 100er Serie beinhalten. Jeder der Wagen ist mit einem eigenen Motor bestückt, sodass jeder Wagen unabhängig vom anderen eingesetzt werden kann. Einige der Wagen sind mit einem eigenen Fahrantrieb ausgerüstet.

Vanoliner: Die Aufgabe der Vanoliner besteht darin, MFS-Wagen mit dem wegzuführenden Aushub zu beladen. Den Aushub zieht er sich via flexibles Baggersystem in die Ladeschurre. Ab dort wird das Abbaumaterial via Förderband an einen MFS-Wagen übergeben. Er kann bis zu 120 Kubikmeter pro Stunde verladen.

Vanomag 9: Kran für diverse Kranarbeiten sowie Aus- und Einbau von Jochelementen bis 36 Metern Länge, Ein- und Ausbau von schweren Elementen aller Art bis 130 Tonnen, Aus- und Einbau von Unterführungen.

 

Am Anfang dieses Artikels haben wir erstmals die geschätzte Lesezeit vermerkt. Lasst uns eure Meinung dazu in den Kommentaren wissen.