Neues berufliches Abenteuer – mit 56 Jahren und ohne Plan B

Ruedi Widmer war Betriebsdisponent, stellvertretender Bahnhofsvorstand, Mitarbeiter bei der Intervention. 39 Dienstjahre kamen zusammen. Jetzt hat er einen Neustart gewagt: Ohne Furcht vor digitalen Tools liess er sich zum Reisezugbegleiter ausbilden. In seinem neuen Beruf ist er rundum zufrieden.

«Alles klar» signalisiert Ruedi Widmer dem Lokführer.
«Alles klar» signalisiert Ruedi Widmer dem Lokführer.

In Olten steht der Interregio 27 nach Basel auf Gleis 10 bereit. Pünktlich um 12.12 Uhr wird er abfahren. Von Zugchefin Christa Studer hat der Lokführer bereits grünes Licht erhalten. Auch Ruedi Widmer signalisiert mit einer gelben Karte, die er hochhält: Alles klar im hinteren Zugteil – bereit zur Abfahrt. Der Zug fährt los, und unverzüglich beginnt Ruedi Widmer mit der Billettkontrolle. Dazu setzt er die Lesebrille, die um seinen Hals baumelt, auf. «Grüessech mitenand», ruft er zuerst pauschal in den Wagen, bevor er dann jeden Reisenden individuell begrüsst. Alle strecken ihm bereitwillig ihren Fahrausweis entgegen.

Ein Neuling im Beruf

Routiniert läuft diese Billettkontrolle ab. Ruedi Widmer wirkt souverän, strahlt Vertrauen aus. Dass er ein Anfänger in diesem Beruf ist, würde wohl niemand vermuten. Tatsächlich hat er seine Ausbildung als Zugbegleiter erst im Mai dieses Jahres abgeschlossen – mit seinen 56 Jahren als ältester Teilnehmer des Lehrgangs. Widmer ist seit der Lehre als Bahnbetriebsdisponent bei der SBB. 39 Dienstjahre hat er bereits auf dem Buckel. Seine wichtigsten Stationen: stellvertretender Bahnhofsvorstand in Wolhusen, Sous-Chef im Bahnhof Bern und zuletzt Mitarbeiter bei der Intervention in Olten.
 

Motiviert und voller Tatendrang hat Ruedi Widmer etwas Neues in Angriff genommen.

Stets waren es Umstrukturierungen, die ihn zu einer neuen Aufgabe führten. Anlässlich der Reorganisation bei der Intervention beschloss Ruedi Widmer, das Ruder selber in die Hand zu nehmen. Weil ihm eine Zukunft bei der Intervention angesichts des geschrumpften Aufgabenportfolios nicht verlockend erschien, hat er sich gar nicht erst um eine Stelle beworben. Eine Entscheidung, die viele seiner Kollegen nicht nachvollziehen konnten. Widmer musste indes nicht lange überlegen, wie er sich seine Zukunft vorstellte. Eine neue Aufgabe mit Kundenkontakt sollte es sein. Weil ihm Zugbegleitende viel Positives über ihre Arbeit berichtet hatten, fiel die Wahl auf diesen Beruf. Er bewarb sich, musste aber gleich zwei Absagen einstecken. Hatte die Personalabteilung die Altersguillotine auf ihn niedersausen lassen? Ruedi Widmer liess nicht locker. Es war Sven Trachsel, Teamleiter Kundenbegleitung in Olten, der schliesslich das Potential von Ruedi Widmer erkannte. Er war beeindruckt von dessen Motivation und stellte ihn ein.

Ruedi Widmer gehörte zu jener Pilotklasse, die ihre Ausbildung erstmals in acht statt wie bisher in zwölf Monaten durchlief. Eine Premiere war zudem, dass alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer für die Ausbildungszeit ein Laptop erhielten. Bisher mussten die angehenden Reisezugbegleitenden stets die Geräte in den Diensträumen oder private Geräte benutzen, um aufs E-Learning-Tool zugreifen zu können. «Wir waren die so genannte Laptop-Klasse», erzählt Widmer.

Mit den Jungen mitgehalten

Die elektronischen Lernformen sagten Ruedi Widmer zu, Berührungsängste hatte er keine, obschon die Aufgaben in seiner bisherigen Laufbahn keine besondere digitale Fitness erforderten. Auch privat beschränken sich seine Kenntnisse im Umgang mit digitalen Geräten lediglich auf einfache Anwenderkenntnisse. «Ich dachte nicht, dass ich mit den Jungen so gut mithalten kann», sagt er.

Dennoch war die achtmonatige Ausbildung für Ruedi Widmer eine Belastungsprobe. «Zu viel Stoff in zu kurzer Zeit» lautet sein Fazit. Er sei «an den Anschlag gekommen» und hätte wohl nicht viel länger durchgehalten. Am Schluss ist es aber das Resultat, das zählt, und das fiel bei ihm «gut bis sehr gut» aus, wie er sagt. «Darauf bin ich schon stolz.»

Bei der Billettkontrolle wirkt Ruedi Widmer bereits routiniert.

In seinem neuen Arbeitsalltag als Zugbegleiter kann Ruedi Widmer nun sein frisch erworbenes Wissen unter Beweis stellen. «Natürlich bilde ich mir nicht ein, dass ich jetzt alles schon weiss und kann», sagt er bescheiden. Aber er habe keine Hemmungen, erfahrenere Kollegen um Rat zu fragen. So ist er rundum zufrieden in seinem neuen Beruf – was vor allem daran liegt, dass er in direktem Kontakt mit den Kunden steht. Hier ein paar freundliche Worte, dort ein Scherz – das gefällt ihm. «Gerne würde ich öfter witzeln», erzählt er, «aber mit dem Humor ist es so eine Sache: Nicht alle sind empfänglich dafür. Darum lasse ich es im Zweifelsfall lieber sein.»

Ruedi Widmers Geschichte vom beruflichen Neustart ist also eine Erfolgsgeschichte. «Im Nachhinein sehe ich zwar ein, dass ich etwas blauäugig war, alles auf die Karte Zugbegleiter zu setzen», sagt er. Einen Plan B hatte er nämlich nicht. Doch nun ist er froh, ist alles gut gegangen. Und dass er in einem Alter, in dem andere sich freuen, wenn die Arbeitstage gemächlicher werden, sich in ein neues Abenteuer gestürzt hat.

Ich dachte nicht, dass ich mit den Jungen so gut mithalten kann.

Ruedi Widmer

Von der Zug- zur Kundenbegleitung

Mit dem Programm «Kundenbegleitung 2020» stellt die SBB die Kunden und ihre Bedürfnisse in den Mittelpunkt. Das heisst: Weg von den bisherigen Berufsbildern «Zugpersonal Fernverkehr», «Zugpersonal Regionalverkehr», «Aufsicht Personenverkehr» und «Frequenzerheber» und hin zum «KundenbegleiterIn SBB», der alle Funktionen ausübt. So können die Kundenbegleiter dort präsent sein, wo die Kunden den grössten Mehrwert in der Begleitung und Betreuung haben. Für die Mitarbeitenden, die gerne den Kundenkontakt pflegen, entsteht ein attraktives und zukunftsfähiges Berufsbild mit abwechslungsreichen Aufgabengebieten.
Die Touren des Zugpersonals werden künftig bedarfsgerecht gestaltet: Berücksichtigt werden die Saison, Events oder Baustellen. Zentral für die «Kundenbegleitung 2020» ist zudem ein flexibler, bereichsübergreifender Einsatz des Zug- und Aufsichtspersonals. Die Kundenbegleiter sind ab dem Fahrplanwechsel am 9. Dezember 2018 im Einsatz.