Auf Kontrollgang im Simplon-Tunnel. Eine Reportage

Streckeninspektor André Julier kennt den Simplon-Tunnel wie seine Westentasche. Zweimal pro Woche macht er in Eisenbahntunneln Sicherheitskontrollen – zu Fuss und mit iPad. SBB News hat ihn einen Tag begleitet.

André Julier macht im Simplon-Tunnel Sicherheitskontrollen.
André Julier macht im Simplon-Tunnel Sicherheitskontrollen.

Heute ist ein spezieller Arbeitstag: Statt im Büro der SBB Kommunikation vor einem Bildschirm in die Tasten zu hauen, laufe ich mit meiner persönlichen Schutzausrüstung und Taschenlampe in einem Tunnel herum und blicke Streckeninspektor André Julier über die Schultern. Auch für ihn ist das speziell: Sonst ist er bei der Arbeit alleine.

Er ist einer von rund 50 Streckeninspektoren bei der SBB und überprüft regelmässig die Sicherheit der Bahnanlagen: Weichen, Schienen aber auch Entwässerungsanlagen – um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Auch Tunnel werden von Streckeninspektoren regelmässig überprüft. Im Bild: Der Simplon-Tunnel.

Heute steht der Simplon-Tunnel auf dem Programm. Bevor es reingeht, meldet sich André bei der technischen Leitzentrale in Lausanne. «Hallo, kannst du mir bitte das Licht einschalten?» Normalerweise ist es hier stockfinster. Für den Rundgang erhellt ein Lichtband eine Seite der Tunnelwand. André hat trotzdem immer eine Taschenlampe dabei, um jedes kleine Eck ausleuchten zu können. Und falls die «grosse» Beleuchtung ausfällt.

Im Gepäck hat er ausserdem ein Gerät, das Sauerstoff, Kohlenmonoxid und Kohlendioxid misst; den knapp drei Kilo schweren Selbstretter, der ihm die Flucht nach draussen ermöglichen soll, falls die Luft einmal knapp wird; das iPad, in dem er seine Beobachtungen erfasst und ein neues Hilfsmittel, das er aktuell testet. Es soll ihn vor herannahenden Zügen warnen.

Sicherheit ist alles

Mit dem Autoverlad-Zug geht es in den Berg hinein. Wir steigen in Tunnel-Station aus. Hier, in der Mitte des Tunnels, war früher ein Stellwerk. Heute erinnert der kahle Raum eher an eine Filmkulisse. Nackte Wände, ein staubgeschwärzter Tisch und Bank sind Zeugen einer längst vergangenen Zeit.

André trifft die letzten Vorbereitungen. Immer bevor er seinen Rundgang startet, meldet er der Betriebszentrale in Spiez, wo er unterwegs ist. Telefon, Uhrenvergleich, Notiz auf seinem kleinen Block. «Die Kollegen sorgen dafür, dass mir die Züge entgegenkommen oder durch die andere Röhre fahren.» Für die Streckeninspektoren ist das überlebensnotwendig. Denn während sie sich um die Sicherheit der Kunden sorgen, müssen sie sich vor allem auch um ihre eigene Sicherheit kümmern. Dafür sind sie auf ihre Aufmerksamkeit und Sinne angewiesen.

Bevor André losläuft, telefoniert er mit der Betriebszentrale – damit Züge ihm entgegenkommen.

«Würde man diesen Job zu zweit machen, wäre man viel zu sehr abgelenkt.» Doch das und Augen und Ohren sind nicht alles. «Ich merke am Luftdruck, wenn ein Zug kommt.» Momentan testet er einen digitalen Helfer, um seine Sicherheit weiter zu erhöhen: Ein mobiles Warnsystem. Damit meldet er sich jetzt an.

Aktuell testet André ein neues Warnsystem. Damit meldet er sich an verschiedenen Standorten an.

«20 Sekunden bevor ein Zug den Kilometer 11 passiert, gibt das Gerät Alarm.» Das hilft ihm nur beschränkt. Denn die Zeit, die ihm zur Verfügung steht, um sich in Sicherheit zu bringen, hängt ganz davon ab, wo er unterwegs ist. «Ausserdem weiss ich nicht, wie schnell der Zug fährt.»

Mit bis zu 160 km/h rauschen die Züge durch den Simplon-Tunnel – da muss André Abstand halten. Geschätzt einen halben Meter trennen die Tunnelwand und das Gleisbett. Das reicht nicht aus. Zu stark ist der Fahrtwind. «Ausserdem besteht Gefahr, dass man aufgrund von abstehenden Teilen, wie zum Beispiel einem Trittbrett, mitgeschleift wird.»

Bei jeder Durchfahrt heisst es deshalb: Warten in der Nische. Ungefähr alle 50 Meter hat es eine solche Nische. «Falls es nicht zur nächsten reicht, dann muss ich einfach zur letzten zurücklaufen», sagt André pragmatisch. «Und zwischen den Gleisen?», fragt der Fotograf. André lächelt und schüttelt entschieden den Kopf. «Das gibt es nur im Film.»

(Fast) jeder Schritt eine Sicherheitskontrolle

Wir verlassen die Tunnel-Station und starten die Runde. Was vom Zug aus eng wirkte, erscheint zu Fuss plötzlich geräumig. Das Zirpen der Grillen füllt die Stille im Tunnel. Nur unsere Schritte durchbrechen die Ruhe.

28 Grad warm ist es im Tunnel, von Kellerfeuchte keine Spur. «Wenn es im Winter klirrend kalt ist, merke ich allerdings schon, wie die Züge die kalte Luft vor sich herschieben», erklärt André. Dann findet er einen Gesteinsbrocken zwischen dem Schotter und blickt zur Decke. «Das kommt vom Gewölbe. Das muss man im Auge behalten.»

An der Decke ist bereits markiert, was bei der nächsten Sanierung ausgebessert wird.

André läuft ruhig und konzentriert. Mit einem verträumten, gemütlichen Spaziergang hat seine Arbeit nichts zu tun. Hier inspiziert er eine Schiene, dort entfernt er ein undefinierbares Plastikteil aus dem Gleisbett und ein paar Meter weiter wechselt er die Glühbirne eines Weichensignals. An anderer Stelle rinnt Wasser die Tunnelwand entlang. Er überprüft die Entwässerungsanlage und räumt den Filter frei, so dass das Wasser ungehindert abfliessen kann.

André inspiziert alles ganz genau.

Kein Schritt ist zufällig. Er weiss genau, was er als nächstes unter die Lupe nimmt. Dabei dokumentiert er seine Beobachtungen über sein iPad und gibt Feedback zu den Meldungen des Diagnosefahrzeugs. «Hier sehe ich auch dessen Fotos. So kann ich vergleichen, wie sich der Zustand entwickelt hat.»

Auf dem iPad erfasst er seine Beobachtungen.

Hinzu kommt, dass nicht alle Aufnahmen, die das Diagnosefahrzeug liefert, eindeutig sind. «Hier braucht es einen Menschen, der sich das vor Ort anschaut und dann einschätzt, ob und wann Massnahmen zu treffen sind.» Das wiederrum vermerkt André ebenfalls in seinem iPad. Woher er das weiss? «Erfahrung», sagt André mit Selbstverständlichkeit und einer guten Portion Berufsstolz.

Er ist Bähnler, durch und durch. Vor 39 Jahren fing er bei der SBB an; er lernte Gleisbauer. Seit rund 30 Jahren ist er Streckeninspektor. «Früher mussten wir unsere Beobachtungen per Papier notieren, im Büro abtippen und erst dann konnte der Anlagenverantwortliche darauf zugreifen und Massnahmen einleiten.»

Ein kurzer Blick aufs iPad verrät ihm, welche Stellen er sich genauer anschauen sollte.

Plötzlich macht es «plopp» in meinen Ohren. So fühlen sie sich sonst nur im Flugzeug beim Abheben oder Landen an. «Jetzt kommt bald ein Zug», klärt mich André auf. Ich bin schon bereit, in die nächste Nische zu springen. Aber André läuft seelenruhig im Gleisbett weiter, mustert aufmerksam Schotter, Schienen und Schwellen. Vom Zug ist immer noch nichts zu hören, geschweige denn zu sehen.

Hier, irgendwo zwischen der Schweiz und Italien, weht langsam ein Lüftchen. Als das Lüftchen zu einer steifen Brise wird, steuert André die nächste Nische an. So langsam dämmert mir, was André meinte, als er sagte: «Ich merke die Züge am Luftdruck.»

Wir passen zu dritt bequem in die Nische. «Schau mal zur Decke. An der Fahrleitung sieht man die Lichter zuerst.» In der Stille kriechen langsam Lichter die geschwärzte Tunneldecke entlang. Der Wind wird immer stärker. Wie weit der Zug wohl noch entfernt ist? Irgendwann blitzen die beiden Zugscheinwerfer auf und blicken mich wie zwei Augen an. Ich stelle mich lieber einen Schritt zurück.

Einige Momente später wird es laut. Der Zug donnert an uns vorbei und schluckt das Licht. Ein paar Augenblicke ist es finster. Ein kräftiger Windstoss, ein letztes Fauchen – und der Zug ist passiert. Andrés Messgerät piept. «Jedes Mal, wenn ein Zug vorbeifährt, gibt es ein kleines Vakuum.» Für den Menschen ist das kein Problem. «Ohne das Gerät würden wir das nicht einmal merken.» Der Wind flacht nur langsam ab und wirbelt noch lange, nachdem der Zug aus Hör- und Sichtweite verschwunden ist, durch den Tunnel.

André wartet die Zugdurchfahrt ab und hält sich die Ohren zu. 100 Dezibel rattern an uns vorbei.

Traumjob Streckeninspektor

Rund 60 bis 70 Kilometer läuft André insgesamt jede Woche – draussen und im Tunnel. Auf die Frage, ob er lieber draussen oder unter Tage läuft, antwortet er mit einem Lachen: «Das hängt ganz vom Wetter ab!». Streckeninspektor, das sei sein Traumjob. Er geniesst die Ruhe des einsamen Berufs und die Bewegung. Und noch etwas schätzt er: «Ich habe eine sehr grosse Verantwortung.»

Zwei Tage pro Woche ist er unter Tage, denn in seinem Zuständigkeitsbereich liegen fünf Tunnel. Doch den gut hundert Jahre alte Simplon-Tunnel hat er am liebsten. «Das ist eine Art Hobby geworden,» erklärt er. Denn die Metallstücke, die er im Tunnel findet, verarbeitet er weiter zu Figuren. Er zeigt Bilder von Trompetern, Tauchern, Velofahrern aber auch von Gleisbauern und Streckeninspektoren. Insgesamt 300 Figuren hat er schon gebaut, davon knapp 100 Motive.

Fundstücke aus dem Simplon-Tunnel verarbeitet André zu Figuren.
Fundstücke aus dem Simplon-Tunnel verarbeitet André zu Figuren.
Fundstücke aus dem Simplon-Tunnel verarbeitet André zu Figuren.
Fundstücke aus dem Simplon-Tunnel verarbeitet André zu Figuren.

Fundstücke aus dem Simplon-Tunnel verarbeitet André zu Figuren.

Fundstücke aus dem Simplon-Tunnel verarbeitet André zu Figuren.

Fundstücke aus dem Simplon-Tunnel verarbeitet André zu Figuren.

Fundstücke aus dem Simplon-Tunnel verarbeitet André zu Figuren.

Heute hat er kein Metallteil gefunden. Wir warten wieder in der Tunnel-Station auf unser «Taxi», den Autoverlad-Zug. Kaum auf dem Zug, lässt André das Licht wieder ausschalten. Nur die Scheinwerfer der Lok kämpfen sich durch die Dunkelheit des Tunnels. Bevor der Zug losfährt, zuckt André kurz. Er scheint etwas vor der Lok entdeckt zu haben. Er zückt seine Taschenlampe. Treffer! Der Lichtkegel erhellt ein kleines «Loch» zwischen Schiene und Schotter. Andrés Augen entgeht eben nichts.

Betreten verboten!

Das Betreten von Bahntunnels ist zu jeder Tages-und Nachtzeit lebensgefährlich und verboten.