Landesstreik 1918: Die Rolle der Eisenbahner

Der Landesstreik 1918, der sich dieser Tage zum 100. Mal jährt, war eine der schwersten politischen Krisen des Bundesstaates. Welche Rolle spielten die Eisenbahner während der drei Streiktage? Fünf Fragen und Antworten dazu.

Die Streikenden sorgten dafür, dass der Bahnbetrieb eingestellt wurde
Die Streikenden sorgten dafür, dass der Bahnbetrieb eingestellt wurde

Von der Armut betroffene Arbeiter auf der einen und Kriegsgewinne einfahrende Unternehmer mit Regierung und Militär auf der anderen Seite: Diese Parteien standen sich in einem ab 1917 immer schärfer werdenden sozialen Konflikt gegenüber. Am 10. November 1918 kam es während einer Protestdemonstration gar zu einem Toten, die Lage eskalierte und das Oltener Aktionskomitee, ein Zusammenschluss der wichtigsten SP- und Gewerkschaftsfunktionäre, rief den Landesstreik aus, bei dem die Eisenbahner eine wesentliche Rolle spielten.

Warum wurde bei der Eisenbahn gestreikt?

Die Eisenbahner waren mit Emil Düby als Generalsekretär des Verbandes schweizerischer Eisenbahnangestellter im Oltener Aktionskomitee vertreten. Mit einem Streikaufruf an die Eisenbahner wollte die Streikleitung die Eisenbahner zur Arbeitsniederlegung bewegen. Sie appellierten an die Solidarität der Eisenbahner mit den Arbeitern und riefen zum Protest gegen das repressive Vorgehen der Regierung auf. Auch verschiedene Punkte der allgemeinen Streikforderungen wie die Einführung des Achtstundentages (an sechs Wochentagen) wurden unterstützt. Unzufriedenheit bei der Eisenbahn herrschte teilweise auch wegen den hierarchischen Strukturen und den daraus resultierenden Unterschieden in Lohn und Stellung.

Zahlreiche Eisenbahner beteiligten sich am Streik

Wie viele Eisenbahner waren am Streik beteiligt?

Schätzungen gehen schweizweit von 250 000 streikenden Arbeiterinnen und Arbeitern aus. Die Beteiligung der Eisenbahner variierte je nach Region und Tätigkeit stark. Während die Arbeiterverbände in der Deutschschweiz schnell von der Notwendigkeit des Streiks überzeugt waren, fiel die Beteiligung der Kollegen in der Romandie und dem Tessin wesentlich tiefer aus. Im damaligen Kreis III mit Sitz in Zürich waren insgesamt 60 Prozent der Eisenbahner an einem oder mehreren Tagen der Arbeit ferngeblieben. Während es in der allgemeinen Verwaltung gerade 20 Prozent waren, streikten in der Werkstätte Zürich fast alle, nämlich 97 Prozent.
 

Die Anzahl der Mitarbeitenden, die streikten, wurde genau festgehalten

Mit welchen Aktionen machten die Eisenbahner auf ihre Anliegen aufmerksam?

Die Streikenden organisierten sich lokal mit Platzorganisationen, welche die Einstellung des Bahn-betriebs und weitere Massnahmen kontrollierten und besorgten. Überliefert sind auch kleinere Sabotageaktionen, wie das Verstecken von Handkurbeln zum Öffnen der Depottore oder die Beschädigung von Gleisanlagen. Vereinzelt wurden auch körperliche Angriffe auf arbeitende Eisenbahner gemeldet.
 

Die Bahn steht still. Dies war eine der wirkungsvollsten Streikmassnahmen

Welche Bedeutung hatte ihre Streikbeteiligung?

Die Einstellung des Bahnbetriebs war eine der wirkungsvollsten Streikmassnahmen, da davon Bevölkerung, Politik und Wirtschaft betroffen war. Der Historiker Bernard Degen schreibt dazu: «Den tiefsten Eindruck hinterliess die Beteiligung der Eisenbahner, die die Bewegung in sonst kaum berührte ländliche Gegenden trugen.» Ohne verkehrenden Züge war der Gütertransport eingeschränkt, Politiker kamen nicht rechtzeitig zu ihren Sessionen und Arbeitnehmer und Waren kamen nicht zu ihren Betrieben. Der Bundesrat war sich dieser Bedeutung bewusst und führte bei Streikausbruch umgehend den Kriegsbetrieb ein, was die Teilnahme am Streik zur Dienstverweigerung machte, die durch die Militärjustiz verfolgt wurde.
 

Der Bundesrat führte bei Ausbruch des Streiks den Kriegsbetrieb bei der Eisenbahn ein

Welche Folgen hatte der Landesstreik für die Eisenbahner?

Nach dem Streik erliess der Bundesrat eine Amnestie für die Streikteilnehmer. Davon ausgenommen waren aber alle, die eines zusätzlichen «Vergehens» wie Aufruhr, Agitation, missbräuchliche Benutzung der Bahndrähte, Sabotage und mehr verdächtigt wurden. Mehr als 3500 Personen, die meisten davon Eisenbahner, wurden Verfahren eingeleitet. Auch wenn sich bei den Beschuldigten ein Freispruch abzeichnete, blieben diese oft mit Lohnausfall mehrere Monate vom Dienst suspendiert. 147 Personen wurden schliesslich strafrechtlich verurteilt, gegen zahlreiche weitere Eisenbahner wurden arbeitsrechtliche Massnahmen wie disziplinarische Verfügungen verhängt. Mit dem neuen Beamtengesetz von 1927 wurde dann ein Streikverbot eingeführt. Die grundsätzliche Frage, ob ein Beamter überhaupt Mitglied bei einer kommunistischen Vereinigung sein dürfe, wurde zu Beginn der 1930er Jahre mit einen klaren «Nein» entschieden. Auf Seiten Arbeiterorganisationen beschleunigten die im Landesstreik gemachten Erfahrungen den Zusammenschluss mehrere Kleinverbände zum Einheitsverband: 1919 wurde der SEV gegründet.