«Reisende mit Behinderung möchten autonom reisen»

Bis Ende 2023 werden 93 Prozent der Kunden an den Bahnhöfen der SBB barrierefrei reisen können. Simone Mundwiler, Leiterin des Programms «Bahnzugang 2023» erklärt, wozu es das BehiG (Behindertengleichstellungsgesetz) braucht und warum seine Umsetzung die Mitarbeitenden der SBB fordert.

Simone Mundwiler erklärt Stand und Herausforderungen von BehiG
Simone Mundwiler erklärt Stand und Herausforderungen von BehiG

Bereits heute bietet die SBB Reisenden mit Mobilitätseinschränkung Unterstützung. Warum ist das BehiG trotzdem nötig?

Ein grosses Anliegen von Menschen mit Behinderung ist es, nicht auf Hilfe angewiesen zu sein und sich möglichst autonom bewegen zu können. Ich verstehe das voll und ganz. An nicht BehiG-konformen Bahnhöfen unterstützen wir sie bereits heute mit sogenannten Ersatzmassnahmen. Dazu gehört beispielsweise das Einsteigen mithilfe eines mobilen Liftes Da sie diesen nicht selbstständig bedienen können, sind sie abhängig. Einmal im Zug, müssen die Fahrgäste darauf vertrauen, dass am Zielbahnhof jemand auf sie wartet und ihnen beim Aussteigen hilft. Deshalb ist es den Behindertenverbänden ein grosses Anliegen, dass nicht einfach alles auf die Schnelle über Ersatzmassnahmen gelöst wird, sondern möglichst viele Bahnhöfe barrierefrei umgebaut werden.

Mit Ersatzmassnahmen wie dem mobilen Lift können Behinderte reisen, aber nicht autonom.
Auch beim Einsteigen mit Faltrampen benötigen sie die Hilfe anderer.

Mit Ersatzmassnahmen wie dem mobilen Lift können Behinderte reisen, aber nicht autonom.

Auch beim Einsteigen mit Faltrampen benötigen sie die Hilfe anderer.

Heute können 58 Prozent der Kunden barrierefrei reisen. Wie geht es mit der Umsetzung des BehiG weiter?

Wir arbeiten intensiv daran. Nach einer etwas längeren Anlaufzeit hat das Thema mit dem Start des Programms «Bahnzugang 2023» im Jahr 2014 sehr viel Gewicht bekommen. Heute beschäftigen sich rund 70 Mitarbeitende fast ausschliesslich mit BehiG. Und wir werden noch ungefähr 30 weitere rekrutieren, um die Ziele zu erreichen. Denn 2023 läuft die Frist für die Umsetzung des BehiG ab. Wir werden bis dahin 556 unserer Bahnhöfe umbauen, so dass 93 Prozent der Kunden barrierefrei reisen können. Bis 2026 werden wir voraussichtlich weitere 80 Bahnhöfe anpassen, so dass dann 97 Prozent der Reisenden barrierefrei ein- und aussteigen können.

Jahr

Anzahl Bahnhöfe*

Anteil Reisender

2017

335 BehiG-konform

58 Prozent

2023

556 BehiG-konform

93 Prozent

Nach 2023

679 BehiG-konform

99 Prozent

 

68 vorerst kein Umbau

  1 Prozent

*Total SBB Bahnhöfe: 747  

 

68 Bahnhöfe werden nicht umgebaut. Warum nicht?

Das Gesetz fordert, dass die Umsetzung «verhältnismässig» sein muss. Nur – was heisst das? Um diese Frage zu klären, haben die Bahnen zusammen mit dem Verband öffentlicher Verkehr VöV die «Planungshilfe Interessenabwägung BehiG» entwickelt. Anhand von Kriterien wie beispielsweise der Zahl der Ein- und Aussteiger, dem finanziellen Aufwand oder die Nähe eines Bahnhofs zum Spital analysiert es die «Verhältnismässigkeit». Im September 2017 hat das Bundesamt für Verkehr BAV dieses Hilfsmittel für verbindlich erklärt. Das Ziel ist, dass das Geld mit dem grösstmöglichen Nutzen ausgegeben wird – und damit möglichst viele Reisende profitieren. Deshalb haben wir auch an den grossen Bahnhöfen begonnen. An gewissen Bahnhöfen wären bauliche Lösungen nur mit einem unverhältnismässig grossen finanziellen Aufwand realisierbar.

Warum braucht die SBB mehr Zeit, um das BehiG umzusetzen?

Unter anderem weil erst sehr spät klar wurde, was die Umsetzung des BehiG konkret bedeutet. Es hat viel Zeit gebraucht, um mit dem Bund und der Branche zu klären, wie viele Bahnhöfe betroffen sind und was genau die Rahmenbedingungen, also beispielsweise auch Finanzierung und technische Standards, sind. Und auch diese haben erst letztes Jahr nochmals geändert.

Welche Auswirkungen hatten diese letzten Änderungen?

Sie haben die Anzahl der Bahnhöfe geändert, und wir müssen an 100 Bahnhöfen, die bis anhin als BehiG-konform galten, nachbessern. Die Perrons sind zwar erhöht, doch zwischen Zugtrittbrett und Perronkante klafft eine Lücke. Diese macht es Rollstuhlfahrern schwer bis unmöglich, selbstständig in den Zug zu steigen. Hier müssen wir nun Lösungen für die Infrastruktur finden.

Welches sind in den nächsten ein bis zwei Jahren die grössten Herausforderungen?

Den Fokus zu behalten! Wir haben im Programm «Bahnzugang 2023» alle Unterstützung erhalten, die wir benötigen. Jetzt müssen wir umsetzen – und es bleibt noch einiges zu tun. Bis 2023 müssen wir 221 Bahnhöfe umbauen; das ist mehr als jeder dritte Bahnhof. Allerdings geht oftmals bei so grossen Projekten nach einer Anfangseuphorie der Schwung verloren und Begehrlichkeiten im Sinn von «Könnten-wir-das-nicht-auch-noch-grad-machen?» treten auf den Plan. Das wird mein Job und der von Andrés Doménech Nothhelfer, meinem Tandem-Partner bei Projekte, sein: den Fokus behalten und zielstrebig und rasch umsetzen.

Barrierefreie Bahnhöfe kommen auch Reisenden mit Kinderwagen oder Gepäck zugute.
Ein Reisender im Elektrorollstuhl fährt über den Schiebetritt in einen Doppelstockzug des Fernverkehrs.

Barrierefreie Bahnhöfe kommen auch Reisenden mit Kinderwagen oder Gepäck zugute.

Ein Reisender im Elektrorollstuhl fährt über den Schiebetritt in einen Doppelstockzug des Fernverkehrs.