«Fast jeder Unfall beginnt mit einer Kleinigkeit»

Thomas Christen ist Sicherheitsbeauftragter in den SBB Werken Olten und Yverdon. Er findet die Idee der neuen Sicherheits- und Qualitätskampagne hervorragend, kleine Ursachen mit grosser Wirkung in den Mittelpunkt zu stellen. Warum, erklärt er im Interview.

Wie kommt die Kampagne «Kleine Ursache – grosse Wirkung» bei dir als Sicherheitsbeauftragter an?

Mir gefällt die Kampagne sehr gut. Sie greift auch die Arbeit in den Unterhaltswerken auf. Bei früheren Kampagnen wie etwa «Der Experte» lag der Schwerpunkt auf dem Betrieb. Als Sicherheitsbeauftragter von Unterhaltswerken holt mich die neue Kampagne besser ab.

Die Berufsunfälle sind bei der SBB in den letzten zehn Jahren zurückgegangen. Warum braucht es überhaupt eine Sensibilisierung der Mitarbeitenden?

Bei der Sicherheit ist zwar gute Arbeit geleistet worden. Das sieht man unter anderem daran, dass die Suva-Prämien gesunken sind. Doch wir dürfen nicht lockerlassen, sonst wird es schwierig, den guten Stand zu halten. Hinzu kommt, dass die Berufsunfälle Teil des zentralen Konzernziels Sicherheit sind. Maximale Sicherheit bildet eine wesentliche Geschäftsgrundlage der SBB.

Als Sicherheitsbeauftragter habe ich noch etwas anderes im Visier: Je weniger Unfälle es gibt, desto tiefer liegt auch die Zahl der schweren Unfälle mit irreversiblen Schäden bei Menschen. In den vergangenen Jahren hatten wir in den Werken Olten und Yverdon glücklicherweise keine solchen Unfälle. Das soll auch so bleiben.

«Kleine Ursache – grosse Wirkung»: Ist das Motto der Kampagne nicht übertrieben? Es droht doch nicht gleich ein Unfall, wenn jemand einen Schraubenschlüssel liegen lässt?

Fast jeder Unfall beginnt mit einer Kleinigkeit. Du kennst sicher das Lied «I han es Zündhölzli azündt» des Berner Mundartsängers Mani Matter. Es beschreibt auf wunderbare Weise, wie aus fast nichts eine Katastrophe wird. Deshalb finde ich die Idee der Kampagne hervorragend, dass wir Mitarbeitende auf die kleinen Dinge in unserem Arbeitsalltag achten. Dabei geht es um mehr, als zu verhindern, dass ein Zug oder ein Drehgestell davonrollt. Das eigentliche Ziel ist, mich selber, meine Kameradinnen und Kameraden sowie am Schluss auch die Kunden zu schützen.

Mir gefällt, dass positive Beispiele im Mittelpunkt der Kampagne stehen.

Thomas Christen

Die Kampagne ermuntert uns auch, aus Fehlern zu lernen. Das tönt gut, doch es gibt Mitarbeitende, die Angst vor Konsequenzen haben, wenn sie Fehler zugeben.

Da braucht es eine differenzierte Betrachtung. Es gibt Jobs im Betrieb und Unterhalt, bei denen es weniger Fehler verträgt als bei einer administrativen Tätigkeit. Grundsätzlich finde ich es schade, dass sich die Diskussion oft um Fehler und die Menschen dreht, die sie begehen. Von den Leuten, die tagtäglich einen guten Job machen, redet dagegen kaum jemand. Deshalb gefällt mir der Ansatz der Kampagne, gute Beispiele, wie ein kleiner Handgriff eine positive Wirkung auf die Sicherheit hat, in den Mittelpunkt zu stellen.

Was kann ein Schreibtischtäter wie ich zu mehr Sicherheit und Qualität der SBB beitragen?

Das Wichtigste ist, sich an die Vorschriften zu halten. Wenn du ein Werk besuchst, in dem Schutzbrille, Warnweste und Sicherheitsschuhe getragen werden müssen, dann befolge bitte diese Vorschrift. Dadurch zeigst du als Mitarbeiter aus dem administrativen Bereich Respekt vor der anspruchsvollen Arbeit unserer Kollegen in sicherheitsrelevanten Berufen.

Hast du einen Vorschlag, wie sich Sicherheit und Qualität bei der SBB verbessern lassen?

Dass die Sicherheit bei der SBB ein Konzernziel ist und gemessen wird, finde ich vorbildlich. Wir Mitarbeitende haben alle den Auftrag, dazu beizutragen, dass es möglichst wenig Unfälle gibt. Bei der Qualität hingegen fehlt ein eigentliches Barometer, das mir sagt, wie gut die Qualität der SBB ist. Hier sehe ich Verbesserungsbedarf.

Seit vier Jahren übt Thomas Christen die vollzeitliche Funktion des Sicherheitsbeauftragten Fahrzeugunterhalt Personenverkehr aus. Er arbeitet je zur Hälfte in den Werken Olten und Yverdon. Der 48-jährige Betriebs- und Produktionsingenieur ETH bildet sich derzeit bei der Suva in Lausanne berufsbegleitend zum Sicherheitsingenieur weiter.