«Ist doch wahr!!!!!» Die neuste Kolumne von Katja Walder

Die Kritiker lauern überall – auch auf Facebook. In ihrer zweiten Kolumne widmet sich die Pendler-Kolumnistin skeptischen Stimmen und hält Ausschau nach «Möneli» und dem FBI.

Zeichnung: Pendler mit Handy wird von einem Kritiker beobachtet
Zeichnung: Pendler mit Handy wird von einem Kritiker beobachtet

So, da bin ich wieder. Offenbar nicht zur Freude aller. Dass ich in meiner ersten Kolumne für die SBB über einen Mitpendler schrieb, der kaltes Sauerkraut direkt aus der Tüte mampfte, schien zumindest einem Leser unangebracht: «Sie söll gschieder über verspötige, asoziale kondikteure und rechnige ned zuestelle schriebe. den das chan d sbb am beste!!!!!», zeterte ein Kritiker auf Facebook. Pauschalisierungen bedürfen einer differenzierten Antwort, deshalb versuchte ich mich in meinen Worten an ihn mit Ausrufezeichen, Temperament und Rundumschlägen zurückzuhalten. Mein Anreiz bestehe darin, erklärte ich ihm, aus dem Pendlerverkehr das Zwischenmenschliche rauszukitzeln. Ich legte ihm dar, dass es mir – und hoffentlich auch den Leserinnen und Lesern – mehr Freude mache, über das frischverliebte, turtelnde Pärchen zu schreiben, das die Zugsverspätung dankbar nutzt für ein paar weitere Extra-Küsse auf dem Perron, als die SBB mit schmalen Augen wegen dieser paar Minuten Wartezeit zu massregeln.

Grundsätzlich finde ich: Etwas mehr Leichtigkeit und Nonchalance würde uns allen gut anstehen, vor allem in rappelvollen Zügen und stickigen Trams. Deshalb mache ich mir gelegentlich einen Spass aus meinen Fahrten und setze mir persönliche Challenges. Eine davon: «Hotspot-Verratis». Ihr kennt das bestimmt, wenn ihr mit aktiviertem W-Lan und AirDrop im ÖV sitzt und plötzlich die zur Verfügung stehenden drahtlosen Netzwerke aufpoppen. Während die einen bei der Bezeichnung ihrer Grätli auf Vollständigkeit setzen («Mario Rübel’s iphone 8»), sind andere besonders originell («FBI Überwachungswagenwagen», «Drop it like it’s hotspot», «PowerPuffGirls») und die Dritten verspielt («Em Möneli sis Telefon»). Und nun geht eben das klammheimliche Zuordnen los: Wer ist Möneli? Wo sitzt Mario Rübel? Ermittelt dort hinten stehend das FBI? Und wer anderes könnte sich hinter den PowerPuffGirls verstecken als die wuchtige, laute Mädels-Gang mit den künstlichen Wimpern und dem schimmernden Lipgloss im Nebenabteil? Mit «Hotspot-Verratis» vergeht die Wartezeit im Zug wie im Flug. Ausserdem, liebe Zugnörgler, hilft dieses Beschäftigungsprogramm auch gegen Verspätungswut im Bauch und einen Daumen, der am liebsten gleich 10 Ausrufezeichen tippen möchte.  

Im ÖV etwas Abgefahrenes erlebt?

Erzählt es brühwarm Katja Walder weiter: via Twitter (@katjawalder), Mail (abgefahren@katjawalder.ch) oder WhatsApp: 077 492 25 71 (Audiomessages oder Text).

Der Pendler-Knigge 

Mehr von Katja Walder gibt es im Buch «Der Pendler-Knigge», das in der Beobachter-Edition erschienen ist. Darin finden sich 99 Gebote für den ÖV – mit Kolumnen, Karma-Tipps und heraustrennbaren Soforthilf-Karten für allerlei Notfälle 

Katja Walder, Daniel Müller 
Der Pendler-Knigge 
168 Seiten, broschiert, Fr. 29.– 
ISBN 978-3-03875-115-1 
Beobachter-Edition 
erhältlich unter: beobachter.ch/shop oder im Buchhandel