«He da, aufhören!» Im Zug mit Pendler-Kolumnistin Katja Walder

Surft der Teenie schräg gegenüber noch auf seinem Handy herum oder knipst er schon? In ihrer neusten Kolumne zeigt Katja Walder, dass die «Generation Selfie» auch vor Schlafenden nicht Halt macht.

«He da, aufhören!»  Die neuste Kolumne von Katja Walder
«He da, aufhören!» Die neuste Kolumne von Katja Walder

Der Mann tut es nicht aus machoiden* Gründen, er kann nicht anders: Mindestens 1.5 Sitzplätze nimmt er in Beschlag. Ein riesiger, massiger, korpulenter Kerl. Typ Knuddelbär. Typ Extra-starke-Schulter-zum-Anlehnen. Vielleicht Lastwagenfahrer. Vielleicht Gabelstapler. Vielleicht Türsteher in einem Rocker-Schuppen. Mit ziemlich grosser Sicherheit ein grosser Chrampfer. Einer, der sich zum Zvieri aus einer Lyonerwurst und einem Laib Brot ein paar Sandwiches macht und das Ganze mit einem halben Liter Citro oder einem Bier runterspült. Ein Mann fürs Handfeste und einer zum Festen, zünftig sogar. An diesem Feierabend scheint er müde. So müde, dass er bereits nach kurzer Zeit einschläft. Seine massive Brust dient ihm als Kissen. Durch den ganzen Zug ist sein Schnarchen zu hören – die apnoeartigen Aussetzer genauso.

Zwei Stationen nachdem er eingeschlafen ist, steigen Jugendliche ein und bemerken ihn. Sie setzen sich ins Abteil hinter dem Schläfer und zücken ihre Smartphones. Während der Mann röchelnd bis röhrend döst, machen die Jungs Selfies und Videos von sich und dem Mann. «Hey!», ruft es laut von gegenüber, noch bevor ich selber etwas sagen kann, «Hey! Nicht einfach fremde Leute fotografieren!». Es ist eine toughe tätowierte Frau, die sich einmischt. Ich liebe sie für ihr Selbstverständnis, den Mund aufzumachen, während andere noch überlegen, ob das, was hier grad vor sich geht, rechtens ist. «Das könnt ihr doch nicht machen», sagt sie und schüttelt den Kopf. «Easy», antworten die Jungs gelassen, «wir kennen ihn, wir sind Kollegen.» Man will es ihnen nicht recht glauben. Doch in diesem Moment wacht der Fotografierte auf und pflichtet den Jungs bei. «Scho guet», nuschelt er und schüttelt sich den Schlaf aus dem Gesicht, «ich kenne die Jungs!» Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr! 

*«Manspreading» heisst die Unart, wenn Männer sich breiter machen, als ihr Sitzplatz es erlaubt. Hier erfahren in die Enge getriebene Mitpendler und Mitpendlerinnen, wie sie sich wehren können. 

Pendlergebot des Tages (Nr. 63): «Du sollst deine Mitreisenden nicht fotografieren.»

Auch wenn das Sujet noch so verlockend ist und Klicks und Likes in den Sozialen Medien garantiert wären: Beherrscht euch!

Der Pendler-Knigge 

Weitere 98 Gebote für den ÖV gibt es im Buch «Der Pendler-Knigge», das Katja Walder und Illustrator Daniel Müller in der Beobachter-Edition herausgebracht haben. Ein unverzichtbarer Begleiter für Menschen unterwegs - mit Kolumnen, Karma-Tipps und heraustrennbaren Soforthilf-Karten für allerlei Notfälle. 

Katja Walder, Daniel Müller
Der Pendler-Knigge
168 Seiten, broschiert, Fr. 29.–
ISBN 978-3-03875-115-1
Beobachter-Edition

erhältlich unter: beobachter.ch/shop oder im Buchhandel