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«Von Bälgern und Engeln»: Im Zug mit Pendler-Kolumnistin Katja Walder

Wenn es schreit, quängelt und brüllt im Zug, leiden (fast) alle – am allermeisten die Eltern des unzufriedenen Kindes.

«Von Bälgern und Engeln»: Die neuste Kolumne von Katja Walder
«Von Bälgern und Engeln»: Die neuste Kolumne von Katja Walder

Was unterscheidet feierabendmüde Kleinkind-Eltern von ebenso erschöpften kinderlosen Pendlern? Antwort: Die Eltern lehnen sich entspannt zurück, wenn einige Abteile weiter vorne ein Kind markerschütternd kreischt. Sofern es nicht das eigene ist. Nichts wirkt befreiender als ein schreiendes Kind, für das man nicht verantwortlich ist.

Ob all die Menschen, die sich über Kindergeschrei im Zug beschweren, tatsächlich kinderlos sind oder lediglich vergessen haben, dass auch ihre Kinder mal in einem Alter waren, in dem die Impulskontrolle noch zu wünschen übrig liess, kann ich nicht beurteilen. Es fällt aber auf, dass ich immer wieder erschütternd kinder(und eltern-!)feindliche Rückmeldungen bekomme.

«Müssen die mit ihren Gören ausgerechnet zur Stosszeit fahren?» (Antwort: Ja, wenn sie ausgerechnet zur Stosszeit von A nach B müssen.) – «Können die nicht dafür sorgen, dass diese Bälger wenigstens von Winterthur nach Zürich ruhig sind?» (Antwort: Nicht zwingend, wenn man darauf verzichten möchte, quengelnde Kinder mit Youtube-Videos ruhig zu stellen.)

Kinder im Zug sind für viele ein rotes Tuch. Umso mehr haben mich Anna-Marias Zeilen gefreut. Als sie noch berufstätig war, fuhr Anna-Maria täglich von Rapperswil nach Zürich und zurück. Auch an jenem Abend, der ihr heute noch in Erinnerung ist, als wäre er gestern gewesen. Froh war sie, nach einem strengen Arbeitstag wieder auf dem Heimweg zu sein. Auf der anderen Seite des Ganges sassen eine Oma, eine Mama und ein Kleinkind. Anna-Maria schaute wohl nicht allzu glücklich in die Welt, dennoch (oder gerade deshalb?) schenkte das Kind ihr ein Lächeln und zauberte auch Anna-Maria eines auf die Lippen. Die Grosse zwinkerte der Kleinen zu.

Ob sie dieser Frau «Grüezi» sagen wolle, fragte die Mutter ihre Tochter. Das Mädchen mit den blonden Locken nickte, ging auf Anna-Maria zu und streckte ihre Ärmchen nach ihr aus. Anna-Maria beugte sich etwas runter, das Mädchen umarmte sie und gab ihr einen zarten Kuss auf die Wange. Noch eine Weile hielt sie Anna-Maria fest, nahm dann ihre Arme wieder runter, schaute sie mit ihren schönen blauen Augen an und ging dann verlegen zur Mutter. «Sie liess eine fast 60-jährige Frau zurück mit einem Gefühl der Rührung», erinnert sich Anna-Maria an diese Begegnung. «Kinderarme zu spüren. Was für ein Gefühl!»

Katja Walder live im Speisewagen

Diesen Freitag, 22. März ist Katja Walder als «Artist on the train» auf Schienen unterwegs. Sie liest im Speisewagen des IC5 von St. Gallen (17:07 Uhr ab) nach Solothurn alte und neue Texte mitten aus dem Pendler-Wahnsinn.

Der Pendler-Knigge

Mehr von Katja Walder gibt es im Buch «Der Pendler-Knigge», das in der Beobachter-Edition erschienen ist. Darin finden sich 99 Gebote für den ÖV – mit Kolumnen, Karma-Tipps und heraustrennbaren Soforthilf-Karten für allerlei Notfälle

Katja Walder, Daniel Müller
Der Pendler-Knigge
168 Seiten, broschiert, Fr. 29.–
ISBN 978-3-03875-115-1
Beobachter-Edition
erhältlich unter: beobachter.ch/shop oder im Buchhandel