Frau Bölsterli will Ruhe: Im Zug mit Pendler-Kolumnistin Katja Walder

Was stört mehr? Nussgipfelreste auf dem SBB Polster oder eine starke Männerstimme am Telefon? Katja Walder fährt in ihrer neusten Kolumne mit offenen Ohren von Zürich Richtung Genf.

Frau Bölsterli will Ruhe: Die neuste Kolumne von Katja Walder
Frau Bölsterli will Ruhe: Die neuste Kolumne von Katja Walder

Der Wagen ist wie immer gut gefüllt, als wir im Ruheabteil von Zürich nach Genf unterwegs sind. Es hat praktisch keine freien Plätze. Kaum ist der Zug losgefahren, fuchtelt eine ältere Frau (nennen wir sie der Einfachheit halber Frau Bölsterli) im Viererabteil mit den Armen, dreht sich gestikulierend um und richtet sich verzweifelt an eine andere Passagierin: «Da hinde telefoniert öpper, das gaht doch nöd! Das isch doch es Ruheabteil!», sagt sie aufgebracht, um dann noch leise murmelnd anzufügen: «Aber es seit ja niemer nüt.»

Warum sich Frau Bölsterli ausgerechnet diese Mitpendlerin (nennen wir sie Susanne) ausgesucht hat, ist nicht klar. Aber sie schaut Susanne an, als wäre sie schuld am Ganzen. Vielleicht erwartet sie auch, dass Susanne nun den ganzen Wagen abmarschiert und den Sünder massregelt. Mit leiser Stimme versucht Susanne Frau Bölsterli zu erklären, dass das Gespräch nicht im Wagen, sondern ausserhalb, in der Ein- und Aussteigezone, stattfinde. Vehement insistiert Frau Bölsterli: Nein, das sei hier! In diesem Wagen! Mit noch leiserer Stimme erklärt Susanne, Frau Bölsterli müsse «selber reklamieren», wenn sie sich gestört fühle. Diese schüttelt nur den Kopf und meckert weiter: «Es seit ja niemer nüt!» Unterdessen ist es Susanne, die böse Blicke von anderen Fahrgästen erhält. Schliesslich sind wir ja in der Ruhezone. Der Mann im Gang telefoniert immer noch mit sehr kräftiger Stimme. Susanne steigt an der nächsten Haltestelle aus und freut sich auf ein ruhiges Abteil im nächsten Zug. Zu früh gefreut – kurze Zeit später steigt Frau Bölsterli in den gleichen Zug ein und setzt sich ins Abteil neben Susanne: «So…simmer wieder gliich wiit», sagt sie und beisst herzhaft in einen Nussgipfel. «Normalerwiis iss ich ja nöd im Zug», erklärt Frau Bölsterli kauend, «das gitt immer ä sone Souerei.» Aber sie habe sich jetzt ja extra in den hinteren Teil des Abteils gesetzt, damit man das nicht auf den ersten Blick sehe. Erstaunlich, wie schnell eine Welt doch wieder in Ordnung sein kann.

Eigene verblüffende Zugerlebnisse?

Katja Walder hat immer ein offenes Ohr dafür! Sie ist erreichbar unter abgefahren@katjawalder.ch oder via Whatsapp (Audionachricht oder Text): 077 492 25 71

Der Pendler-Knigge
Mehr von Katja Walder gibt es im Buch «Der Pendler-Knigge», das in der Beobachter-Edition erschienen ist. Darin finden sich 99 Gebote für den ÖV – mit Kolumnen, Karma-Tipps und heraustrennbaren Soforthilf-Karten für allerlei Notfälle.

Katja Walder, Daniel Müller
Der Pendler-Knigge
168 Seiten, Broschur, Fr. 29.–
ISBN 978-3-03875-115-1

Beobachter-Edition
erhältlich unter: beobachter.ch/shop oder im Buchhandel