Wenn eine Erdungsstange vergessen geht

Achtsame Mitarbeitende verlassen sich bei ihrer Arbeit nicht blindlings auf Dokumente. Fredy Scheibler hatte Glück, dass eine auf dem Baustellen-Plan nicht verzeichnete Erdungsstange keinen grösseren Schaden anrichtete.

Zwischen Schiene und Fahrleitung eingehängte Erdungsstange
Zwischen Schiene und Fahrleitung eingehängte Erdungsstange

Es war ein lauer Abend im Herbst 2018, die Dunkelheit hatte einen sommerlichen Tag beendet, und die siebenköpfige Equipe der SBB auf den Rangiergleisen östlich des Bahnhofs Olten hatte ihre Arbeit abgeschlossen. Die Lampen, welche das Gleisfeld besser ausleuchten sollten, waren auf die Masten montiert.

14 Stangen anstatt 13 gemäss Plan

Nun galt es, die Erdungsstangen, die zwischen Fahrleitung und Schienen eingespannt waren, zu entfernen. Sie leiten den Reststrom ab, der bei ausgeschalteter Fahrleitung noch durch die Drähte fliesst. Fredy Scheibler war der Verantwortliche der Gruppe für die Fahrleitung. Der Vorarbeiter der Baufirma Vanoli unterstützte an diesem Tag die Kollegen der SBB.

Er hängte die 13 Stangen ab, die auf seinem Kroki eingezeichnet waren. Den Plan hatte er bei Schichtantritt Anfang Nachmittag von seinem Vorgänger ausgehändigt erhalten. Danach telefonierte Fredy Scheibler in die Betriebszentrale in Olten und gab grünes Licht, um die Fahrleitung wieder unter Spannung zu setzen.

Kurz darauf sahen er und seine Kollegen auf einem Mast knapp zwanzig Meter von ihnen entfernt einen Lichtbogen springen, und die Fahrleitung war wieder ausser Gefecht gesetzt. Irgendetwas hatte einen Kurzschluss ausgelöst. Fredy Scheibler fand den Übeltäter nach kurzer Suche. Verdeckt zwischen einem Container und einem Treppenaufgang hing noch eine Erdungsstange zwischen Fahrleitung und Gleis. Nachdem er diese ebenfalls entfernt hatte und eine Kontrolle ergab, dass der Schaltposten auf dem Mast nicht beschädigt worden war, konnte die Fahrleitung mit kurzer Verzögerung wieder in Betrieb gehen.

«Hat mich nachdenklich gestimmt»

Der Zwischenfall war glimpflich ausgegangen, doch konnte ihn Fredy Scheibler nicht einfach abhaken. Der Vorarbeiter ist seit über zwanzig Jahren für die SBB im Einsatz. In dieser Zeit hat er noch nie erlebt, dass eine Erdungsstange auf einer Skizze nicht verzeichnet war. Seine Stimme senkt sich. «Das hat mich nachdenklich gestimmt.»

Ihm wollten die möglichen Folgen der Unterlassung nicht mehr aus dem Kopf. Wäre einer seiner Kollegen in der Nähe der Erdungsstange gewesen, er hätte durch den grellen Lichtbogen eine äusserst schmerzhafte Augenverletzung erleiden können.

Fredy Scheibler hat aus jenem Abend im letzten Herbst, der ihm in heisser Erinnerung geblieben ist, die Konsequenzen gezogen: Er verlässt sich seither nicht mehr allein auf Papiere. «Ich kontrolliere jedes Mal, wie viele Erdungsstangen es auf einer Baustelle hat, wenn ich diese übernehme.» Das kostet ihn zwar Zeit, gibt ihm aber etwas noch Wertvolleres: Gewissheit und Sicherheit. Eine kleine Ursache, deren grosse Wirkung er nicht missen möchte.
 

«Kleine Ursache – grosse Wirkung»: Im Rahmen der Kampagne für Sicherheit und Qualität werden Geschichten aus dem Arbeitsalltag von SBB Mitarbeitenden gesucht. Wenn du ähnliche Erfahrungen wie Fredy Scheibler gemacht hast, dann teile sie mit, damit weitere Mitarbeitende in ihrem Alltag davon profitieren können.

Mehr Informationen findest du auf www.sbb.ch/sicherheit-qualitaet.