«Sophias Rettung» Im Zug mit Pendler-Kolumnistin Katja Walder

Wie kleine Gesten ganz Grosses bewirken können. In ihrer neusten Kolumne zeigt Katja Walder, was hilft, wenn scheinbar gar nichts mehr hilft.

«Sophias Rettung» Die neuste Kolumne von Katja Walder
«Sophias Rettung» Die neuste Kolumne von Katja Walder

«Traut euch, Menschen anzusprechen, denen es nicht gut geht. Wegschauen ist keine Lösung.» Mit diesem Appell habe ich mich vor zwei Wochen an euch gerichtet und euch geschildert, wie hilflos ich mich fühlte, während neben mir im Zug eine junge Frau Rotz und Wasser schluchzte. Meine Zeilen haben viele Reaktionen ausgelöst. Berührende Mails und Facebook-Nachrichten. Mit persönlichen Geschichten, die das Leben schrieb. Eine davon möchte ich euch weitererzählen. Weil sie zeigt, dass eine noch so kleine Geste Grosses auslösen kann:

Sophia war etwa 20 Jahre alt, als sie an einem Freitagnachmittag in einem rappelvollen Zug von Zürich nach Bern sass, unterwegs an das Geburtstagsfest einer Freundin. Kurz nach Olten klingelte ihr Telefon. Eine unbekannte Nummer mit Zürcher Vorwahl. Am anderen Ende ist eine Mitarbeiterin der Zürcher Kantonspolizei, die ihr das Unfassbare mitteilte: Dass Sophias beste Freundin, mit der sie ihre ganze Kindheit sowie alle geheimen Gedanken und unzählige Erlebnisse geteilt hatte, in der Nacht davor auf tragische Weise verstorben war. 

Was Sophia daraufhin antwortete oder wie lange es dauerte, bis das Telefonat beendet war, weiss sie heute nicht mehr. Sie kann sich aber noch gut an das Gefühl nach dem Telefonat erinnern, das sie neben dem Schock und der Bestürzung fest umklammerte: «Ich sass da, völlig allein an einem verletzlichen, öffentlichen Ort, inmitten von Fremden und weit weg von den tröstenden Liebsten oder den schützenden, eigenen vier Wänden und hatte soeben die mir engste vertraute Person verloren.»

Nachdem sie eine Weile vor sich hin geweint und geschluchzt hatte, bemerkte sie, dass alle Zugreisenden um sie herum sich krampfhaft in ihrer Lektüre vertieften, auf ihrem Natel herumdrückten oder sonst irgendwie versuchten, Sophias Trauer und Verzweiflung zu ignorieren. «Irgendwann konnte ich es nicht mehr ertragen, alleine in diesem Abteil inmitten eines vollen Zuges weinend und schluchzend zu sitzen und erhob mich, um mich an einen vermeintlich privateren Ort, die Zugtoilette, zu begeben.» Und in diesem Moment geschah es: Wie aus dem Nichts kam eine fremde Frau auf sie zu, stellte sich vor sie hin und nahm sie, ohne etwas zu sagen, in den Arm. «Obwohl diese Unbekannte keine Ahnung hatte, wer ich war oder was es war, was mich so zum Weinen brachte, spendete sie mir Trost in einem Moment, in dem ich dachte, nie wieder so etwas wie Hoffnung empfinden zu können», erzählt Sophia. Sie werde diese liebevolle Geste einer ihr komplett fremden Person ihr Leben lang nicht vergessen. «In diesem Moment der puren Verzweiflung, in dem man von Emotionen schlichtweg überwältigt wird, hat mir eine fremde Person Mitgefühl und Trost gespendet und mir damit mehr gegeben, als ich es jemals jemandem zurückgeben könnte.» Lasst uns beim nächsten Mal diese wildfremden Menschen sein, an die man sich noch Jahre später erinnert.

Worüber soll Katja Walder als nächstes berichten?

Erzählt von eurem Pendler-Frust und eurer Pendler-Lust! abgefahren@katjawalder.ch oder per Whatsapp (Text- oder Sprachnachricht): 077 492 25 71

Der Pendler-Knigge
Mehr von Katja Walder gibt es im Buch «Der Pendler-Knigge», das in der Beobachter-Edition erschienen ist. Darin finden sich 99 Gebote für den ÖV – mit Kolumnen, Karma-Tipps und heraustrennbaren Soforthilf-Karten für allerlei Notfälle.

Katja Walder, Daniel Müller
Der Pendler-Knigge
168 Seiten, broschiert, Fr. 29.–
ISBN 978-3-03875-115-1

Beobachter-Edition erhältlich unter: beobachter.ch/shop oder im Buchhandel.