«Rolfs wilde Horde»: Im Zug mit Pendler-Kolumnistin Katja Walder

Wie bändigt man 19 Schülerinnen und Schüler in einer übervollen S-Bahn? Unterwegs mit Primarlehrer Rolf*.

«Rolfs wilde Horde»: Die neuste Kolumne von Katja Walder
«Rolfs wilde Horde»: Die neuste Kolumne von Katja Walder

Rolf* ist Primarlehrer aus Leidenschaft. Seit 37 Jahren schon. Er will, dass seine Schülerinnen und Schüler nicht für die Schule lernen, sondern fürs Leben. Deshalb reist er mit seiner Klasse aus der beschaulichen Heimat im Säuliamt oft quer durch die Schweiz und lässt die Kinder an der Welt ausserhalb der 5000-Seelen-Gemeinde schnuppern.

Das alles erfahre ich, als wir per Zufall in der S-Bahn ins Gespräch kommen. Rolf fällt mir auf, weil sein Blick immer wieder suchend durch den ganzen Wagen schweift. «Früher», sagt er mit Wehmut in der Stimme, «kam auf unseren Reisen im Zug jeweils fast etwas Feriengefühl auf.» Früher, als alles noch anders war. Damals, als noch nicht S-Bahnen die Schulreisen dominierten, sondern ganze Zugwagen mit einem Reserviert-Schild freigehalten wurden für die wilde Horde. «Da wusstest du schon auf dem Perron: Entweder kommst du im hintersten oder im vordersten Wagen unter.» Und alle anderen wussten: Achtung, Schulklasse! Rette sich, wer kann. «Es durfte auch mal laut sein. Man hatte seine Schäfchen beisammen.»

Wenn Rolf heute mit seinen Viertklässlern unterwegs ist, beginnt die fieberhafte Platzsuche: Wie bringt man 19 Kinder in einem S-Bahn-Wagen unter? «In Stosszeiten wird das zur Bewährungsprobe.» Das noch grössere Problem: «Wie halte ich sie ruhig?» Immer wieder komme es vor, dass eingefleischte Pendler genervt das Abteil wechselten, wenn die Schulklasse sich dazugeselle. Dabei überlässt Rolf in Sachen Disziplinierung nichts dem Zufall und ist bestens vorbereitet. Während wir miteinander reden, sind die Schülerinnen und Schüler mit Lesestoff über Libellen eingedeckt – passend zur Insekten-Ausstellung, zu der sie gerade unterwegs sind. Für die Rückreise haben die Kinder Quartett, Uno und andere Kartenspiele dabei. «Lässig wäre, wenn vom Bahnbetrieb ein Schüler-Kit abgegeben würde, das die Kinder beschäftigt:  Zugquartett, Spiele, Kurzgeschichten, Wettbewerbe.» Und Rolf hat noch weitere Ideen: «Ein Schüler-Wagen analog dem Spielwagen für Kleinkinder wäre toll.» Obwohl… manchmal habe es auch Vorteile, wenn die Kinder kreuz und quer im Unter- und Oberdeck verteilt seien und in Zweiergrüppchen zusammen sässen: «Sind sie in der Minderheit, werden sie automatisch durch die anderen Pendler diszipliniert», sagt Rolf und gesteht leise, dass er sich dann manchmal in seinem Sitz zurück lehne, ganz klein mache und tue, als habe er mit all den Rackern nichts zu tun. Schliesslich muss er ja auch irgendwann Kraft sammeln für die Herkules-Aufgabe eines ÖV-Reisenden Lehrers im 21. Jahrhundert: Die Schäfchen kurz vor dem Aussteigen wieder in allen Himmelsrichtungen zusammenzutrommeln, damit später beim Durchzählen auf dem Perron keines fehlt.

*Name geändert

Pendlergebot 87:

„Du sollst Verständnis haben für reisende Schulklassen.“ Schulreisen, erinnert ihr euch? Genau. Wir waren doch auch mal jung.

Der Pendler-Knigge
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Katja Walder, Daniel Müller
Der Pendler-Knigge
168 Seiten, Broschur, Fr. 29.–
ISBN 978-3-03875-115-1

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