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«Bitte keine Ausrufezeichen»: Im Zug mit Kolumnistin Katja Walder

Die Kommunikation im Zug hat ein neues Level erreicht. Katja Walder über ein Phänomen, das sie peinlicher berührt als indiskrete Telefongespräche.

«Bitte keine Ausrufezeichen»: Die neuste Kolumne von Katja Walder
«Bitte keine Ausrufezeichen»: Die neuste Kolumne von Katja Walder

Ich hätte nicht gedacht, dass es noch schlimmer kommen kann: Schlimmer als laute Telefongespräche in sonst stillen Zügen. An diese haben wir uns unterdessen ja fast schon gewöhnt. An all die Menschen, die in Telefongesprächen ihr Innerstes auswringen («er hätt mich voll verarscht hey, ich verzeih im nie meh!»), die Contenance verlieren, auch wenn es beim Austeilen um den eigenen Chef geht («Ich mein, wie tumm muesch sii, dass so eini aastellsch?») und bei ganz grossen Sensationen während einer Fahrt von Bern nach Zürich gerne auch mal  10 mal nacheinander dasselbe erzählen – 10 unterschiedlichen Freundinnen, versteht sich («Du glaubsch nöd, was mir passiert isch…!»).

Wir haben uns an all das schon fast gewöhnt, und unter uns: Ich bin eigentlich ganz froh, dass diese Menschen das Pendlergebot 56* sträflich ignorieren, denn ohne sie wäre mein Kolumnistinnenleben öde. Aber eben: Es geht noch schlimmer. Das weiss ich seit vorgestern dank einer modernen Frau Ende 40, Typ TV-Produzentin oder Marketing-Fachfrau. Sie sass alleine im Abteil vor mir und redete ziemlich laut. Die Art, wie sie sprach, liess mich aufhorchen. Das klang nicht nach einem normalen Telefongespräch. «Guten Tag», artikulierte sie deutlich, «neue Zeile.» Neue Zeile? Ich hörte genauer hin. Sie redete abgehakt und mit auffälligen Pausen.  «Gestern (pause) ist (pause) meine (…) Tochter (…) auf (…) die (…) Brille (…) meines (…) Mannes (…) gestanden (…) punkt», sprach sie weiter, und mir dämmerte langsam, was da vor sich ging: Sie diktierte ihrem smarten Phone ein Mail – inklusive Satzzeichen und Zeilenabstände. «Können (…) Sie (…) in (…) diesem (…) Fall (…) einen (…) Teil (…) des Schadens (…) übernehmen?» Es war das erste Mal, dass ich eine Diktiererin (oder heisst es Dikteurin? Diktateurin?) inflagranti bei ihrem Tun erwischte. Derart am Formulier- und Schreibprozess der Unbekannten teilhaben zu können, berührte mich auf eine sonderbare Weise peinlich. Es wirkte auf mich trotz des harmlosen Inhalts noch intimer als alle bisher gehörten Telefontratschereien. Das Gefühl verstärkte sich, als die Frau das Brillen-Malheur auch noch drei weiteren Menschen per Diktat zukommen liess.

Drum eine kleine Bitte, liebe Nachrichten-Diktierer: Macht es so leise, dass es die anderen nicht mitbekommen – ausser ihr wollt, dass euch über die Sitzreihen hinweg gelegentlich jemand mit einem vergessen gegangenen Komma zu Hilfe eilt - punkt.

*Pendler-Gebot 56: DU sollst dich beim Telefonieren mit allzu intimen Details zurückhalten.

Wie gross «er» war oder wegen welcher Krankheit XY seit gestern im Spital ist, mag vielleicht den einen oder anderen interessieren, geht aber wirklich niemanden etwas an.

Der Pendler-Knigge

99 Gebote für den öffentlichen Verkehr gibt es im Buch «Der Pendler-Knigge», das in der Beobachter-Edition erschienen ist. Darin finden sich ausserdem Kolumnen, Karma-Tipps und heraustrennbare Soforthilf-Karten für allerlei Notfälle.

Katja Walder, Daniel Müller
Der Pendler-Knigge
168 Seiten, broschiert, Fr. 29.–
ISBN 978-3-03875-115-1

Beobachter-Edition erhältlich unter: beobachter.ch/shop oder im Buchhandel