«Akku leer»: Im Zug mit Pendler-Kolumnistin Katja Walder

Früher war nicht alles besser, aber einiges einfacher. Warum es bei Handyproblemen auf das richtige Zugspersonal ankommt, erzählt Katja Walder in ihrer neuesten Kolumne.

«Akku leer» Die neuste Kolumne von Katja Walder
«Akku leer» Die neuste Kolumne von Katja Walder

Mit welchem Ärger schlagen sich Pendler im Jahr 2019 rum? Es ist längst nicht mehr nur der schnarchende Sitznachbar oder das geruchsintensive Thon-Brötchen der Frau gegenüber. Einer der grössten Pendler-Feinde der Neuzeit heisst «schwacher Akku». Besonders dann, wenn zwar Steckdosen vorhanden sind, aber das Ladekabel fehlt. Genau in dieser misslichen Lage ist eine Frau, die mit mir im Abteil sitzt. Ob jemand ein Ladekabel für ihr Smartphone habe, fragt sie in die Runde. Niemand hat. Aber Mitleid ist reichlich vorhanden an diesem Morgen im Zug, denn mit dieser Situation können sich einige identifizieren: Ihr digitales Ticket ist auf dem Handy, der Akku aber leer. Wie sich im Gespräch herausstellt, hat sich die Passagierin das Ticket bei 5 Prozent Akku noch geistesgegenwärtig per Mail selbst zugeschickt, damit sie es via Hotspot auf dem Laptop öffnen könnte. Während sie den Mitreisenden von ihrem Masterplan erzählt, kommt Zugbegleiter 1 ins Abteil. «Alli Billett bitte…» Die Frau, nennen wir sie Martina, erklärt ihre Situation. Er: «Das ist nicht mein Problem.» Martina fragt, ob sie über einen Hotspot via sein Handy ihren Mail-Account öffnen könnte, um so auf das Ticket zuzugreifen. Er reagiert nicht auf ihre Frage und wiederholt nur, das sei nicht sein Problem. Martina merkt an, das sei ja, wie wenn sie ein Papierticket im Portemonnaie hätte und der Verschluss klemmen würde und will wissen, wie er in so einer Situation reagieren würde. Der Zugbegleiter lässt sich nicht auf grosse Gedankenexperimente ein und meint, auch das wäre dann nicht sein Problem. Nun kommt Zugbegleiter Nummer 2 dazu. Martina fragt auch ihn nach einem Hotspot über sein Handy. Zugbegleiter 1 zu Zugbegleiter 2: «Hast du das? Ich hab keine Ahnung, was sie meint.» Zugbegleiter 2 richtet kurzerhand seinen Hotspot ein, Martina öffnet ihren Account und zeigt ihr Ticket. Das Problem ist gelöst. Alles was es in diesem Fall brauchte, war technikaffines Personal und den Willen, sich das Problem anzuhören. Ach, liessen sich doch alle Probleme der Neuzeit so einfach lösen …

Billett gelöst, aber Akku leer – was passiert jetzt?

Das Smartphone ist heutzutage ein treuer Begleiter und nicht mehr aus unserem Alltag wegzudenken. Auch das Zugbillett können wir kurz vor Reiseantritt rasch in der SBB Mobile App lösen. Doch was passiert, wenn die Billettkontrolle naht und uns die Technik im Stich lässt? Eines vorweg: Alle Züge der SBB sind mit Steckdosen ausgerüstet. Es ist also auch unterwegs problemlos möglich, den Akku des Smartphones aufzuladen. Wenn die Kundenbegleiterin wie im oben geschilderten Fall Hand bietet, geschieht dies aus reinem Goodwill, dazu verpflichtet ist sie jedoch nicht. Können Reisende das vor Abfahrt korrekt gelöste E-Ticket bei der Billettkontrolle nicht vorweisen, kann das Kontrollpersonal die Überprüfung der Daten nicht selber vornehmen. Die Kundenbegleiterin nimmt in der Folge die Kundendaten auf und übermittelt sie ans zuständige Inkassocenter. Dort wird das E-Ticket überprüft: Kundendaten, Strecke, Klasse und Datum. Wurde das Billett korrekt und rechtzeitig vor Abfahrt des Zuges gekauft, wird dem oder der Reisenden lediglich eine Aufwandsentschädigung von 30 Franken verrechnet.

Der Pendler-Knigge

99 Gebote für den öffentlichen Verkehr gibt es im Buch «Der Pendler-Knigge», das in der Beobachter-Edition erschienen ist. Darin finden sich ausserdem Kolumnen, Karma-Tipps und heraustrennbare Soforthilf-Karten für allerlei Notfälle

Katja Walder, Daniel Müller
Der Pendler-Knigge
168 Seiten, Broschur, Fr. 29.–
ISBN 978-3-03875-115-1

Beobachter-Edition erhältlich unter: beobachter.ch/shop oder im Buchhandel