«Auf dem Abstellgleis» Im Zug mit Pendler-Kolumnistin Katja Walder

Wenn alle Anzeigen versagen, ist wenigstens auf den Pendler-Gott verlass. Oder wer sonst ist es, der dafür sorgt, dass auf dem Abstellgleis eine Überraschung wartet?

Auf dem Abstellgleis 

Wenn Yvonne etwas plant, dann hat es Hand und Fuss. Yvonne überlässt nichts dem Zufall: Keine Einladung, bei der sie Gäste bekocht, keinen Arbeitseinsatz in der Pflege, keine Zugfahrt. Yvonne ist für jede Situation bestens vorbereitet. Müsste man sie mit drei Adjektiven beschreiben, wären «pflichtbewusst, akkurat, penibel» die passendsten.

Am Tag X aber gerät Yvonnes geordnete Welt aus den Fugen: Sie sitzt im Zug von Zürich nach Frauenfeld. Der Zug setzt sich in Winterthur gerade wieder in Bewegung, als Yvonne bemerkt, dass irgendetwas nicht stimmt. Der Zug fährt nicht rasant wie sonst Richtung Frauenfeld sondern langsam in die falsche Richtung. Wobei: Yvonne ist sich nicht ganz sicher, ob es tatsächlich die falsche Richtung ist, denn bei aller Genauigkeit, die ihr eigen ist: Mit einem ausgeprägten Orientierungssinn ist Yvonne nicht gesegnet. Aber das Tempo irritiert sie. Und noch viel überraschter ist sie, als der Zug kurze Zeit später auf einem Abstellgleis zum Stehen kommt. Yvonne wundert sich. Und mit ihr wundern sich fünf andere Passagiere, die ebenfalls im Wagen sitzen.

Noch ehe sich die Gestrandeten aus ihrer Schockstarre lösen können, öffnet ein Rangierarbeiter die Tür. Ob sie denn nicht gesehen hätten, dass dieser Zug in Winterthur abgehängt worden sei, fragt er die verwunderten Reisenden. Alle versichern unisono, dass weder die Lautsprecherdurchsage im Zug noch die Leuchtanzeige im Wageninnern irgendein Anzeichen dafür gegeben hätten, man müsse in den vorderen Wagen umsteigen, um nach Frauenfeld weiterzufahren. Der Rangier-Mann auf den Gleisen räumt ein, ein kleines EDV-Problem könnte dafür verantwortlich sein, dass noch nicht alles reibungslos klappe. Ein sicheres Indiz sei aber immer die Informationstafel auf dem Perron: Dort würden Kreuze bei den jeweiligen Sektoren darauf hinweisen, welche Wagen nicht weiterfahren. Danke für den verspäteten Hinweis, denkt sich Yvonne und muss mit den anderen Wartenden 30 Minuten im Wagen auf dem Abstellgleis ausharren. Dann wird sie zurück in den Bahnhof gefahren, muss dort umsteigen auf den Zug nach Frauenfeld und kommt dann mit etwas Verspätung doch noch heim. Also alles halb so wild. Und diese Rangier-Geschichte hat sogar ein doppeltes Happy End: Per Zufall sitzt im abgehängten Abteil eine ehemalige Arbeitskollegin von Yvonne, die sie schon seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hat. Die 30 Minuten vergehen daher wie im Flug. Und Yvonne realisiert, dass es auch ganz bereichernd sein kann, wenn die akkurate Planung mal versagt – sei es wegen höherer Rangier-Mächte oder anderen Kapriolen, die das Leben schlägt.  

Im Zug etwas Abgefahrenes, Sonderbares, Ungewöhnliches erlebt?

Katja Walder freut sich auf Erlebnisse von unterwegs! Per Whatsapp an 077 492 25 71 oder an abgefahren@katjawalder.ch

Der Pendler-Knigge 

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Katja Walder, Daniel Müller 
Der Pendler-Knigge 
168 Seiten, Broschur, Fr. 29.– 
ISBN 978-3-03875-115-1 
Beobachter-Edition 
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