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Kreidebleich und verschwitzt wie nach einem Marathon

Er suchte Bestätigung und Anerkennung. Dafür gab Hakan Akman alles in der SBB Betriebszentrale Olten. Tag und Nacht. Bis er sich in der Toilette am Rand eines psychischen Kollapses wiederfand.

Hakan Akman akzeptiert heute, dass Fehlschläge zum Leben gehören.
Hakan Akman akzeptiert heute, dass Fehlschläge zum Leben gehören.

Ehrgeizig, eifrig, engagiert. So präsentiert sich Hakan Akman im Gespräch. Ein vifer, schwarzhaariger Mann von 28 Jahren, der die SBB bewegen und mit ihr vorwärtskommen wollte. Nach seiner Ausbildung zum Logistiker und zwei Jahren als Rangierer nahm er 2016 tatendurstig die Ausbildung zum Zugverkehrsleiter in Angriff. Noch während des Lehrgangs zog er aus der Region St. Gallen nach Bern, wo seine Freundin wohnte und arbeitete. Die erste von mehreren Veränderungen, die sein Leben bald in eine Achterbahnfahrt verwandeln sollten.

Der Drang, es allen recht zu machen

Mit dem Fähigkeitsausweis des Zugverkehrsleiters in der Tasche, heuerte er in der Betriebszentrale in Olten an. Hakan setzte sich ein, er liebte es, den nie versiegenden Fluss der Züge zu lenken. «Ich wollte etwas bewirken und für meine Leistung anerkannt werden», sagt er im Rückblick. Er nahm in Kauf, bis zu zehn Tage am Stück zu arbeiten und mehrfach zwischen Früh-, Mittel- und Spätschicht zu wechseln.

Wenn am Abend, kurz bevor sein Dienst endete, der Bereichsleiter anrief und fragte, ob er einspringen und die Frühschicht des nächsten Tages übernehmen könne, antwortete Hakan «kein Problem». Also stieg er nach kurzer Nacht um drei Uhr morgens in Bern ins Auto, um den Kollegen der Nachtschicht gegen vier Uhr abzulösen. «Mein Drang, es allen recht machen zu wollen, war riesig.» Seine Konklusion tönt wie eine beiläufige Bemerkung, tatsächlich ist sie reine Selbstkritik: «So kannst du nie zur Ruhe kommen.»

Die seelische Talfahrt setzte ein, als die Beziehung mit der Freundin in die Brüche ging und Hakan in Olten ein Zimmer bezog. Durch einen internen Wechsel beschleunigte sich das Abwärtstempo. Hakan wurde zuständig für den Betrieb des Bahnhofs Olten. Ein Knoten im Schweizer Schienennetz mit zehn Gleisen und Zügen in alle vier Himmelsrichtungen. Die Flut der Meldungen und Anzeigen auf den Bildschirmen, die Last der Verantwortung und die Furcht vor einem Fehler, der die Sicherheit hätte gefährden können – das alles war zu viel.

Lokomotive stehen gelassen

Die Erinnerung an die Zeit fällt Hakan schwer. Er ringt um die richtigen Worte. «Ich wurde kreidebleich und war in kurzer Zeit durchgeschwitzt, wie wenn ich einen Marathon absolviert hätte.» Dann kam der Tag, an dem er es nicht mehr schaffte, eine Lokomotive auf Dienstfahrt, die ausserhalb von Olten wartete und nach Luzern sollte, in den Verkehrsfluss einzufädeln. Nach Ende seiner Schicht ging Hakan auf die Toilette, und was er im Spiegel sah, erschreckte ihn. «Da habe ich gesagt: Nein Hakan, das tust du dir nicht länger an.»

Seine Teamleiterin stand zu ihm und gemeinsam traten sie auf die Bremse. Die Chefin schickte Hakan zum Arzt, der ihn zu 50 Prozent krankschrieb, und sie sorgte dafür, dass er vorübergehend in den Kundendienst wechseln konnte. Ein Case Manager des Bereichs Arbeitsmarktfähigkeit, Gesundheit und Soziales koordinierte das Zusammenwirken zwischen Hakan, seiner Chefin sowie externen medizinischen und therapeutischen Stellen. Die vielseitige Unterstützung entlastete ihn zwar, doch das schlechte Gewissen plagte Hakan. Er fühlte sich dumpf und wertlos. Erst als er sich eingestehen konnte, dass ihn die Aufgabe in der Betriebszentrale überfordert hatte, ging es ihm etwas besser.

« Ich hätte von Anfang an auf mein Bauchgefühl hören sollen. »
Hakan Akman

Er erkannte, wie unsinnig es war, sich und den anderen über Monate hinweg etwas vorzumachen. «Ich hätte auf mein Bauchgefühl hören sollen. Schon während der anfänglichen Instruktion in Olten spürte ich, dass mir der Job nicht guttut.» Fehlschläge gehören zum Leben. Damit umzugehen hat Hakan aber erst lernen müssen. Es zeugt von Selbsterkenntnis und Reife, wenn er heute sagt: «Nicht alles, was wir anpacken, läuft auch gleich richtig.»

Zurück in Sicherheit und Stabilität

Seit Anfang April ist Hakan zurück in St. Gallen, wo er Vollzeit in der Disposition der Züge für SBB Cargo arbeitet. Er macht einen zufriedenen Eindruck, sagt, es gehe ihm gut und dass er sich in der 15-köpfigen Gruppe aufgehoben fühlt. Das gibt ihm Sicherheit und Stabilität, ebenso wie die Eltern, bei denen er unterdessen wieder wohnt. Alles Dinge, die er in den letzten Jahren schmerzlich vermisste.

Dem Wohlbefinden zum Trotz hat der Ehrgeiz nicht ganz von ihm abgelassen. «Ich will mich weiterentwickeln und auch mehr Verantwortung übernehmen,» erklärt Hakan zum Abschied. Er lächelt scheu. Genaue Vorstellungen hat er noch keine, aber er weiss, sie werden entstehen, wenn die Zeit reif ist.