«Nicht hinschauen!» Im Zug mit Pendler-Kolumnistin Katja Walder

Katja Walder liefert in ihrer neusten Kolumne eine Beobachtung, die sie im ÖV niemandem wünscht.

«Nicht hinschauen!» Die neuste Kolumne von Katja Walder
«Nicht hinschauen!» Die neuste Kolumne von Katja Walder

Gelegentlich mutiere ich zum Kummerkasten des Pendlervolkes. Dann landen megabyteweise Zugerlebnisse in meinem Postfach und auf meinem Whatsapp-Account, die zum Ausdruck bringen, dass es im ÖV nicht immer nur nach frisch gepflückten Blumen riecht und nicht alle Mitpendler durch perfekte Manieren glänzen. Ich könnte euch Geschichten erzählen, die wollt ihr gar nicht lesen. Vor allem nicht, wenn ihr jetzt grad beim Znüüni-Kaffee sitzt oder im Restaurant auf den Dessert wartet. Eine Beobachtung möchte ich euch aber trotz aller Rücksichtnahme nicht vorenthalten, weil sie in ihrer Dekadenz geradezu grotesk in unser Land passt, das bis in alle Welt für seinen Wohlstand und sein Bankenwesen bekannt ist.  

Wer jetzt weiterliest, ist selber schuld.  

Wir befinden uns in der S24 Richtung Zug. Im Abteil schräg gegenüber sitzt ein Mann, Mitte 50, mit Sonnenbrille und Cap und isst ein Salamibrötli. So weit so alltäglich. Aber dann geschieht es: In seinen Zahnzwischenräumen verfängt sich etwas, vermutlich ein Salamistück. Mühsam – da könnt ihr bestimmt auch noch mitfühlen. Ich zumindest verzeihe dem Mann, dass er nun mit dem Nagel des kleinen Fingers versucht, das Stück herauszupopeln. Als dies nicht gelingt, nimmt er sein Portmonee aus der Tasche. Wow, denkt man als leicht beindruckbare Mitpendlerin, dieser vorausschauende Mensch hat für den Notfall immer einen Zahnstocher in der Brieftasche! Aber nichts da. Statt eines Zahnstochers klaubt er eine 100-Franken-Note aus dem Portmonee und tut, was man nicht für möglich hält: Er nimmt die Note in beide Hände und setzt sie als Zahnseide ein, indem er mit der langen Kante in den Zahnzwischenraum fährt. Minutenlang rückt er mit 100 Franken der Salami auf die Pelle! Es ist nicht zu fassen. Während er, den Mund weit geöffnet, an den Backenzähnen hantiert, bleibt den Mitpendlern vor Entsetzen ebenfalls der Mund weit offen stehen. Der Ekel ist riesig, aber niemand kann sich aus der Schockstarre lösen, um den Mann zur Vernunft zu bringen. Dann, plötzlich, bricht ein Mitpendler das ungläubige Schweigen: «Das ist das erste Mal in meinem Leben», sagt er kopfschüttelnd, «dass ich mir wünschte, Geld waschen wäre in der Schweiz erlaubt…»

Schluss mit gruusig! Jetzt wollen wir die richtig schönen ÖV-Momente feiern!

Katja Walder freut sich auf lustige, berührende, überraschend positive Beobachtungen von unterwegs! Per Whatsapp an 077 492 25 71 oder an abgefahren@katjawalder.ch

Der Pendler-Knigge 

99 Gebote für den öffentlichen Verkehr gibt es im Buch «Der Pendler-Knigge», das in der Beobachter-Edition erschienen ist. Darin finden sich ausserdem Kolumnen, Karma-Tipps und heraustrennbare Soforthilf-Karten für allerlei Notfälle 

Katja Walder, Daniel Müller 
Der Pendler-Knigge 
168 Seiten, Broschur, Fr. 29.– 
ISBN 978-3-03875-115-1 
Beobachter-Edition 
erhältlich unter: beobachter.ch/shop