Nancy und Pierre, die Schutzengel vom Bahnhof Freiburg

225 Freiwillige engagieren sich als Bahnhof-Patinnen und -Paten. Sie sorgen für eine gute Atmosphäre, die Einhaltung der Regeln im Bahnhof und helfen den Reisenden. Eine Begegnung mit Nancy Zarate und Pierre Savary, zwei stolzen und leidenschaftlichen Bahnhof-Paten in Freiburg.

Nancy Zarate und Pierre Savary wachen über den Bahnhof Freiburg.
Nancy Zarate und Pierre Savary wachen über den Bahnhof Freiburg.

«Oh, tut mir leid, ich habe das gar nicht bemerkt», entschuldigt sich eine junge Frau und macht den Durchgang zu den Eingangstüren des Bahnhofs frei. Pierre Savary und Nancy Zarate lächeln: Mission erfüllt. «Wir Bahnhof-Paten sind dafür da, eine gute Atmosphäre herzustellen und die Einhaltung der Regeln zu gewährleisten», erklärt Pierre. Aber das ist längst nicht alles: «Wir helfen den Reisenden und informieren sie.» Auch das Schieben eines Rollstuhls, die Unterstützung beim Billettkauf am Automaten oder gar Auskünfte an Touristen gehören zu ihrem Alltag.

Eine Freiwilligenarbeit für alle, die den menschlichen Kontakt schätzen

Pierre ist seit Ende 2011 Bahnhof-Pate. Eine Erfahrung als Reisender hat ihn dazu bewogen, sich als Freiwilliger zu engagieren. Als pensionierter Lehrer geniesst der Siebzigjährige den Kontakt zu Menschen und ist überzeugt, dass diese ehrenamtliche Arbeit ihm dabei hilft, den Anschluss ans aktive Leben nicht zu verlieren. Nancy hingegen steht noch voll im Berufsleben. Die einzige Frau im Freiburger Team arbeitet Vollzeit und nimmt sich regelmässig Zeit für die Patrouillen. Nancy stammt aus Bolivien und lebt seit mehr als zwanzig Jahren in der Schweiz. «Mit dieser Freiwilligenarbeit möchte ich der Schweiz dafür danken, dass sie mich und vor allem meine Kinder aufgenommen hat.» Beide schätzen den freundschaftlichen Austausch unter den Bahnhof-Paten und den Kontakt mit den Kunden. Heute wachen bereits sieben Patinnen und Paten über den Bahnhof, aber das Team braucht weitere Unterstützung (siehe Kasten). «Wir suchen Kollegen», meint Pierre, der sich auch um die Koordination der Freiburger Bahnhof-Paten kümmert. «Es braucht keine besonderen Voraussetzungen, lediglich einen guten Charakter, eine gewisse Gelassenheit und ein gutes Gleichgewicht zwischen Freundlichkeit und Durchsetzungsvermögen.»

Pierre macht seine Rundgänge stets gut gelaunt. «Wir müssen freundlich und gleichzeitig bestimmt auftreten.»

Die Stammgäste des Bahnhofs

Pierre und Nancy gehen Richtung Gleis 1. Die beiden kennen jeden Winkel des Bahnhofs. Eine Gruppe Jugendliche versucht, am Perronende ein bisschen unter sich zu sein. Drei Mädchen und zwei Jungen schauen Pierre und Nancy misstrauisch an. «Dürfen wir nicht hier bleiben?», begehrt ein Mädchen wütend auf. «Aber natürlich», antwortet Pierre ruhig. «Werft einfach eure Zigarettenkippen in die dafür vorgesehenen Aschenbecher und vor allem achtet auf die durchfahrenden Züge.» Die Jugendlichen antworten nicht, nur ein Junge zuckt gleichgültig mit den Schultern. «Sie sind nicht böse. Wir kennen sie», meint Pierre. «Diesen jungen Mann zum Beispiel sehe ich auf all meinen Rundgängen. Ich weiss nicht, was die jungen Leute mit ihrem Leben anfangen, aber es stimmt mich traurig mitanzusehen, wie sie ihre Zeit im Bahnhof vergeuden.»

Pausenaufsicht auf andere Weise

Die jungen Leute sind nicht die einzigen regelmässigen Gäste des Bahnhofs. In der Bahnhofshalle geht eine Frau – «Sunshine» wird sie von den Paten genannt – neben den Automaten hin und her. Nancy und Pierre grüssen sie und die Frau macht sich davon, zumindest für den Moment. Die beiden blieben in der Halle und beobachten aufmerksam das emsige Tun um sie herum. Plötzlich nähern sie sich einem Mann, der mit seinem Roller die Halle durchqueren will. «Guten Tag, wir sind Bahnhof-Paten», stellt sich Pierre vor. In seiner Stimme schwingen Stolz, Selbstsicherheit und Fröhlichkeit mit. «In der Bahnhofshalle dürfen sie den Roller nicht benützen.» Der Mann entschuldigt sich. Er setzt seinen Weg zu Fuss fort und wünscht Pierre und Nancy einen schönen Tag. «Manchmal habe ich das Gefühl, wieder ein bisschen Pausenaufsicht zu leisten», schmunzelt Pierre.

Nancy und Pierre beobachten ruhig, bevor sie eingreifen.
Der Bahnhof Freiburg braucht Verstärkung.
Die Bahnhof-Patinnen und -Paten treffen sich regelmässig.

Nancy und Pierre beobachten ruhig, bevor sie eingreifen.

Der Bahnhof Freiburg braucht Verstärkung.

Die Bahnhof-Patinnen und -Paten treffen sich regelmässig.

Beobachten und sicher eingreifen.

Nancy und Pierre kehren aufs Perron zurück und nehmen einen Mann in Augenschein, der in der Wartehalle sehr tief zu schlafen scheint. Nancy versichert sich, dass er bei Bewusstsein ist. «Ich glaube, er ist betrunken.» Sie beschliessen, nicht sofort einzugreifen und die Situation später neu zu beurteilen. «Die Wartehalle ist für die Reisenden bestimmt. Wenn nötig, schicken wir Obdachlose, die sie als Schlafplatz nutzen, weg.» Kaum haben sie den Blick abgewendet, richtet sich ihre Aufmerksamkeit auf einen Mann, der auf der Perronkante läuft, mit einem Fuss oberhalb der Gleise und dem anderen viel zu weit von der Sicherheitslinie entfernt. Nancy spricht den Mann an. «Hier gibt es keinen Zweifel, wir müssen eingreifen und den Mann auf die grosse Gefahr hinweisen, in die er sich begibt. Für die Bahnhof-Paten hingegen besteht keine Gefahr», versichert Pierre, «unsere Vorgehensweise ist klar: Beobachten – analysieren – Distanz wahren – eingreifen – eigene Sicherheit gewährleisten. Unser Natel ist unsere Waffe. Das heisst, wir intervenieren nicht physisch. Bei Bedarf rufen wir die Ordnungskräfte.» Die Bahnhof-Paten patrouillieren immer in Zweier-Teams. So können sie gemeinsam beurteilen und entscheiden.

Die Perrons, der Eingang, die Halle und sogar der Busbahnhof der Freiburgischen Verkehrsbetriebe (TPF) gehören zu ihrem Aktionsradius. Nancy und Pierre patrouillieren weiter. «Nancy hält mich ganz schön auf Trab!», scherzt Pierre. Sie kehren zum Eingang zurück. Ein Mann mit einer Zigarette in der einen und einer Bierdose in der anderen Hand grüsst sie und wünscht ihnen mit mehr oder weniger verständlichen Worten eine guten Tag. Die Bahnhof-Patin und der Bahnhof-Pate antworten freundlich. Für dieses Mal begnügen sie sich damit, den Stammgast zu grüssen und ihre Präsenz zu markieren.

Werden Sie Bahnhof-Pate im Bahnhof Freiburg!

Die SBB sucht Bahnhof-Patinnen und -Paten, unter anderem für Freiburg. Mit Ihrer Präsenz am Bahnhof tragen Sie dazu bei, das Sicherheitsempfinden und die Aufenthaltsqualität der Reisenden im Bahnhof zu erhöhen. Die kostenlose Basisschulung bietet eine gute Einführung in die Tätigkeit als Bahnhof-Patin oder Bahnhof-Pate. Sie erhalten zudem eine Spesenentschädigung pro Einsatz und einmal im Jahr den Betrag für den Kauf eines Halbtax-Abos. Als Anerkennung und zur Förderung des Zusammenhalts unter den Freiwilligen wird zudem ein Ausflug oder ein Jahresschlussessen organisiert. Wie oft Sie unterwegs sind, entscheiden Sie. Möglich sind maximal acht Einsätze pro Monat.

Sie sind gut zu Fuss, kontaktfreudig und können Konflikte konstruktiv lösen? Sie kennen sich in der Region aus und möchten sich für die Gesellschaft einsetzen? Dann nehmen Sie unter der Nummer 079 670 21 85 mit Pierre Savary, Koordinator der Freiburger Bahnhof-Paten, Kontakt auf.

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