«Damals, im Raucherwagen» Im Zug mit Pendler-Kolumnistin Katja Walder

Wer erinnert sich noch an jene Zeiten, als im Zug geraucht werden durfte? Ein überraschender Telefonanruf weckt bei Katja Walder Erinnerungen an längst vergangene Tage.

«Damals, im Raucherwagen» Die neuste Kolumne von Katja Walder
«Damals, im Raucherwagen» Die neuste Kolumne von Katja Walder

Gestern rief mich ganz überraschend Max an. Max! Dass es den noch gibt! Das letzte Mal muss ich ihn als Gymnasiastin im Zug gesehen haben, vor mehr als 20 Jahren. Damals gehörten wir zu einer losen Clique, die sich an den Wochenenden jeweils – aus allen Winkeln des Zürcher Niederdorfs zusammengeströmt – um Mitternacht in der letzten S14 wieder traf – im letzten Wagen. Party-Express nannten wir diesen letzten Zug. Weil er uns zwar in die Agglo zurückbrachte, der Ausgang des Ausgangs aber dennoch total offen war. Es war Ehrensache, dass meine beste Freundin und ich uns in den Raucherwagen setzten – schliesslich tummelten sich dort die coolen Jungs. Max gehörte auch dazu. Dass seine Aussprache während unserer Frotzeleien von den vielen Drogen, die er damals konsumierte, sehr verwaschen war, störte mich nicht. Im Party-Express wurde im beissenden Qualm der Glimmstängel und zu Cuba Libre aus der 1-Liter-Cola-Flasche geflirtet, gestritten, debattiert und philosophiert. Dass wir danach von Scheitel bis Sohle nach Rauch stanken, gehörte zum Abenteuer dazu. Erst einige Jahre später, 2005, sollten die Raucherwagen abgeschafft werden.

Und nun also – total aus dem Nichts – Max am Telefon. Seine Aussprache: Rein. Sein Drogenstatus: Clean. Und entgegen der Erwartungen vieler seiner damaligen Kumpels wurde aus ihm doch noch was rechtes. Die Kehrtwende, die Max in den über 20 Jahren gemacht hat, gilt auch für unser Verhältnis zum öffentlichen Rauchen generell und dem Rauchen im Zug im Speziellen: Was damals Usus war, ist unterdessen verpönt und hat das Zeug zum schwerwiegenden ÖV-Konflikt. Wer kennt sie zum Beispiel nicht, die Trittbrett-Raucher? Kurz vor der Abfahrt stehen sie noch rauchend in der Zugtür, um ihren Glimmstängel bis zuletzt auszukosten. Sie stehen sogar absichtlich in den Türsensor, um die Abfahrt zu verzögern und ja keinen Millimeter ihrer Zigi zu vergeuden. Den allerletzten Zug hauchen sie übrigens gerne erst im Zuginnern aus - zum Missfallen der dichtgedrängten Morgenpendler im Foyer des Zuges. Oder die Perronraucherinnen, die Schrecken aller Väter und Mütter kleiner Kinder! Sie fuchteln mit ihren Zigis auf Kinderkopfhöhe herum und haben schon so manches zartes Gesichtchen um Haaresbreite verfehlt. Ihnen gilt das neue Rauchverbot, das bis 2020 in den Schweizer Bahnhöfen eingeführt wird. Bei renitenten Hardcore-Rauchern hilft wohl aber auch das nicht: Erst kürzlich wurde ich Zeugin eines Beinahe-Handgemenges wegen unerlaubten Rauchens im Zug. «Das isch eifach nur respektlos vo euch! Im Zug raucht mer ned, ihr send doch ned ganz bache!», wies eine Pendlerin zwei rauchende Teenies zurecht. Die beiden lachten nur. Beim Aussteigen, nach einigen Wortgefechten, schlug die Raucherin der Nichtraucherin mit der flachen Hand auf den Kopf. Bevor das Ganze in eine wüste Rangelei ausarten konnte, ging eine Mitreisende dazwischen. Ich will nicht sagen, früher sei alles besser gewesen. Das legale ÖV-Rauchen erst recht nicht. Aber irgendwie hatten wir es damals, zu später Stunde vereint in Rauchschwaden, doch immer friedlich. Oder, Max?

Rauchfreie Bahnhöfe

Im 2018 hat der Verband öffentlicher Verkehr (VöV) die etappenweise Einführung von rauchfreien Bahnhöfen mit Raucherbereichen an Schweizer Bahnhöfen beschlossen. Darauf folgte im Juni 2019 der offizielle Rollout mit dem ersten umgestalteten Bahnhof in Burgdorf. Die Umrüstung aller 750 Bahnhöfe der SBB soll voraussichtlich Mitte 2020 abgeschlossen sein.

Der Pendler-Knigge
99 Gebote für den öffentlichen Verkehr gibt es im Buch «Der Pendler-Knigge», das in der Beobachter-Edition erschienen ist. Darin finden sich ausserdem Kolumnen, Karma-Tipps und heraustrennbare Soforthilf-Karten für allerlei Notfälle.

Katja Walder, Daniel Müller
Der Pendler-Knigge
168 Seiten, Broschur, Fr. 29.–
ISBN 978-3-03875-115-1
Beobachter-Edition erhältlich unter: beobachter.ch/shop oder im Buchhandel