Das kleine Einmaleins des Wanderns

Ab wie vielen Höhenmetern ist man per Du? Wann ist das Wasser aus dem Brunnen trinkbar? Und muss ich in den Alpen mit Schlangen rechnen? Wanderexpertin Andrea Gysi über Anfängerfehler, Instagram und ihren liebsten Bergsee.

Die wichtigsten Fragen zum Thema Wandern in der Schweiz
Die wichtigsten Fragen zum Thema Wandern in der Schweiz

Frau Gysi, was sollte man beim Wandern auf gar keinen Fall tun?
Vergessen, die Wanderung zu geniessen. Wandern bietet die Möglichkeit, in eine wunderbare Welt einzutauchen, bei der die Schönheit unserer Natur in all ihren Facetten zum Vorschein kommt.

Das grösste Missgeschick, das Ihnen beim Wandern je passiert ist?
Der Klassiker. Wir planten eine Wanderung in Verbier mit einem Lunch beim Bergsee. Voller Vorfreude aufs Bräteln am See machten wir uns auf den Weg, um dann, oben angekommen, festzustellen, dass Holz Mangelware ist auf 2213 m ü. M. Der Anfängerfehler schlechthin!

Ihr liebster Bergsee?
Der Oeschinensee. Auch wenn er inzwischen zu einem touristischen Magnet geworden ist, finde ich die Kulisse grossartig. Zudem verbinde ich mit ihm wunderbare Kindheitserinnerungen.

Hand aufs Herz. Instagram: Gut oder schlecht für die Alpen?
Das ist eine Frage der Perspektive. Instagram-Posts können Destinationen einen enormen Boost geben, wovon die ganze Region profitiert. Für die Gäste kann es sich aber auch negativ auswirken. Wird ein Ort, ein Berghaus oder ein Gipfel gehypt, ist die Idylle durch die Menschenmasse schnell einmal bedroht.

Andrea Gysi in der Nähe des Pochtenfalls im Suldtal BE.

Herbstzeit ist Wanderzeit

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Welche Gruppengrösse ist, Ihrer Meinung nach, für Wanderungen am besten geeignet?
Eine perfekte Gruppengrösse gibt es nicht, aber – aus Sicherheitsüberlegungen – eine maximale Gruppengrösse. Die ist von der Route und der Zusammensetzung der Gruppe abhängig. Je schwieriger die Wanderung ist und je unerfahrener die Gruppenmitglieder sind, desto kleiner sollte die Gruppe sein.

Ab wie vielen Höhenmetern ist man per Du?
Da gibt es verschiedene Theorien. Die einen sagen ab 1000 Höhenmetern, andere ab 1300, wieder andere ab 1800. Eine wirkliche Regel gibt es nicht. Hauptsache der höfliche Umgang miteinander ist gewährleistet.

Kommen wir zu den Fakten. Welcher Kanton hat, aneinandergereiht, die längsten Wanderwege?
Der Kanton Graubünden mit 11 148 Kilometern. Silber geht an Bern, Bronze ans Wallis.

Panoramawanderung Disentis–Sedrun.

Nach welchem Tempo und Alter richten sich die Zeitangaben auf den Wegweisern?
Das Alter spielt keine Rolle. Die Berechnung erfolgt mittels Geodaten und einer bewährten Formel zur Wanderzeitberechnung. In ebenem Gelände wird von einer durchschnittlichen Wandergeschwindigkeit von 4.2 km/h ausgegangen. Pausen werden nicht miteinberechnet. Die Faustregel für den Hausgebrauch: Pro Kilometer Distanz in der Ebene wird von einer Viertelstunde ausgegangen. Im Aufstieg wird eine Viertelstunde pro 100 Meter addiert. Beim Abstieg addiert man die Viertelstunde pro 200 Meter.

Wer pflegt die 65 000 Kilometer Wanderwege, die wir in der Schweiz haben?
Zuständig sind die Kantone. In den meisten Kantonen wird die Pflege zusammen mit den Gemeinden und Wanderweg-Fachorganisationen umgesetzt. Bau und Unterhalt der Wege übernehmen meistens die Gemeinden, die Fachorganisationen und ihre freiwilligen Mitarbeitenden kümmern sich um die Kontrolle und Instandhaltung der Signalisation.

Darf ich ein Zelt aufschlagen, wenn es mir an einem Ort besonders gut gefällt?
Die rechtliche Lage ist in der Schweiz nicht einheitlich, in folgenden Schutzgebieten ist freies Campieren aber verboten: im Schweizerischen Nationalpark, in Eidgenössischen Jagdbanngebieten/Wildtierschutzgebieten und in den meisten Naturschutzgebieten und Wildruhezonen während der Schutzzeit. Ansonsten ist eine Übernachtung einer kleinen Anzahl Personen im Gebirge oberhalb der Waldgrenze in der Regel unproblematisch, sofern sie rücksichtsvoll und gut informiert zur aktuellen Wetterlage erfolgt. Ein Notbiwak ist grundsätzlich immer erlaubt. In diesem Zusammenhang empfehle ich das Merkblatt des Schweizer Alpen-Club SAC.

Andrea Gysi auf dem Weg zur Läntahütte SAC. Im Hintergrund das Zervreilahorn («Matterhorn des Graubündens») und der Zervreilasee bei Vals.

Welche Gastnation ist am häufigsten in den Schweizer Alpen unterwegs?
Die Deutschen.

Wann und wie kommt es beim Wandern zu Unfällen?
Die meisten Unfälle passieren, weil Leute ausrutschen, stolpern und stürzen. Beim Abstieg nimmt das Risiko zu, weil der Bewegungsablauf anspruchsvoll ist und sich gleichzeitig Müdigkeit breit macht.

Was kann ich tun, wenn beim Wandern aus dem nichts ein Gewitter aufzieht?
Besonders gefährdete Orte meiden! Dazu zählen Gipfel, Grate, Kuppen, alleinstehende Bäume, Strom- und Seilbahnmasten und deren Umgebung sowie Wasserläufe und Stahlseile. Im Ernstfall auf einem trockenen Rucksack in die Hocke gehen, Knie eng anziehen und keinesfalls aufstehen, um einen Blitzeinschlag zu vermeiden.

Muss ich in den Alpen mit Schlangenbegegnungen rechnen?
In der Schweiz gibt es acht heimische Schlangenarten, von denen zwei giftig sind. Das sind die Kreuzotter und die Aspisviper. Zu einer Begegnung kommt es aber äusserst selten, durch die Vibration schwerer Wanderschuhe werden die Tiere meist frühzeitig gewarnt und in die Flucht getrieben.

Muss der Hund an die Leine?
Ja, aber nur in Naturschutzgebieten, auf Tierweiden und in Wäldern während der Setzzeit der Rehe vom 1. April bis 31. Juli. Dann aber in jedem Fall, auch wenn der Hund aufs Wort gehorcht.

Wann ist das Wasser aus einem Brunnen trinkbar, wann nicht?
In der Regel sind in den Gemeinden öffentliche Brunnen, aus denen man nicht trinken sollte, als solche gekennzeichnet. Auf Alpen ist das oft anders. Im Zweifelsfall sollte man lieber darauf verzichten und genug Wasser in der Flasche mitnehmen. Im Allgemeinen ist die Wasserqualität in der Schweiz jedoch sehr gut.

Surenenpass-Wanderung.

Wer hat auf Wanderwegen Vortritt, BikerInnen oder WanderInnen?
Grundsätzlich immer WanderInnen. Das Gebot lautet aber «gegenseitige Rücksicht und Respekt». Dennoch: BikerInnen müssen ihr Verkehrsgerät immer unter Kontrolle haben.

An wen kann ich mich wenden, wenn ich einen beschädigten Wanderweg antreffe?
Am besten direkt an uns. Auf unserer Website gibt es ein Formular, auf dem die betroffene Stelle erfasst und an uns weitergeleitet werden kann. Wir sind sehr froh um solche Hinweise, sie helfen uns die Qualität der Wanderwege aufrechtzuerhalten und die Sicherheit zu gewährleisten.

Ist Littering in den Alpen ein Problem?
Ja. Laut Umfragen ist Littering der wichtigste Störungsgrund der Wandernden. Ein Viertel der Befragten gibt an, dass dies häufig oder sehr häufig vorkommt. Es ist wichtig, dass Wandernde ihre Abfälle, auch organische, überall und immer wieder mitnehmen. Liegen gelassener Abfall ist eine Gefahr für Natur und Umwelt. Mittlerweile hat sich aber auch ein Gegentrend entwickelt. Und zwar gibt es bereits diverse «Clean-up-Aktionen», bei denen Freiwillige Abfall am und auf dem Berg einsammeln.

Wie kann ich mich für die Alpen engagieren?
Mitglied werden! Zum Beispiel bei einer der 26 kantonalen Wanderweg-Organisationen, bei denen man mit einem Beitritt von vielen Vorteilen profitieren kann. Zudem gibt es die Möglichkeit, Gönner zu werden. Gemeinsam können wir dafür sorgen, dass unsere Wanderwege attraktiv, gepflegt und gut signalisiert bleiben.

Schweizer Wanderwege

Andrea Gysi (35) arbeitet für die Schweizer Wanderwege, die Vereinigung der 26 Wanderweg-Fachorganisationen in den Schweizer Kantonen und im Fürstentum Liechtenstein. Gemeinsam verbinden und unterstützen sie Menschen und Organisationen, die am Wandern und an den Wanderwegen interessiert sind. Seit 1934 setzen sie sich ein für ein attraktives, sicheres und einheitlich signalisiertes Wanderwegnetz.