«Ein Auge zudrücken» Im Zug mit Pendler-Kolumnistin Katja Walder

Wie wohltuend und sympathisch gesunder Menschenverstand im richtigen Moment sein kann, beschreibt Katja Walder in ihrer neusten Pendler-Kolumne.

«Ein Auge zudrücken» Die neuste Kolumne von Katja Walder
«Ein Auge zudrücken» Die neuste Kolumne von Katja Walder

Letzte Nacht schreckte ich schweissgebadet aus dem Schlaf hoch: Im Traum hatte meine 5-jährige Tochter gerade mit krakeligen Buchstaben ihren Namen unter einen Bussenzettel gekritzelt. Strafmass: 1000 Franken. Mein Herz klopfte noch eine Weile, bis ich realisierte, dass mich da wohl der vieldiskutierte Vorfall in einem Schaffhauser Bus bis in die Nacht verfolgt hatte: Eine 5-Jährige, unterwegs mit ihrer 10-jährigen Schwester, wurde letzte Woche zu einem Zuschlag von 100 Franken angehalten, weil sie ohne gültiges Billet unterwegs war. Der Mutter war nicht bewusst, dass Kinder unter sechs Jahren nur in Begleitung von Erwachsenen gratis mitreisen können. Der Fall sorgte für Kopfschütteln und Entrüstung.

Ich lag also wach und dachte nach über Sinn und Unsinn von solchen ÖV-Zuschlägen und über die Grenzen von Prinzipientreue und Kulanz. Eine Fahrt mit dem IC kam mir in den Sinn, quer durch die Schweiz. Neben mir sass ein alter Mann mit schlohweissen, langen Haaren, beigem Fischer-Gilet und ebenso beiger Hose, die von Hosenträgern weit über dem Bauchnabel gehalten wurden. Vor sich auf dem Tischchen hatte er ein kleines ausgeleiertes Notizbuch voller loser Papiere.

Als die Kundenbegleiterin nach dem Ticket fragte, griff er ins Brusttäschchen seines Hemdes. Da waren viele weitere kleine Zettelchen - aber kein Ticket. Er öffnete eine alte Ledermappe und kramte auch dort nach dem Ticket. Ohne Erfolg. «Ich has doch grad no gha», meinte er kopfschüttelnd. «Wo isch dänn das cheibe Billet?». Die Kundenbegleiterin wartete geduldig, während er mit zittrigen und fahrigen Fingern in den losen Seiten seines Notizbuches blätterte. Das abgegriffene, alte Portraitbild einer etwa 70-jährigen Frau kam zum Vorschein – aber kein Ticket.

Nun beförderte der Mann all seine Papiere aus Mappe, Brusttäschchen und Notizbuch auf den Tisch und durchforstete das Durcheinander. Je grösser seine Aufregung wurde, desto grösser wurde das Chaos. Ob ich ihm behilflich sein könne, fragte ich ihn. «Das mues doch noimed sii», murmelte er nur und wühlte weiter in seinen Papieren. Auf dem uralten Impfausweis, der nun ebenfalls vor ihm lag, entdeckte ich seinen Jahrgang: 1932. «Wüssed Sie was?», flüsterte mir in diesem Moment die Kundenbegleiterin zu, die unterdessen mindestens schon sieben Minuten am Warten war, «ich glaub, ich mach ihn nume no zuesätzlich nervös.  Würded Sie bitte luege, dass er nüüt vergisst, wänn er uusstiigt?». Sie verabschiedete sich freundlich, ging weiter und ersparte dem Mann in Beige die weitere Aufregung. Auch wir Mitreisenden waren erleichtert über diese Kulanz. Der Mann packte seine Zettelchen, Papierchen, Ausweise und Kostbarkeiten wieder zusammen. «Häsch es öppe du gno?», fragte er tadelnd die Frau auf dem Portraitfoto, bevor er dieses zurück in sein Notizheft steckte.

Schöne ÖV-Momente

Katja Walder freut sich auf lustige, berührende, überraschende Beobachtungen von unterwegs! Per Whatsapp an 077 492 25 71 oder an abgefahren@katjawalder.ch

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Katja Walder, Daniel Müller

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168 Seiten, Broschur, Fr. 29.–
ISBN 978-3-03875-115-1

Beobachter-Edition
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