Liebeserklärung an den Sommer

Regen prasselt auf die Frontscheibe, das T-Shirt weicht der Kapuzenjacke: Der Sommer ist vorbei. Seine Erinnerungen an die heissen, bunten Sommertage teilt Lokführer Markus Leutwyler in seinem Beitrag.

Ich sitze vor dem Handrad einer S-Bahn irgendwo in der Zürcher Agglomeration und führe meinen Zug von A nach B, nach C und wieder zurück. Regen prasselt auf die Frontscheibe. Nervös fuchtelt der Scheibenwischer vor meinem Gesicht herum. Die Ecken der Seitenscheiben sind beschlagen.

Draussen ist es kühl geworden. Die Fahrgäste warten mit Schirmen oder hochgezogenen Kapuzen auf meinen leicht verspäteten Zug. Es ist noch nicht lange her, da herrschten draussen Temperaturen über 30 Grad. Ich denke zurück an diese Sommertage.

Gummiboote auf der Limmat bei Dietikon.

Sommer ist es, wenn die Klimaanlage dir kalt in den Nacken bläst, während du glühend den Führerraum betrittst. Sommer - das sind weisse Segelschiffchen auf dem türkisfarbenen Neuenburgersee und der Duft von Heu, Bratwürsten und Sonnencreme. Sommer - das sind nasse Böden auf der Plattform von all den Limmatbötchen und Waggons voller Kinder auf Schulreise.

Fahrt durch die Rebberge am Neuenburgersee.

Sommer - das sind Sonnenglut, Wolkenbruch und Regenbogen, flimmernde Schwellen, gewellte Schienen und ein kühles Sinalco, das noch mehr schwitzt als du. Sommer - das sind goldene Korn- und gelbe Sonnenblumenfelder und Frauen in hellen, luftigen Kleidern, die dir fröhlich zuwinken, weil du ein paar Sekunden länger auf sie wartest. Sommer -  das sind rote Wandersocken, weisse Shorts und blaue Adiletten, bunte Hunde und schräge Vögel. Sommer ist, wenn Venus und Mars sich das Himmelszelt teilen und es sich nach einem langen Spätdienst bereits wieder rötet. Sommer - das sind diejenigen schlaflosen Stunden, an die man sich am liebsten erinnert.

Konzentriert halte ich meine S-Bahn vor dem Prellbock an. Ich bin am Endbahnhof angekommen. Mit einem Tuch wische ich die Regentropfen ab, die den Griffstangen entlang nach unten rinnen. Im Bahnhof ist es still. Die Stadt schläft. Der Sommer ist vorbei.

Markus Leutwyler. Foto: Gian Vaitl.

Markus über sich

Mein Leben ist ein Mosaik. So habe ich Umweltnaturwissenschaften studiert, jedoch anschliessend als Werbefilmer gearbeitet. Im Jahr 2008 konnte ich mir einen (weiteren) Traum verwirklichen und wurde Lokführer. Mit meinen Berichten möchte ich die normalerweise geschlossene Führerstandstüre öffnen und die schönen Erlebnisse mit euch teilen. Ich bin 44 Jahre alt, verheiratet und Vater von zwei Kindern.

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