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«So ein Theater!» Im Zug mit Pendler-Kolumnistin Katja Walder

Vorhang auf! In Katja Walders neuster Kolumne sind es für einmal die Schienen, die die Welt bedeuten.

«So ein Theater!» Die neuste Kolumne von Katja Walder
«So ein Theater!» Die neuste Kolumne von Katja Walder

«Grüezi», sagt das Mädchen im Kindergartenalter auffallend höflich und positioniert sich im Zug vor der Frau neben mir, die gerade eingestiegen ist. «Sie chömmed mir so bekannt vor – känned mir eus?», fragt es. Meine Sitznachbarin stellt ihren Kopf schief, grüsst zurück und antwortet mit prüfendem Blick: «Ähm… ich weiss gar nöd.» – «Wohned Sie nöd z’Dübedorf?», fragt das Mädchen hartnäckig. «Doch», sagt die Frau erstaunt. «Ich au!», meint das Mädchen und lacht ein fröhliches Zahnlückenlächeln. «Törf ich fröge, wie sie zum Nachname heissed?», will das Mädchen nun forsch wissen. «Mäder!», antwortet die Frau. Darauf das Mädchen: «So en Zuefall, ich au!». Unterdessen hört das halbe Abteil mit. «Ich han e Tochter, die heisst Lina», sagt die Frau, worauf das Mädchen zu strahlen beginnt: «Würklich?! Ich heisse au Lina!» - «So öppis!» antwortet die Mutter überrascht. Spätestens da wird mir klar, dass es sich hier nicht um eine zufällige Begegnung handeln kann, sondern um ein Rollenspiel zwischen Mutter und Tochter. «Jetzt chunnts mir in Sinn!», sagt das Mädchen nun tatsächlich, «sie sind mini Mueter!!»

Die beiden fallen sich in die Arme und kichern beide – und mit ihnen lachen auch die anderen Pendler. «Känned Sie ‘Die kahle Sängerin’?», fragt nun plötzlich eine weitere Frau aus unserem Abteil und erklärt, dabei handle es sich um ein Theaterstück von Eugène Ionesco, in dem genau eine solche Szene vorkomme. Während die Mutter weder mit Ionesco noch mit dem Titel des Stücks etwas anfangen kann, mischt sich nun auch noch die vierte Person im Abteil ein: ein bärtiger Mann mit Brille und offenbar Ionesco-Kenner. Er erzählt von Mr. und Mrs. Martin, die sich im Stück begegnen, sich gegenseitig taxieren und dann beginnen, sich auszufragen: «Sind wir uns nicht schon mal irgendwo begegnet?» Nach und nach entdecken sie immer mehr Gemeinsamkeiten, und kommen am Schluss zur Erkenntnis: «Wir haben uns bereits einmal gesehen – Sie sind meine eigene Gattin!»

In unserem eigenen S-Bahnstück fällt der Vorhang notgedrungen in Dübendorf: Mutter und Tochter steigen aus, der Mann auch. Ich bleibe sitzen. Zu schade! Ich hätte den bärtigen Brillenträger gerne noch etwas gefragt; irgendwie kam er mir so bekannt vor…

Katja Walder freut sich auf lustige, berührende, überraschende Beobachtungen von unterwegs! 
Per Whatsapp an 077 492 25 71 oder an abgefahren@katjawalder.ch

Der Pendler-Knigge

99 Gebote für den öffentlichen Verkehr gibt es im Buch «Der Pendler-Knigge», das in der Beobachter-Edition erschienen ist. Darin finden sich ausserdem Kolumnen, Karma-Tipps und heraustrennbare Soforthilf-Karten für allerlei Notfälle

Katja Walder, Daniel Müller
Der Pendler-Knigge
168 Seiten, Broschur, Fr. 29.–
ISBN 978-3-03875-115-1
Beobachter-Edition
erhältlich unter: beobachter.ch/shop oder im Buchhandel