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«Keine Lust!» Im Zug mit Pendler-Kolumnistin Katja Walder

Es hätte so eine schöne Zugfahrt werden können… In ihrer neuen Kolumne schildert Katja Walder, warum Eltern ihren Kindern auch im Familienabteil manchmal Grenzen setzen sollten.

«Keine Lust!» Die neuste Kolumne von Katja Walder
«Keine Lust!» Die neuste Kolumne von Katja Walder

«Attaaaaackeeeee!!!» – wir hören das laute Gebrüll bereits, als wir im neuen Bombardier-Zug die Treppe ins Oberdeck hochsteigen. Unser Ziel: Der Mini-Spielplatz im Familienabteil. Eigentlich der Garant dafür, dass eine Zugreise mit Kindern auch für Eltern einigermassen entspannt wird. Eigentlich. Oben angekommen sehen wir die Gesichter zum Gebrüll: vier Knaben, vermutlich zwischen fünf und acht Jahre alt, jagen sich gegenseitig ununterbrochen das kleine Treppchen zur Rutschbahn hoch, die Rutschbahn wieder runter, das Treppchen wieder hoch, die Rutschbahn wieder runter... Die Gesichter gerötet, die Haare verschwitzt, mit einer Energie, als wären sie eine Kindergeburtstagsrasselbande im Coca-Cola- und Schoggikuchen-Zuckerflash.

Während die vier unter Zeter-Mordio-Geschrei ihr Rutschbahnspiel weitertreiben, sitzen eine Hand voll andere, kleinere Kinder mit offenen Mündern auf den knallgrünen Sitzpolstern links und rechts des Spielplatzes und beobachten die wilden Rabauken mit einer starren Mischung aus Faszination und Einschüchterung. «Mami», sagt nach etwa zehn Minuten eines der kleinen Mädchen, «ich wett eigentlich au mal aberutsche.» Mutter und Tochter verhandeln kurz, warum das Mädchen nicht alleine fragen gehen will («die mached mir chli Angscht…»), worauf die Mutter aufsteht und die Jungs bittet, doch mal für die anderen Platz zu machen. Die Buben ignorieren die Intervention. Kurz darauf probiert es die Mädchen-Mutter nochmals: «Kommt, wir machen etwas ab: Wie oft wollt ihr noch rutschen, bevor ihr die anderen ranlässt?» Die Bande lässt sich auf keine Deals ein: «Mir törfed so lang rutsche, wie mir wänd. Du bisch nöd oisi Mueter», sagt der eine frech. «Genau. Du häsch eus nüüt z’säge», stimmt ein anderer ein. Man wünscht sich an dieser Stelle, die zugehörigen Eltern würden sich einschalten. Tun sie aber nicht. Stattdessen toben die Knaben weiter und das Mädchen zieht ein langes Gesicht.

Nach weiteren fünf Minuten und einigen Überredungsversuchen durch andere Erwachsene kommt die Buben-Mutter doch noch. Doch statt eines Machtworts fragt sie freundlich: «Wänd ihr nöd mal Platz mache für die andere?» Antwort der Buben: «Nei, wämmer nöd, kä Luscht!». Die Buben-Mutter zum Mädchen: «Weisch, die rutsched sicher nüme die ganz Fahrt. Sölled die sich doch no e Viertelstund uuspowere, dänn händs sicher gnueg». Mädchen und Mutter schauen verdutzt und entscheiden sich, die Rutschbahn-Wartezeit mit einem Kartenspiel zu verkürzen. Die Buben rutschen weiter. Als wir gleichzeitig mit dem Mädchen das Abteil verlassen um auszusteigen, hören wir die Mutter ihre rutschenden Buben noch freundlich fragen: «Wollt ihr euch langsam anziehen? Wir kommen gleich an.» Ob die fünf wegen akuter Aussteig-Unlust der Jungs noch ein paar Stationen weiterfahren, bekomme ich leider nicht mehr mit.  

Katja Walder freut sich auf lustige, berührende, überraschende Beobachtungen von unterwegs! Per Whatsapp an 077 492 25 71 oder an abgefahren@katjawalder.ch.

Der Pendler-Knigge

99 Gebote für den öffentlichen Verkehr gibt es im Buch «Der Pendler-Knigge», das in der Beobachter-Edition erschienen ist. Darin finden sich ausserdem Kolumnen, Karma-Tipps und heraustrennbare Soforthilf-Karten für allerlei Notfälle

Katja Walder, Daniel Müller
Der Pendler-Knigge
168 Seiten, broschiert, Fr. 29.–
ISBN 978-3-03875-115-1
Beobachter-Edition
erhältlich unter: beobachter.ch/shop oder im Buchhandel