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Zwei Männer, die sich nicht verstecken, sondern etwas bewegen wollen

Als Guglielmo Bee vor 36 Jahren bei der SBB anheuerte, war Homosexualität ein Tabuthema. Heute macht der junge Jan Müller kein Geheimnis aus seiner sexuellen Orientierung. Viel hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert. Genügt das? Ein Gespräch mit zwei schwulen Männern aus zwei Generationen.

Guglielmo Bee und Jan Müller verstecken ihre Homosexualität nicht.
Guglielmo Bee und Jan Müller verstecken ihre Homosexualität nicht.

Guglielmo, wussten deine Arbeitskollegen, dass du schwul bist, als du zur SBB kamst?

Guglielmo Bee: Nein, damals war ich ja erst 21 Jahre alt, und nicht einmal meine Familie und meine Freunde wussten es. Bei der Arbeit war die sexuelle Orientierung kein Thema. Man nahm an, dass vielleicht dieser und jener auch homosexuell sein könnte, aber es wurde nicht darüber gesprochen. Erst mit der Zeit bildeten sich Grüppchen, die auch mal etwas in der Freizeit zusammen unternommen haben und sich austauschten. Es war noch alles ziemlich versteckt damals.

Heute geht die SBB offen mit dem Thema Vielfalt um. Ist es für dich, Jan, einfacher, dich als homosexuellen Menschen zu erkennen geben?

Jan Müller: Wahrscheinlich schon. Als ich neu zur SBB kam, war ich gerade frisch mit meinem Partner zusammengezogen. Das habe ich dann in Gesprächen erwähnt. Auch heterosexuelle Menschen sprechen ja über ihre Partnerinnen und Partner. Ausserdem erwähne ich mein Engagement in LGBTI*-Organisationen jeweils bereits in der Bewerbung. Ganz einfach ist das alles trotzdem nicht: Ein Outing braucht jedes Mal Energie und Überwindung! Viele Heterosexuelle denken, dass sich die Sache mit dem ersten Coming Out erledigt hat. Das stimmt nicht! An jedem neuen Arbeitsort, in einem neuen Freundeskreis, in einem neuen Verein: Immer wieder stehen Outings an.

Guglielmo Bee: Auch ich habe meine Engagements in LGBTI*-Organisationen in meinem Dossier festgehalten. Damit bin ich bei Einstellungsgesprächen nicht nur positiv aufgefallen. So hat beispielsweise einmal eine Personalfachfrau einen Vorgesetzten explizit vor Konflikten gewarnt, die sich aufgrund meiner sexuellen Orientierung ergeben könnten. Auch Aussagen wie «Von einem Schwulen lasse ich mir nichts sagen» musste ich mir im Arbeitsalltag schon anhören.

Jan Müller: «Viele junge Homosexuelle zeigen heute offen, wie sie fühlen.»

Trotzdem kommt es für euch nicht in Frage, aus eurer Homosexualität ein Geheimnis zu machen.

Guglielmo Bee: Ich will meine Homosexualität nicht verstecken. Mit meinem Partner in die Ferien zu fahren und dann meinen Arbeitskollegen erzählen, es wäre eine Partnerin gewesen? Dieser Spagat ist so anstrengend, darauf habe ich keine Lust. Aber ich kenne bei der SBB viele Schwule und Lesben, die sich nie geoutet haben und genau diesen Spagat seit 30, 40 Jahren machen.

Jan Müller: Die jungen Homosexuellen sind da schon offener. Das zeigt sich beispielsweise in den Sozialen Medien; mit Hashtags wie etwa «queer» veröffentlicht man, wie man fühlt. Diese Offenheit wurde möglich, weil sich queere Menschen wie Guglielmo früher dafür engagiert haben. Sie haben eine Community aufgebaut, Aufklärung betrieben und so dafür gesorgt, dass man uns toleranter begegnet.

Guglielmo Bee: Ja, ich war lange Jahre sehr aktiv. Aus familiären Gründen habe ich mich mittlerweile stark zurückgezogen. Ich finde aber, dass das Engagement zugunsten der LGBTI*-Menschen nicht nachlassen darf. Es ist wichtig, am Thema dran zu bleiben – damit es irgendwann einmal kein Thema mehr ist. Damit irgendwann Geschlecht und sexuelle Orientierung, aber auch Religion, Hautfarbe und so weiter keine Rolle spielen.

Guglielmo Bee: «Das Engagement darf nicht nachlassen.»

Ihr seid euch einig: Es wurde bereits viel erreicht, aber noch nicht genug. Was sollte noch angepackt werden?

Jan Müller: Auf gesetzlicher Ebene erreichen wir hoffentlich bald einmal die Ehe für alle. Auch besteht noch immer kein Schutz vor öffentlicher Diskriminierung, dies ist dringend nötig um auch eine rechtliche Sicherheit zu gewährleisten. Darüber hinaus müssen wir weiter an der Akzeptanz der queeren Menschen in der Gesellschaft arbeiten. Grundsätzlich ist sie bereits recht gross, aber es gibt Ausnahmen. Während ich im Arbeitsumfeld kaum Diskriminierung erfahre, spüre ich beispielsweise in kirchlichen Kreisen oft Ablehnung. Dort bekommt man gesagt, dass Homosexualität eine Sünde sei und eine Beziehung zwischen zwei Männern eine schlechte Lebensweise.

Guglielmo Bee: Ein Mangel an Toleranz kommt oft aus Kreisen, wo man es nicht erwartet hätte. Es gibt halt immer wieder «Ausreisser». Darum kann man als Homosexueller immer noch nicht ganz unbeschwert durch den Alltag spazieren. Die Tendenz zu verbalen und tätlichen Angriffen auf Schwule und Lesben hat zugenommen – entgegen der grundsätzlichen Entwicklung hin zu mehr Akzeptanz und Toleranz.

Wie sollte dieser Tendenz begegnet werden?

Jan Müller: Es braucht einfach viel Zeit und weiterhin Aufklärungs- und Sensibilisierungsarbeit, damit Minderheiten besser akzeptiert werden. Ich zum Beispiel stelle mich immer wieder zur Verfügung, um in Schulklassen oder Jugendtreffs über Homosexualität zu sprechen und zu zeigen, dass ich als Schwuler trotzdem «normal» bin. Auf diese Weise kann ich Vorurteile abbauen.

Guglielmo Bee: Das habe ich vor rund 25 Jahren auch gemacht. Damals war es noch harzig, bis ein Gespräch mit den Teenagern in Gang kam. Oft stieg ich mit der Frage ein, ob sie jemanden kennen, der schwul ist – was in der Regel verneint wurde.

Jan Müller: Dabei hilft es sehr, wenn man sich an bekannten Menschen orientieren kann. Prominente. Youtuber oder Instagramer zum Beispiel können für Junge, die sich noch nicht geoutet haben, wichtige Vorbilder sein.

Guglielmo Bee: Vorbilder machen das Thema auch greifbar.

Jan Müller: Und man fühlt sich weniger alleine. Weil ich weiss, wie wichtig Vorbilder für mich gewesen sind, engagiere ich mich jetzt selbst. Beispielsweise organisiere ich eine SBB interne Veranstaltung, mit der ich anderen Mut machen möchte.

Wie viel kann der Arbeitgeber beitragen?

Jan Müller: Es ist wichtig, wenn namhafte Unternehmen wie die SBB die Vielfalt als wertvoll betrachten. Wichtig ist auch, dass Arbeitgeber Rahmenbedingungen im Umgang miteinander setzen und Diskriminierung nicht tolerieren. Unter anderem deshalb kam die SBB für mich als Arbeitgeberin überhaupt in Frage. Ich weiss, dass andere junge Menschen ebenso darauf achten.

Guglielmo Bee: Wenn viele Unternehmen solch deutliche Signale aussenden wie die SBB, kann das zu einer Veränderung in der Gesellschaft beitragen.

Jan Müller: Doch auch die SBB hat noch Luft nach oben. Warum beispielsweise nicht bereits am Willkommenstag die Botschaft platzieren, was das Unternehmen von den Mitarbeitenden fordert? Natürlich kann man sich fragen, was ein Unternehmen von seinen Mitarbeitenden nebst der Arbeitsleistung überhaupt fordern darf. Ich finde: Gegenseitige Akzeptanz darf immer und auch immer wieder gefordert werden.

Jan Müller

Der 21-jährige Zürcher kam vor rund einem Jahr zur SBB. Er arbeitet in Bern in der Führungsunterstützung der Leiterin HR-Beratung und Personalpolitik mit und betreut die Beziehungen mit den Sozialpartnern. Berufsbegleitend studiert der gelernte Polydesigner Betriebsökonomie und Politik. Für sein erstes Outing nutzte der homosexuelle Jan Müller den Start seiner Berufslehre.

Seit einigen Jahren engagiert sich Jan Müller in der Organisation «du-bist-du.ch», einer Beratungs- und Informationsplattform zu den Themen «sexuelle und geschlechtliche Vielfalt». Ausserdem ist er für die SP auf Bundesebene Mitglied in der Fachkommission «sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität» und berät in diesem Zusammenhang Parlamentarier und Parlamentarierinnen.

Guglielmo Bee

Der gelernte Konditor Confiseur, der in Luzern wohnt, kam bereits 1983 zur SBB. Er arbeitete zunächst als Kondukteur, kam nach diversen Stationen im Unternehmen als Qualitätscoach zur Zugbereitstellung und ist neu, seit rund zwei Monaten, als Sicherheits- und Umweltcoach für drei Serviceanlagen in der Region Mitte zuständig. Guglielmo Bee ist 57, homosexuell und hat sich erstmals mit 26 Jahren bei Familie und Freunden geoutet.

Guglielmo Bee war unter anderem im Vorstand von HALU (Homosexuellen Arbeitsgruppen Luzern) aktiv und war Gründungsmitglied von PinkRail. Er hat sich auch im Abstimmungskomitee für Eingetragene Partnerschaft engagiert und die Coming Out Days Zentralschweiz mitorganisiert. Heute ist er nur noch bei PinkRail aktiv.

Das Engagement der SBB

Die SBB setzt sich für eine offene Unternehmenskultur und ein diskriminierungsfreies Arbeitsumfeld ein. Alle Mitarbeitenden sollen die gleichen Chancen haben – unabhängig von ihren sichtbaren oder unsichtbaren Unterschieden. Für ihr Engagement im Bereich Gleichstellung von Menschen mit unterschiedlicher sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität hat die SBB im März 2019 das «Swiss LGBTI* Label» erhalten.

«LGBTI*» steht für Lesbian, Gay, Bisexual, Trans, Intersexual und das * steht dafür, dass die Aufzählung nicht abgeschlossen ist und es noch andere sexuelle und romantische Orientierungen und Geschlechtsidentitäten gibt.

Ein SBB internes Netzwerk für Akzeptanz und Toleranz der LGBTI*-Community wurde im Herbst 2016 gegrünget: «QueerNet». Es ist offen für alle Mitarbeitenden und unterstützt den Austausch zwischen Menschen mit unterschiedlicher sexueller Orientierung. «Queer» ist Englisch und bezeichnet als Adjektiv jene Dinge, Handlungen oder Personen, die von der «Norm» abweichen.