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«Vorbilder gesucht!» Im Zug mit Pendler-Kolumnistin Katja Walder

Wer erkennt sich ebenfalls wieder? Unsere Pendler-Kolumnistin Katja Walder fühlt sich ertappt und möchte es ab sofort besser machen.

«Vorbilder gesucht!» Die neuste Kolumne von Katja Walder
«Vorbilder gesucht!» Die neuste Kolumne von Katja Walder

In letzter Sekunde springe ich in die ziemlich volle S-Bahn, lehne mich im Stehbereich an die Wand und möchte dort weitermachen, wo ich vorher im Tram aufgehört habe: auf meinem Smartphone. Die aktuelle Folge meines Lieblingspodcasts wieder starten, die angefangene Whatsapp-Message fertigschreiben, dann bis zum Zielbahnhof noch ein bisschen durch die Newsportale surfen, die defekte Glasplatte meines Beistell-Tischchens nachbestellen, vielleicht noch ein Katzenvideo da oder ein Geschäftsmail dort... was man halt so macht, wenn man sich mit dem Smartphone im Feierabendverkehr in seine eigene Welt abkapselt.

Also zücke ich das Handy, drücke auf Play, öffne Whatsapp und… Als ich kurz den Blick vom Display hebe, um, in die Ferne schauend, nach den richtigen Worten zu suchen, passiert es: Mein Blick trifft direkt auf zwei Kinderaugen. Sie gehören zu einem etwa 2-jährigen Mädchen, das in einem Kinderwagen sitzt. Die Mutter neben dem Kinderwagen: am Smartphone. Ich lächle dem Kind zu und es lächelt zurück. Nun schaue ich in die Runde und sehe: Menschen am Smartphone. Das kleine Kind ist umgeben von Menschen am Smartphone. Es sieht von seinem Kinderwagen aus nur Menschen, die ihre Energie auf ein Gerät richten, das offenbar viel viel spannender ist als das Leben rund herum.

Ich fühle mich ertappt und beschämt. Und ich fühle mich mitschuldig als Teil dieser Gesellschaft, die schon den Kleinsten vorlebt, wie Nicht-Kommunizieren und Nicht-Wahrnehmen funktioniert. Mit einem Mal wird mir klar: Das will ich nicht länger mitmachen. Das Smartphone stecke ich weg und bleibe dafür mit der Kleinen in Blickkontakt. Wir lächeln uns gegenseitig an und machen lustige Grimassen. Dass ich mich dabei zum Affen machen könnte, kümmert mich nicht. Es sieht mich sowieso keiner – sie starren ja alle auf ihr Smartphone.

Haben Sie im Zug selber etwas Bemerkenswertes, Seltsames, Skurriles oder besonders Schönes erlebt? Erzählen Sie es Katja Walder! Per Whatsapp an 077 492 25 71 oder an abgefahren@katjawalder.ch

Der Pendler-Knigge

99 Gebote für den öffentlichen Verkehr gibt es im Buch «Der Pendler-Knigge», das in der Beobachter-Edition erschienen ist. Darin finden sich ausserdem Kolumnen, Karma-Tipps und heraustrennbare Soforthilf-Karten für allerlei Notfälle

Katja Walder, Daniel Müller
Der Pendler-Knigge
168 Seiten, Broschur, Fr. 29.–
ISBN 978-3-03875-115-1
Beobachter-Edition
erhältlich unter: beobachter.ch/shop