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Kolumnistin Katja Walder: «Ein Unglück kommt selten allein.»

Nicht genug, dass SBB Kundin Claudia eine Trennung verschmerzen musste. Sie geriet auch noch an einen aussergewöhnlichen Mitpendler.

«Ein Unglück kommt selten allein» Die neuste Kolumne von Katja Walder
«Ein Unglück kommt selten allein» Die neuste Kolumne von Katja Walder

Auf welchem Zugtischchen es wohl gerade liegt? Wie viele Menschen schon darin geblättert haben? Wieviel Pendler-Leid es bereits verhindern konnte? Wie ich gerade erfahren habe, ist seit einigen Wochen eine Ausgabe meines Pendler-Knigges auf Reisen und soll für Ordnung sorgen. Neu-Pendlerin Claudia aus Burgdorf hat das Buch absichtlich liegen gelassen, «da ich finde, dass dieses Wissen an den Ort des Geschehens gehört», schreibt sie mir. Zur Pendlerin wurde Claudia, weil sie sich nach einer Trennung kein eigenes Auto mehr leisten konnte. Die erste Situation, die sie als jungfräuliche Pendlerin erleben musste, war verstörend:

Mittags um 12.30 Uhr im Zug Richtung Burgdorf. Die Zugkomposition besteht aus ungewöhnlich vielen 1. Klasse-Wagen, dementsprechend ist der Wagen der 2. Klasse bereits ziemlich voll. Claudia setzt sich ohne langes Fäderläsis auf den ersten freien Platz neben eine Frau. Sie richtet sich ein, hört mit Ohrstöpseln Musik und realisiert plötzlich, was der Mann am Fenster vis à vis gerade tut: Er macht sich süüferli zwei Linien Kokain bereit - auf dem SBB-Tischli notabene. Claudia traut ihren Augen kaum, nimmt die Kopfhörer raus, schaut zur Frau links neben sich, schaut ins Abteil rechts neben sich. Alle schauen angestrengt weg. Claudias Art ist das nicht. Sie kann sich nicht zurückhalten: «Hörsch äch sofort mit dem Seich uf?» fragt sie mehr rhetorisch. Der Mann begreift, dass sie es recht ernst meint, rollt schnell seinen Geldschein zusammen und zieht husch husch die beiden Linien rein. «S geit di nüt a!» sagt er nun schniefend. «Natürlich geits mi öppis a, wenn du hie vor mir Droge konsumiersch! Verruum das Züüg sofort, süsch lüti ar Polizei a!», herrscht sie ihn mit Blick auf die Telefonnummer der Transportpolizei an. Claudia ist aufgebracht. Nicht nur über den öffentlichen Drogenkonsum in einem geschlossenen, fahrenden Zug. «Was mich an der ganzen Situation fast mehr schockierte, war das offensichtliche, peinlich berührte Wegsehen der Mitreisenden.»

Auch wenn das Thema «Drogen im ÖV» in meinem Pendler-Knigge nicht vorkommt, verspricht sich Claudia viel von ihrer Liegenlass-Aktion: «Ich hoffe, das Buch geht auf eine grosse Reise und wird unterwegs von vielen Menschen gelesen und vor allem verstanden und angewendet. Unsere Welt würde besser!»

Vor allem die heraustrennbaren Notfall-Karten, die man renitenten Mitpendlern wortlos zustecken kann, haben es ihr angetan. Aber, liebe Kokser, eines soll gesagt sein: Auch wenn sich die Kärtchen gut rollen liessen – für eure Zwecke sind sie nicht gedacht.

Gesellschaftliche Entwicklungen machen auch vor SBB Bahnhöfen und Zügen nicht Halt. Wer sich vom Verhalten Mitreisender belästigt fühlt, kann die betreffende Person direkt darauf aufmerksam machen, sich ans Zugpersonal wenden oder die Polizei über Tel. 117 oder die SBB Transportpolizei unter 0800 117 117 kontaktieren.

Haben Sie im Zug selber etwas Bemerkenswertes, Seltsames, Skurriles oder besonders Schönes erlebt? Erzählen Sie es Katja Walder! Per Whatsapp an 077 492 25 71 oder an abgefahren@katjawalder.ch

Der Pendler-Knigge
99 Gebote für den öffentlichen Verkehr gibt es im Buch «Der Pendler-Knigge», das in der Beobachter-Edition erschienen ist. Darin finden sich ausserdem Kolumnen, Karma-Tipps und heraustrennbare Soforthilf-Karten für allerlei Notfälle

Katja Walder, Daniel Müller
Der Pendler-Knigge
168 Seiten, broschiert,§ Fr. 29.–
ISBN 978-3-03875-115-1
Beobachter-Edition
erhältlich unter: beobachter.ch/shop oder im Buchhandel