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«Mehr als drei Könige» Im Zug mit Pendler-Kolumnistin Katja Walder

«Eure Majestät, wir erreichen den Zielbahnhof!» Der Kunde ist König, heisst es. Was das tatsächlich bedeuten würde, malt sich Katja Walder in ihrer neusten Kolumne aus.

«Mehr als drei Könige» Die neuste Kolumne von Katja Walder
«Mehr als drei Könige» Die neuste Kolumne von Katja Walder

Ich spüre das kleine harte Männchen in meiner linken Hand, als ich in den Zug steige. Gemeinsam mit der goldigen Krone aus Papier habe ich es kurz vorher in die Manteltasche gesteckt. Es wäre mir etwas peinlich gewesen, am Dreikönigstag als frisch gekrönte Königin in den verdienten Feierabend zu fahren. So sitze ich jetzt also da, den König in der Hand, und frage mich, welche Hoheiten in diesem Moment wohl sonst noch mit mir im Zug sitzen. Der Teenie mit den freien Knöcheln? Vielleicht ein König. Die drei alten Frauen mit den Sporttaschen? Eine von ihnen vielleicht eine Königin. Der abgekämpfte Bauarbeiter in der dreckigen Hose? Er hätte es verdient.

Einen Moment lang überlege ich mir, ob ich ihm meine Krone rüberschieben soll, getraue mich dann aber nicht. Stattdessen male ich mir aus, wie die Zugfahrten wohl wären, wenn die SBB tatsächlich ausschliesslich Menschen mit blauem Blut befördern würde. Ihre Majestät unterwegs von A nach B. Die Speisewagen wären natürlich in Betrieb. Immer. Defekte würden vom königlichen Personal subito behoben. Die edel gewandeten Servicekräfte würden andächtig die Servierglocke lüften. Das Essen: Ein Gedicht. Aus dem Unterdeck erklänge leise Pianomusik, live gespielt. Im Klo: Handtücher aus Spitze. Rosenduft. Keine Spuren. Nicht, weil Könige keine Spuren hinterlassen, sondern weil das Putzpersonal permanent im Einsatz stünde. Statt Neonlicht Kerzenschein. Die Fahrt: Gratis. «Billette ab Zürich», höre ich in diesem Moment und realisiere wieder, dass ich zum Fussvolk gehöre – trotz Krone im Sack.

Beim Aussteigen an der Endstation möchte ich das Kartonding zuerst in den Güselchübel beim Ausgang schmeissen, entscheide mich dann aber anders: Ich lege sie so auf den Rand, dass jemand vom Reinigungsteam sie schnappen kann. Stellvertretend für alle anderen, die dem  Fussvolk die Züge so sauber wie möglich halten. Sie sind meine echten Könige. Und Helden obendrein.  

In zwei Wochen erscheint die letzte Kolumne von Katja Walder. Welchem Thema soll sie ihren letzten Text widmen? Erzählen Sie es Katja Walder! Per Whatsapp an 077 492 25 71 oder an abgefahren@katjawalder.ch 

Der Pendler-Knigge
99 Gebote für den öffentlichen Verkehr gibt es im Buch «Der Pendler-Knigge», das in der Beobachter-Edition erschienen ist. Darin finden sich ausserdem Kolumnen, Karma-Tipps und heraustrennbare Soforthilf-Karten für allerlei Notfälle 

Katja Walder, Daniel Müller
Der Pendler-Knigge
168 Seiten, Broschur, Fr. 29.–
ISBN 978-3-03875-115-1
Beobachter-Edition
erhältlich unter: beobachter.ch/shop oder im Buchhandel