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«Endstation!» Im Zug mit Pendler-Kolumnistin Katja Walder

Während einem Jahr berichtete Katja Walder an dieser Stelle von ihren abgefahrenen Erlebnissen im Zug. In ihrer Abschiedskolumne pfercht sie die gemeinsam in ein Abteil.

«Endstation!» Die neuste Kolumne von Katja Walder
«Endstation!» Die neuste Kolumne von Katja Walder

Schon wenn wir die Türe zu unserem Abteil aufmachen, schlägt uns ein saurer Geruch entgegen: Da isst tatsächlich ein junger Typ Sauerkraut. Kalt. Direkt aus dem Beutel. Die Frau ihm gegenüber, ein Schinkensandwich in der Hand, verzieht angewidert das Gesicht. Ihr Partner schüttelt den Kopf. Nicht nur über den Sauerkraut-Mampfer, sondern auch über den älteren Mann auf dem vierten Platz, der in sehr hoher Lautstärke ein Video schaut. «Würds Ihne ächt öppis uusmache, d’Chopfhörer z’bruuche», fragt der jüngere den älteren freundlich. «Gahts no!» wettert der, «ich bin en freie Maa! Was fallt eu ii? Ihr frässed da Sandwich und meined, ihr müesed mich zrächtwiise?!».

Während sich ein handfester Streit entwickelt, hört man aus einem Abteil weiter vorne exaltierte Schreie des Entzückens: «Oh! My! God! So sweet!» Eine Asiatin fotografiert begeistert einen herzigen Begleithund, der seinem Frauchen zu Füssen liegt. Die Asiatin verlässt den Wagen und gibt meinen Blick frei auf einen massiven Mann, der schnarchend in seinem Sitz hängt. Er röchelt und röhrt und bemerkt nicht, dass ein paar Jungs ihre Smartphones zücken und grölend Schnappschüsse des schnarchenden Hünen schiessen. «Hey!», ruft es nun laut von Gegenüber, «nicht einfach fremde Leute fotografieren!» Es ist eine junge Tätowierte, die sich aus dem Abteil der Begleithund-Frau einmischt. Was die Jungs antworten, verstehe ich nicht, da in diesem Moment die Wagentür aufgeht und sich nun eine ganze Horde Asiaten aufgeregt um den Begleithund gruppiert, um das Tier mit Kameras aller Art festzuhalten.

Das Klicken der Kameraauslöser vermischt sich mit einem Knallen, das aus dem hintersten Abteil kommt. Knall. Und wieder: Knall. Eine ältere Frau lässt provokativ das Tischchen aufknallen und wieder zuknallen. «Möchted Sie gern rede», fragt eine jüngere Frau sie ruhig. Die Knallerin mit einer gespenstischen Engelsstimme: «Ich möchte Ihne am liebschte eis ad Ohre haue!» Man möchte gerade den Glauben an das Gute im Menschen verlieren, was dadurch unterstützt wird, dass sich ein anderer Mann gerade mit einer Hunderternote einen Speiserest aus den Zähnen puhlt, als plötzlich etwas Magisches geschieht: ein kleines, blondgelocktes Mädchen geht mit ihrer Mutter durchs Abteil und bleibt vor einer wildfremden Frau stehen. «Wettsch dere Frau grüezi säge?», fragt die Mutter. Das Mädchen nickt, umarmt mit ihren Ärmchen die fremde Frau und drückt ihr einen zarten Kuss auf die Wange

Was für ein versöhnlicher Abschluss, kurz vor dem Aussteigen. Jetzt muss ich aber schleunigst raus, sonst lande ich noch unfreiwillig auf dem Abstellgleis…

Der Pendler-Knigge

99 Gebote für den öffentlichen Verkehr gibt es im Buch «Der Pendler-Knigge», das in der Beobachter-Edition erschienen ist. Darin finden sich ausserdem Kolumnen, Karma-Tipps und heraustrennbare Soforthilf-Karten für allerlei Notfälle

Katja Walder, Daniel Müller
Der Pendler-Knigge
168 Seiten, broschiert, Fr. 29.–
ISBN 978-3-03875-115-1
Beobachter-Edition
erhältlich unter: beobachter.ch/shop oder im Buchhandel