Wenn nur der Rasenmäher beim Arbeiten stört

Normalerweise hat Alain Bitzer seinen Arbeitsplatz im SBB Betriebsgebäude an der Zürcher Langstrasse. Seit Mitte März plant er die Touren für den Rangierbetrieb im Personenverkehr von zu Hause aus. «Homeoffice» ist für ihn ein Arbeitsmodell mit Zukunft.

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Eine gute Stunde braucht Alain Bitzer für den Weg von seinem Wohnort im thurgauischen Aadorf an den Arbeitsplatz in Zürich. Dieser befindet sich im SBB Betriebsgebäude an der Langstrasse, direkt neben dem vielspurigen Gleisfeld. Seit Mitte März jedoch geht er dort nicht mehr ein und aus. Die vom Bundesrat verhängten Notmassnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus haben auch ihn ins «Homeoffice» gezwungen.

Wie tausende andere Mitarbeitende der SBB erledigt er seinen Job nun vom Schreibtisch zu Hause aus. Alain Bitzer ist zuständig für die Jahresplanung im Rangierverkehr. Er erstellt Tourenkarten mit den Fahrten ganzer Zugskompositionen oder einzelner Wagen für Lokführer und Rangierer. Was er dafür braucht, ist der Computer, eine Internetverbindung und den Zugang zum Netzwerk der SBB. Eine Präsenz im Büro gehört nicht zwingend dazu.

Heimbüro aufrüsten müssen

Schwer gefallen ist ihm die Verlegung des Arbeitsortes in die eigene Stube nicht, wie Alain Bitzer versichert. Er hat schon vorher seinen Job vereinzelt daheim erledigt. «Ich kann fokussierter arbeiten. Es steht nicht dauernd jemand neben meinem Pult und will etwas von mir.» Was er hingegen benötigte, war eine Aufrüstung für sein Heimbüro: Einen zweiten Bildschirm, um die Übersicht in den Planungsprogrammen behalten zu können, und einen bequemen Bürosessel, da sich bereits nach wenigen Tagen auf dem alten Stuhl Rückenbeschwerden bemerkbar machten.

Weil alle Möbelgeschäfte geschlossen waren, musste Alain Bitzer den Stuhl im Internet bestellen, ohne ihn ausprobieren zu können. Er hatte bei der Auswahl gleichwohl ein gutes Händchen. Die Sitzgelegenheit passt wie der Massanzug zu einem Gentleman.

Nicht ganz reibungslos lief die Koordination über die Distanz mit den Kolleginnen und Kollegen an, erinnert sich Alain Bitzer. Schon bei normalem Betrieb wären durch die räumliche Trennung deutlich mehr Absprachen erforderlich gewesen. Die Anpassungen am Fahrplan, das heisst die vorübergehende Reduktion der Anzahl Züge, erhöhten den Koordinationsaufwand massiv. Und auch Schnittstellen mussten teilweise über die Abteilungen hinweg neu organisiert werden. Doch nach wenigen Tagen habe sich alles eingespielt, und der Betrieb sei wieder in geordnete Bahnen übergegangen.

Der echte Kontakt zu den Kollegen fehlt

Inzwischen ist «Homeoffice» für Alain Bitzer zur Normalität geworden. Er schätzt vor allem, dass ihm täglich zwei Stunden Arbeitsweg erspart bleiben und er in Ruhe arbeiten kann. Letzteres rührt auch daher, dass seine Freundin nicht bei ihm lebt. «Da wir keine gemeinsame Wohnung haben, ist es nicht möglich, dass sie mich beispielsweise während Sitzungen unterbrechen könnte.» Anders sähe es aus, wenn Alain Bitzer kleine Kinder hätte. «Dann», räumt er freimütig ein, «würde mir die Arbeit im Homeoffice wohl weniger leicht fallen.»

Eine Störquelle hat sich in der Stille von Alain Bitzer gleichwohl manifestiert. «Wenn ich an warmen Tagen bei offenem Fenster arbeite, höre ich immer wieder das Röhren der Rasenmäher im Quartier. Doch das gehört halt einfach dazu», ergänzt er mit einem Schmunzeln.

Zu schaffen macht Alain Bitzer zwischendurch, dass er seine Arbeitskollegen nur noch am Telefon hört oder per Videochat sieht. «Manchmal komme ich mir wie ein Einzelkämpfer vor.» Natürlich bieten die modernen Kommunikationsmittel auch Raum für einen lockeren Austausch. So hätten sie im Team einmal nach dem Feierabend den Geburtstag eines Kollegen virtuell gefeiert und ein Bier getrunken. «Aber die physische Präsenz kann selbst so etwas nicht ersetzen», bekennt Alain Bitzer.

Vermehrt zu Hause arbeiten

Alles in allem ist er überzeugt, dass «Homeoffice» eine Arbeitsform mit Zukunft ist. «Wenn ich frei wählen kann, werde ich auch nach Aufhebung aller Einschränkungen regelmässig zu Hause arbeiten.» Alain Bitzer ist sich jedoch bewusst, dass es dafür Absprachen, klare Rahmenbedingungen und – nicht zuletzt – das Vertrauen des Vorgesetzten braucht.

Eine weitere Variante, die für ihn denkbar ist: Den Arbeitstag daheim beginnen und zum Beispiel für eine Sitzung am späteren Vormittag ins Büro fahren. Neben der persönlichen Flexibilität sieht er darin auch einen Vorteil aus Sicht der SBB: «Wir können eine Vorreiterrolle einnehmen und dafür sorgen, dass die Züge zu den Stosszeiten nicht überfüllt sind.»

Die SBB ist Gründungs- und Vorstandsmitglied der Initiative «Work Smart». Diese hat zum Ziel, flexible Arbeitsformen in der Schweizer Wirtschaft zu fördern und Unternehmen sowie Institutionen bei der Einführung zu unterstützen. Mehr Informationen finden sich unter https://work-smart-initiative.ch/de/