Zweites Leben für Abfall 

Bei der SBB fallen jährlich hunderttausende Tonnen Abfall an. Ein Grossteil davon kann wiederverwertet werden. Davon profitiert die Umwelt – und die Kasse. Im SBB Recyclingcenter werden diese sogenannten Wertstoffe für die Weiterverarbeitung und Wiederverwendung fit gemacht.     

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Zeitungen, PET-Flaschen, Aludosen, Kartonbecher: Die Abfallentsorgung aus Bahnhöfen und Zügen ist eine tägliche Herausforderung. Rund 850 SBB Mitarbeitende sind dafür im Einsatz. Was nicht offensichtlich ist: Der Abfall, der durch die Reisenden verursacht wird, macht bei Weitem nicht den grössten Anteil des Entsorgungsvolumen der SBB aus. 2019 sind insgesamt 398 207 Tonnen Material verbraucht worden. Zählt man den Gleisaushub – nicht mehr brauchbares Schottergestein und Kiessand – ab, waren es noch 155 538 Tonnen. Davon fielen 12 866 Tonnen auf Publikumsabfälle.

Wenn immer möglich wiederverwerten
Um die materialgerechte Verwertung von PET, Papier oder Aluminium kümmern sich die zuständigen Recyclingorganisationen. Bei der SBB stellt das Kompetenzzentrum Entsorgung (KPZ) konzernweit eine einheitliche Bewirtschaftung seiner Wertstoffe sowie Sonder- und Betriebsabfälle sicher. Die regional tätigen Fachspezialisten des Kompetenzzentrums beraten alle SBB Mitarbeitenden zur Sortierung, umweltgerechten Lagerung und Verwertung aller anfallenden Stoffe. «Nachhaltig mit Materialien umzugehen, heisst, Abfälle möglichst zu vermeiden, zu reduzieren und dem korrekten Verwertungskanal zuzuführen», erklärt Lukas Wyss, Leiter Entsorgung bei der SBB. Wenn immer möglich wird der Kanal der Wiederverwertung gewählt. Dazu betreibt die SBB ein eigenes internes Recyclingcenter im Solothurnischen Trimbach. Dort werden Wertstoffe – Aluminium-, Kupfer- oder Stahlteile – nach Qualitäten zerlegt und sortiert. Danach sind die Wertstoffe bereit für die Weiterverarbeitung und -verwendung.

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Je reiner, desto gefragter   

«Gewisse Materialien können beliebig oft und ohne Qualitätsverlust wiederverwertet werden», sagt Wyss. Das schont nicht nur die Umwelt, sondern ist auch wirtschaftlich sinnvoll. Das SBB Recyclingcenter finanziert sich unter anderem durch den Erlös aus dem Wertstoffhandel. Gerade die vielen Kupfer- und Aluminiumfraktionen, welche in den Werkstätten anfallen, können sehr hochwertig auf den Markt gebracht werden. Auch Schienen und Schienenfahrzeuge enthalten einen grossen Anteil an Wertstoffen. Als Beispiel nennt Wyss die Fallblattanzeiger – die blauen Tafeln, die zum Teil heute noch auf den Perrons die einfahrenden Züge ankündigen, aber je länger je mehr durch digitale Anzeigen ersetzt werden. «Indem wir Aluminium und Kunststoff voneinander trennen, können wir die reinen Materialien zu einem viel besseren Preis verkaufen.»   

Recycling via Auktion  

Die SBB ist dem öffentlichen Recht unterstellt. Das bedeutet, dass alle Wertstoffe ausgeschrieben werden müssen. «Dies geschieht zum einen mit zielgerichteten öffentlichen Ausschreibungen alle fünf Jahre, zum anderen via Auktionsplattform, durch die wir potenzielle Abnehmer einladen können», erklärt Wyss. Darunter sind grosse und mittelgrosse Wertstoffverarbeiter. Diese müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllen: Bei der Wahl von Verwertungspartnern wird wo möglich auf lokale Partner gesetzt, damit Transportdistanzen kurzgehalten werden können. Zudem müssen sie spezifische Zertifizierungen in den Bereichen Qualitätsmanagement, Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz sowie Umweltmanagementsystem aufweisen. Zum Schluss entscheidet die Höhe des Angebots, mit welchem Partner das Geschäft abgewickelt wird.   

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«Nachhaltig mit Materialien umzugehen, heisst, Abfälle möglichst zu vermeiden, zu reduzieren und dem korrekten Verwertungskanal zuzuführen.  »
Lukas Wyss, Leiter Entsorgung bei der SBB. 

Lukas Wyss, Leiter Entsorgung.

Die Auswirkungen der Coronakrise  
Materialien wie Aluminium, Kupfer oder Eisen werden – wie auch Gold – an der Börse gehandelt. Im zweiten Halbjahr 2019 fielen die Preise wegen der abflachenden Weltwirtschaft und zusätzlicher Handelsbarrieren markant. Teils wurde es schwierig, für einzelne Wertstoff-Fraktionen Absatzkanäle zu finden, da europaweit alle Lager überfüllt waren und Stahlwerke keine Lieferungen mehr annahmen. Für Leichteisen oder Papier mussten zum Teil sogar Zuzahlungen abgegeben werden. «Gegen Ende des Jahres zeichnete sich eine leichte Entspannung auf dem Markt ab», erzählt Wyss. Leider nicht für lange. «Die aktuell grassierende Coronakrise zwingt viele Stahlwerke und Verarbeiter von Kupfer und Aluminium in die Knie, die Stahlwerke in Italien waren eine lange Zeit geschlossen.» Und das, fährt Wyss fort, schlage sich natürlich direkt auf die Preise für Wertstoffe nieder.   

Bleibt zu hoffen, dass die Nachfrage nach Ende der Krise rasch wieder ansteigt.
Lukas Wyss bleibt zuversichtlich. Das aktuelle Jahr will das Kompetenzzentrum unter anderem dazu nutzen, 
weitere Optimierungen im Bereich der Wertstoffgewinnung 
sowie in den administrativen Abläufen vorzunehmen. 

Dieser Artikel erschien ursprünglich im Reisemagazin «via». Das Magazin erscheint sechs Mal pro Jahr und liegt an beinahe jedem Bahnhof in der Schweiz aus. In den Zügen hängt das Heft oftmals über den Sitzen: Es lohnt sich, darin zu blättern!