«Menschen zu bewegen fasziniert mich»

Er hatte keinen einfachen Start, der neue SBB-CEO Vincent Ducrot. Doch die Coronakrise hat seiner Freude und Motivation keinen Abbruch getan. Im Gegenteil. Der passionierte Bähnler spricht über seine Ziele für die SBB, die Zukunft der Mobilität und die Organisation von Beruf und Familie.

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Ihr Beginn als neuer CEO der SBB fiel in eine turbulente Zeit. Dabei ging Ihre Person fast ein bisschen unter. Wer sind Sie, Vincent Ducrot?

Ich bin ein erfahrener Eisenbähnler, der grosse Lust hat, die SBB voranzubringen, fit für die Zukunft und für unsere Kunden noch attraktiver zu machen.

Was bringen Sie dazu mit?

Mein Vorteil ist, dass ich viele Jahre bei der SBB gearbeitet habe. Zuerst in der IT, dann war ich ÖV-Delegierter für die Expo.02 und Leiter der Abteilung Fernverkehr sowie Leiter ad interim der Division Personenverkehr. In meiner letzten Funktion als Generaldirektor bei der TPF (Transports publics fribourgeois) durfte ich eine Firma in ihrer ganzen Breite führen – mit allen Facetten, die mit Unternehmensführung verbunden sind. Die TPF ist eine SBB im Kleinen. Ich hatte also sehr viele Chancen, die Komplexität dieses Systems von Grund auf zu lernen.

Sie haben sich bestimmt viel vorgenommen für Ihre neue Aufgabe. Doch als erste Amtshandlung mussten Sie intensives Krisenmanagement betreiben.

Das Ganze hat etwas Surreales: Ich wurde im Dezember 2019 gewählt, in einer Situation der Hochkonjunktur mit vielen Kunden und vielen Baustellen und mit einem noch sehr guten Jahresergebnis. Im Januar und Februar hatte ich etwa 100 Sitzungen, in denen wir die Zukunft der SBB planten. Und dann kamen der März und Covid-19 – und alle unsere Pläne gingen über Bord. Wir standen vor einer völlig neuen Situation, mit der nun wirklich niemand gerechnet hatte.

Hat Sie das nervös gemacht?

Nein. Ich habe Covid als Herausforderung angenommen. Das gehört für mich zu dem Beruf dazu. Ausserdem bin ich erprobt in Krisenmanagement und habe genügend Erfahrung, um auch in ausserordentlichen Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren.

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Betrachtet man Ihre berufliche Laufbahn, sieht der Posten als SBB-CEO aus wie die Krönung des Ganzen. Haben Sie darauf hingearbeitet?

Das war nie mein Ziel. Ich durfte eine spannende Karriere verfolgen, ich war sehr glücklich in Fribourg. Dann kam plötzlich diese Möglichkeit. Ich habe gut überlegt und mich dann dazu entschlossen, die Gelegenheit beim Schopf zu packen. Natürlich ist es eine grosse Ehre. Und wohl ein Traum für jeden, der im ÖV tätig ist.

War es ein Bubentraum von Ihnen, einmal bei der Bahn zu arbeiten?

Nein, ich wollte auch nie Lokführer werden. Ich war in ganz verschiedenen Branchen als IT-Berater tätig, auch bei der SBB. Und ich fand es faszinierend, welch komplexes System es braucht, um Menschen und Güter zu bewegen. Darum bin ich in dieser Branche geblieben. Meine Leidenschaft für die Eisenbahn habe ich mir sozusagen on the job erworben.

Als SBB-CEO sind Sie plötzlich zur öffentlichen Person geworden. Wie gehen Sie damit um?

Die Stelle ist in der Tat extrem exponiert. Alle haben eine Meinung zur SBB, jeder weiss, wie man es anders, besser machen sollte. Daran gewöhnt man sich. Ich habe jede Stelle mit sehr viel Respekt angenommen. Aber auch mit sehr viel Selbstbewusstsein. Ich kenne das System, ich kenne die Firma, ich weiss, wo die Stärken und die Schwächen sind, was man verbessern muss. Ich bin jemand, der sehr ruhig und überlegt vorgeht und sich nicht so schnell verunsichern lässt.

«Wir sind unpünktlicher geworden in den letzten Jahren.»

Die SBB steht immer wieder wegen ihrer Unpünktlichkeit in der Kritik.

Ja, und das zu Recht. Wir sind unpünktlicher geworden in den letzten Jahren. Dies ist darauf zurückzuführen, dass wir mehr Unterhalts- und Infrastrukturarbeiten machen und gleichzeitig mehr Menschen mit dem Zug fahren. Der Fahrplan wurde nie an diese Situation angepasst. Und genau das werden wir jetzt angehen.

Ist das Ihr nächstes Ziel?

Die verbesserte Pünktlichkeit ist sicher ein Teil davon. Generell möchte ich die Qualität wieder verbessern. Diese Qualität ist entscheidend, sie ist unsere DNA; pünktlicher, sauberer – und kundenorientierter. Denn die Kunden machen unsere Firma aus. Wichtig ist mir die Kundenkommunikation, sie soll persönlicher werden. Etwa indem wir auf eine Kundenreklamation telefonisch reagieren und uns entschuldigen, anstatt ein Standardmail zu schreiben. Ich mache das Gleiche mit meinen Mitarbeitenden. Anstatt ein Mail zu verschicken, sende ich lieber eine Videobotschaft. Das macht einen Unterschied, weil es authentischer, emotionaler, direkter und konkreter daherkommt.

Was ist Ihr langfristiges Ziel, Ihre Vision für die SBB?

Unsere Strategie für die Zukunft ist ganz klar und einfach: Wir sind eine Eisenbahn. Aber wir müssen uns natürlich immer nach dem Lauf der Zeit richten. Die kombinierte Mobilität ist ein Thema, das uns je länger, je stärker beschäftigen wird; einfache Zugänge zu Parkplätzen, Velos usw. Das ist die Zukunft der Mobilität.

Wird Covid-19 die Mobilität der Menschen verändern?

Das ist die grosse Frage, ob und inwiefern das Virus das Mobilitätsverhalten beeinflussen wird. Ich bin aber skeptisch, eine Krise mitten in der Krise zu beurteilen. Ob die Tendenz von 2019, die stetige Zunahme des ÖVs, im Jahr 2021 noch anhält, kann jetzt niemand beantworten. Wir haben natürlich ein paar Thesen, aber die müssen zuerst erhärtet werden. Und ich werde erst dann kommunizieren, wenn sich die Annahmen bewahrheiten sollten. Es ist wichtig, cool und ruhig zu bleiben und nicht in Panik zu verfallen. Wir werden die Entwicklungen in der Gesellschaft wachsam beobachten und in ein, zwei Jahren Bilanz ziehen. Bis dahin setzen wir den Fokus auf die kurzfristigen Verbesserungen bezüglich Pünktlichkeit und Kundenorientiertheit.

«Meine Familie hat mich immer unterstützt»

Sie führen rund 32 500 Mitarbeitende und sind Vater von sechs Kindern. Wie können Sie Beruf und Familie vereinbaren?

Mit einer guten Organisation und mit dem Setzen von Prioritäten. Ich verzichte auch mal auf einen Apéro, damit mich die Kinder sehen. Zudem stehe ich immer sehr früh auf und arbeite durch, damit ich am Abend nach Hause kann. Aber es ist nun mal so, dass ich viel arbeite. 80-Stunden-Wochen sind keine Ausnahme. Meine Familie hat mich immer unterstützt in meiner Karriere. Sie weiss, dass die SBB eine Herkulesaufgabe ist. Es war klar, dass wir uns nicht mehr gleich oft sehen würden. Das heisst aber nicht, dass wir nicht intensiv Zeit miteinander verbringen. Wir waren diesen Sommer zusammen in den Ferien, zuerst in der Schweiz und dann in Frankreich. An den Wochenenden gehen wir oft Velo fahren, wandern oder im Winter in die Berge.

Schalten Sie auch mal Ihr Handy aus?

Selten. Ich habe immer mein Telefon oder das iPad und meinen Computer dabei. Einmal war ich beim Skifahren mit den Kindern und habe am Morgen meinen Helm im Schnee deponiert, weil mein Telefon klingelte – und musste den ganzen Tag dort bleiben, um eine Krise zu managen. Am Abend hatte ich einen riesigen Sonnenbrand. Das gehört halt zu diesem Job. Ein ÖV-Unternehmen arbeitet 24 Stunden an 365 Tagen. Es kann immer etwas passieren. Die Kunst ist, im richtigen Moment involviert zu werden. Mich stört das nicht. Weil ich diesen Job liebe.

Von Ihnen kann man lesen, Sie seien ein ­Vereinsmensch. Engagieren Sie sich immer noch gemeinnützig?

Nur noch sehr ausgewählt. Ich bin nach wie vor in der Finanzkommission meines Dorfs Echarlens und im Samariterverein. Und ich habe ein Diplom als Ski­patrouilleur. Im Winter gehe ich jeweils ein paar ­Wochenenden auf Patrouille, damit ich mein Diplom behalten kann. Die Kinder kommen mit und fahren währenddessen Ski. Etwas Gutes für die Gesellschaft zu tun, war mir schon immer wichtig, das mache ich, seit ich 15 bin. Und es hat mir auch beruflich viel gebracht: Gerade auf den Skipisten gibt es viele Unfälle – leichte und schwere. Da lernt man eine gewisse Ruhe und Gelassenheit, die mir heute sehr zugutekommt.

Um den Bähnler in Ihnen komplett zu machen: Sie besitzen eine Modelleisenbahn.

Ja, das ist eine Leidenschaft von mir, die aktuell leider zu kurz kommt. Ich besitze eine schöne, grosse Anlage mit einem digitalen Stellwerk und allem Drum und Dran. Meine Söhne spielen jetzt damit. Ich habe die Eisenbahn ja Tag für Tag in real.


Dieser Beitrag erscheint in der September/Oktober-Ausgabe des «via» – das Magazin des öffentlichen Verkehrs mit Reisegeschichten, beeindruckenden Bildern, besonderen Ausflugstipps und spannenden Interviews.

Zur Person

Vincent Ducrot, geboren 1962 in Châtel-Saint-Denis FR, studierte Elektroingenieur an der ETH Lausanne und absolvierte verschiedene Weiterbildungen. Seine berufliche Laufbahn startete er als Informatiker in diversen Anstellungen in der Schweiz und im Ausland.

1993 begann Ducrot als Leiter der Einheit Software-Entwicklung bei der SBB. Von 1997 bis 2002 war er Delegierter der SBB bei der Expo.02. Von 1999 bis 2010 war er als Leiter des Bereichs Fernverkehr für die Erarbeitung und Umsetzung der Verkehrsstrategie der Langstreckenlinien im schweizerischen Bahnverkehrsnetz zuständig. Auf internationaler Ebene arbeitete er an der Entstehung von Lyria mit, welche die TGV-Verbindung zwischen Frankreich und der Schweiz sicherstellt. Von 2009 bis 2010 übernahm er gleichzeitig die Funktion als übergangsmässiger Leiter der Abteilung Personenverkehr.

2011 wurde Ducrot zum Generaldirektor der Freiburgischen Verkehrsbetriebe (TPF) ernannt. Er wandelte die TPF in eine Holding um, modernisierte die Infrastruktur und setzte wichtige technologische Innovationen um. Am 10. Dezember 2019 gab der Verwaltungsrat der SBB die Nominierung von Vincent Ducrot als CEO bekannt. Das Amt trat er per 1. April 2020 an. Vincent Ducrot lebt in Echarlens FR und hat sechs Kinder im Alter von 13 bis 27 Jahren.