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Mit Leib und Seele im Lokführerstand
Mit Leib und Seele im Lokführerstand

Personalmangel, Nachwuchsproblem: Der Lokführerberuf steht unter Druck. Zwei, die im Führerstand ihre Passion gefunden haben, sind Nathalie Simplet und Felix Eggenschwiler. Wir haben mit ihnen gesprochen.

zvg/ldd/mad (Fotos)

«Die Freiheit im Lokführerstand bedeutet mir viel.»
Nathalie Simplet, Lokführerin

Fester Händedruck, strahlendes Lachen und ein herzliches «Salut». So begrüsst Nathalie Simplet, Lokführerin bei SBB Cargo, um 9 Uhr ihre Besucher am Güterbahnhof Denges-Echandens bei Lausanne. Und das, obwohl ihre Schicht an diesem Tag bereits um 3 Uhr morgens begonnen hat. Müde? Nein, müde ist sie nicht. «Jetzt beginnt mein Tag zum zweiten Mal», witzelt sie. Die 40-Jährige ist gelernte Dentalassistentin. 15 Jahre hatte sie in ihrem Beruf gearbeitet und dann, mit Mitte 30, kam die grosse Frage: Und jetzt?

Per Zufall erfuhr sie, dass SBB Cargo Lokführer suchte. Sie zögerte nicht lange – und voilà, da fährt sie nun. Und das zu jeder Tages- und Nachtzeit. «Am liebsten fahre ich in den Sonnenaufgang», sagt sie lachend. Das sei jedes Mal ein besonderer Moment. Sie geniesse die Nähe zur Natur und das Unterwegssein zu jeder Jahreszeit sehr. Ihre Lieblingsroute führt dem Genfersee entlang von Lausanne nach Villeneuve oder von Puidoux über Grandvaux nach Lausanne. «Das Highlight der Strecke ist der Moment, wenn der Zug den Tunnel verlässt und den Blick über den See und die Rebberge des Lavaux freigibt – das ist unvergleichbar.»

Trotz den schönen Aussichten, Nathalie Simplet muss im Führerstand jederzeit präsent und konzentriert sein. «Wenn etwas passiert, muss ich schnell reagieren», sagt sie. Ihr Zug an diesem Morgen hatte 20 Wagen, war 273 Meter lang und wog 1805 Tonnen. «Mein Bremsweg ist lang und das Streckennetz dicht befahren, ich kann nicht einfach schnell anhalten.» An diese Verantwortung über die vielen Tonnen und über 10 000 PS hat sie sich rasch gewöhnt. Nicht zuletzt dank der grossen Unterstützung ihrer Kollegen. Simplet ist in Lausanne aktuell noch die einzige Lokführerin, Ende 2020 wird sie voraussichtlich drei neue Kolleginnen erhalten. «Der Zusammenhalt im Team ist gross. Ich habe mich von Anfang an integriert und willkommen gefühlt», windet sie ihren Kollegen ein Kränzchen. «Vorher habe ich eher in einem Frauenberuf gearbeitet, jetzt arbeite ich in einem Männerberuf – und Letzteres mag ich lieber.»

Nathalie Simplet hat keine Kinder und sagt von sich, sie sei sehr flexibel, verstehe aber, wenn gerade jüngere Leute aus Rücksicht auf die Familie einen anderen Beruf wählten. Sie selbst geniesst die Freiheit, an einem Mittwochmorgen auf die Skipiste zu gehen oder einem Montagnachmittag Freunde zu treffen. «Nein, als Lokführer muss man kein Einzelgänger sein», betont sie. «Aber klar, es macht mir nichts aus, alleine zu sein. Die Freiheit im Führerstand bedeutet mir viel.» Es ist inzwischen schon fast Mittag, Zeit für Simplet, die Heimfahrt anzutreten, bevor die nächste Schicht beginnt. Jetzt freut sie sich auf etwas Bewegung an der frischen Luft, denn: «Sport ist für mich der perfekte Ausgleich zum Job.»

«Man muss in der Lage sein, in kurzer Zeit selbstständig Entscheidungen zu treffen.»
Felix Eggenschwiler, Lokführer

Langeweile im Job? Für Felix Eggenschwiler ein unbekanntes Gefühl. Wenn der Lokführer von seinem Berufsalltag zu erzählen beginnt, blüht er so richtig auf. Seit er vor 32 Jahren seine Betriebslehre begann, ist er der Bahn treu geblieben. Mit 18 Jahren hatte er sich vom Rangierarbeiter zum Vorarbeiter hochgearbeitet. Danach folgte die Ausbildung über mehrere Stufen zum Lokführer. Für SBB Cargo ist der 48-Jährige seit 20 Jahren an der Front im Einsatz – und hat auch nicht vor, so schnell etwas daran zu ändern.

In seiner Laufbahn arbeitete er sowohl im Personen- wie auch im Güterverkehr als Lokführer, über mehrere Jahre gar gleichzeitig. «Es war eine abwechslungsreiche Zeit. Morgens fuhr ich einen Personenzug an die Zieldestination, und abends ging es mit einem Güterzug wieder zurück», erinnert sich Eggenschwiler. Als SBB Cargo 1999 eine eigene Division wurde, musste er sich allerdings für eine Seite entscheiden. «Die Wahl fiel mir nicht schwer. Ich habe mich für den Güterverkehr entschieden, weil ich so nur selten an einem Wochenende arbeiten muss», erklärt er seine pragmatische Entscheidung.

Eggenschwiler arbeitet im Schichtbetrieb. Dienstantritt hat er jeweils im Depot in Olten. Bei seiner Fracht handelt es sich meistens um Getreide, das er in der Westschweiz abholt und in Richtung Osten transportiert. Es fasziniert ihn, schwere Lasten zu bewegen. Und er mag die Abwechslung. Denn seine Tätigkeit beschränkt sich nicht nur auf den normalen Lokführerdienst vom Führerstand aus. Wenn er einen sogenannten Support-Einsatz hat, bewegt er sich auch zwischen den Geleisen und ist für das Kuppeln der Güterwagen und die Bremsprobe zuständig. Dabei bedient er die Rangierlok mittels einer Funkfernsteuerung. Ein weiterer Punkt, den er bei seiner Arbeit schätzt, ist die einzigartige Aussicht, die sich ihm bietet. Eggenschwiler fährt immer wieder durch schöne Regionen, die er auch schon privat erkundet hat.

Lokführerinnen und Lokführer sind zurzeit stark gesucht. Doch nicht alle sind für diesen Job geeignet. Eggenschwiler weiss, welche Voraussetzungen erfüllt werden müssen: «Beim Eignungstest scheiden viele Interessenten aus, weil sie farbenblind sind und dadurch die Signale nicht richtig lesen können. Und zweisprachig muss man heutzutage auch sein. Zudem sind eine gute Konzentrationsfähigkeit, ein hervorragendes Gedächtnis sowie eine schnelle Reaktion von Vorteil. Und Kandidatinnen und Kandidaten müssen sich bewusst sein, dass es ein Einzelgängerjob ist und man in der Lage sein muss, in kurzer Zeit selbstständig Entscheidungen zu treffen – das kann belastend sein und ist nicht jedermanns Sache.»

Für Felix Eggenschwiler selbst sind dies bis auf die Farbenblindheit aber alles machbare Hürden, die es sich zu überwinden lohnt: «Ich würde wieder genau den gleichen Weg einschlagen und kann mir keinen anderen Job vorstellen», so der Vollblutbähnler.

Den Beruf auch zukünftig attraktiv gestalten

Der Beruf Lokführer oder Lokführerin soll attraktiv bleiben und Perspektiven bieten. Wie setzt sich SBB Cargo als Arbeitgeberin dafür ein? Fünf Fragen an Isabelle Betschart, Leiterin Produktion.

Braucht SBB Cargo weiterhin Lokführerinnen und Lokführer?
Ganz bestimmt, ja. Die Automatisierung und die digitalen Hilfsmittel unterstützen unsere Mitarbeitenden zwar stark bei der täglichen Arbeit. Der Mensch bleibt aber weiterhin im Mittelpunkt und bedient das Fahrzeug. Das betrifft sowohl die Strecken- als auch die Rangierlokführenden.

Wie gelingt es, die Berufsbilder für die Zukunft weiterzuentwickeln?
Wir müssen unsere Berufsbilder so entwickeln, dass unsere Mitarbeitenden marktfähig bleiben. Aber auch attraktive Lebensmodelle bei der Bahn sind gefragt. Heute geht niemand mehr davon aus, über die gesamte Berufstätigkeit die gleiche Arbeit zu machen. Für SBB Cargo als Arbeitgeberin ist es zentral, durchlässige und anschlussfähige Jobprofile sowie Perspektiven anzubieten, in denen sich Mitarbeitende entwickeln können. Unsere Mitarbeitenden sollen stolz sein auf ihren Beitrag, den sie für Kunden und die Landesversorgung leisten.

Welche Herausforderungen stellen sich SBB Cargo dabei?
Logistik findet im Hintergrund und im Falle des Güterverkehrs auf der Schiene oft nachts statt. Wir müssen den Stellenwert der Berufe und die Weiterentwicklungsmöglichkeiten genügend sichtbar machen. Das gilt für Lok- als auch für Rangierpersonal. Sonst sind wir auf dem Arbeitsmarkt nicht ausreichend konkurrenzfähig. Wir arbeiten auch an der Frage, wie Schichtarbeit attraktiv gestaltet werden kann. Denn die Güterbahnproduktion wird auch in Zukunft vorwiegend in der Nacht stattfinden. Zudem rollt eine grössere Pensionierungswelle auf uns zu. Wir gehen davon aus, dass wir gar nicht so viele Mitarbeitende vom Arbeitsmarkt rekrutieren können, wie wir bräuchten. Mit der Automation und flexibleren Arbeitsmodellen versuchen wir, diese Lücke zu schliessen. Wir sind auch mit steigenden Kundenanforderungen und dynamischen Marktbedürfnissen konfrontiert – die Eisenbahn ist heute noch nicht so flexibel aufgestellt. Wir arbeiten daran, auch diese Ansprüche erfüllen zu können.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung?
Die Digitalisierung ist auch bei der Eisenbahn Realität. Wichtig ist, bei der Transformation umsichtig vorzugehen und klare Vorstellungen zu haben, wie die neuen Abläufe und die konkreten Entwicklungen aussehen sollen. Denn: Es geht stets um Menschen mit jahrelang ausgeübten Handbewegungen und deren Zukunft bei der Bahn. Die Hilfsmittel werden immer ausgefeilter, aber den Menschen braucht es nach wie vor, und er steht für mich im Zentrum der Veränderungen. Die Sicherheit bleibt auch mit der Digitalisierung und der Automatisierung das höchste Gut.

Was heisst das für die Ausbildung?
Generell beobachten wir, dass das Bildungsniveau immer höher wird. Neben der Logistikerin EFZ (eidgenössisches Fähigkeitszeugnis) gibt es nun auch die Möglichkeit für den Lokführer, sich zertifizieren zu lassen, damit er das Zertifikat EFZ erhält. Für SBB Cargo ist es wichtig, diese Berufsbilder möglichst zukunftsfähig und durchlässig weiterzuentwickeln, um nachhaltig die Zuverlässigkeit und hohe Qualität vom Schienengüterverkehr beim Kunden sicherzustellen. Und natürlich wollen wir auch in Zukunft eine attraktive Arbeitgeberin sein.

Corona-Alltag: Strengere Arbeitstage im Cargo-Team OensingenBeruf Lokführerin: «Angst darf man keine haben»Nachgefragt: Hat die SBB zu wenig Lokpersonal?
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