Olten, Hauptsitz von SBB Cargo, an einem freundlichen Morgen im Mai 2018. In einem Sitzungszimmer im vierten Stock treffen wir auf den gut gelaunten Markus Streckeisen. Da der Chief Transformation Officer passionierter Läufer ist, heisst es nun erst mal raus aus dem Anzug und rein in die Joggingschuhe. Auf einer gemeinsamen Laufrunde entlang der Aare erläutert Markus Streckeisen den Stand der laufenden Sanierung und spricht über die Extrameile, die zwingend gegangen werden muss.
Im Januar sind Sie in Ihrem neuen Job gestartet. Wie läuft es?
Zuerst musste ich mir einen Überblick verschaffen. Wie das im Leben so ist, kommt da manchmal mehr zum Vorschein als ursprünglich gedacht. Mittlerweile fühle ich mich angekommen, und mein Job fordert mich im Guten heraus. Meine grundlegenden Kenntnisse des Bahnsystems haben mir geholfen, mich schnell in die Thematik hineinzudenken. Ich habe mit achtzehn Jahren eine Lehre als Bahnbetriebsdisponent absolviert und dann einige Jahre auf dem Beruf gearbeitet.
Wieso traut man gerade Ihnen diese Aufgabe zu?
Wahrscheinlich, weil ich zuvor erfolgreich im Bereich Immobilien tätig war und dort im Bahngeschäft mit Infrastruktur und Personenverkehr einige wesentliche Neuerungen auch organisatorischer Art erfolgreich umsetzen konnte. Wir mussten uns im Bereich Immobilien die positive Entwicklung der letzten Jahre hart erkämpfen, um interne und externe Akzeptanz zu erzielen.
Der Güterverkehr ist seit Jahrzehnten ein Sanierungsfall. Was macht dieses Geschäft dermassen schwierig?
Wir agieren in einer der härtesten Branchen überhaupt – sie ist an Dynamik kaum zu übertreffen. In Schieflage ist der Güterverkehr nicht von gestern auf heute geraten, das Problem ist historisch gewachsen. Ein Beispiel? Die Anzahl Bedienpunkte liegt immer noch bei 344 Stück. Der Einzel-Wagenladungsverkehr nimmt aber seit Jahren stetig ab. An über 170 Bedienpunkten werden gerade einmal noch zwei Wagen oder weniger pro Tag transportiert. Das ist nicht wirtschaftlich. Lange waren uns infolge der Bundesvorgaben aber die Hände gebunden. Damit ist nun Schluss: Wir dürfen unrentable Bedienpunkte schliessen, erhalten dafür aber im Gegenzug ab 2019 keine Subventionen mehr.
Jede dritte Stelle bei SBB Cargo wird gestrichen. Wie erklären Sie Betroffenen diesen Kahlschlag?
Grund für den Stellenabbau ist unter anderem die Schliessung von Bedienpunkten. Zudem wird infolge vereinfachter Prozesse und der Automation weniger Personal benötigt. Beim Rangieren braucht es bereits in absehbarer Zeit dank technischer Innovation nur noch einen Mitarbeiter anstelle von dreien. Und man muss auch sehen: Gerade im Rangierbereich ist es extrem schwierig, Nachwuchs zu finden. Wir lösen hier quasi auch ein absehbares Knappheitsproblem des Arbeitsmarkts. Gewisse Kündigungen sind dennoch unumgänglich. Betroffene Mitarbeitende unterstützen wir natürlich bei der Stellensuche und im Rahmen des Gesamtarbeitsvertrags.
Wie stehen die Chancen, dass der Dampfer wieder auf Kurs kommt?
Die Chancen stehen so gut wie noch nie. Wir bauen die Firma komplett neu auf. Wir haben die Politik, den Bund, den Verwaltungsrat und die Konzernleitung der SBB im Rücken. Jetzt müssen alle Mitarbeitenden zusammenstehen und die Sanierung gemeinsam mit voller Kraft vorantreiben.
Sie müssen bis 2020 einen Minderheitsaktionär präsentieren. Sind schon Kandidaten an Bord?
Gespräche mit möglichen Partnern haben auf unverbindlicher und explorativer Ebene schon stattgefunden, und uns wurde von einzelnen Unternehmungen deutliches Interesse signalisiert.
Wie wird die «Braut» schön gemacht?
Zuerst muss die Sanierung mit allen radikalen Konsequenzen erfolgreich über die Bühne gebracht werden, sonst werden die Hochzeitsglocken nie läuten. Wenn wir Ende 2020 schwarze Zahlen schreiben und eine glaubhafte Perspektive für die Zukunft präsentieren, klappt es auch mit einem Partner.
Wie sind Sie zum Laufsport gekommen?
Aufgewachsen am Bodensee, verbrachte ich in meiner Jugend jede freie Minute mit Windsurfen. Dabei stellte ich fest, dass eine gute Kondition hilft, an den wenigen Tagen mit starkem Wind länger auf dem Wasser zu bleiben. So bin ich zum Laufen gekommen. Bislang habe ich an fünf Marathonläufen teilgenommen. Als Familienvater nehme ich es inzwischen etwas lockerer – doch zwei bis drei Halbmarathonläufe pro Jahr liegen noch drin.
Welche Eigenschaften, die man als Jogger braucht, helfen Ihnen in Ihrem jetzigen Job?
Ausdauer, die Fähigkeit, sich voll und ganz auf ein Ziel zu fokussieren, und jede Menge Selbstmotivation. Wenn es draussen wie aus Kübeln giesst, muss ich meinen inneren Schweinehund überwinden, um in die Joggingschuhe zu steigen. Bei der Arbeit gibt es durchaus ähnliche Situationen. Manchmal muss man einen Extra-Effort leisten, um das Ziel zu erreichen.
Letzte Frage: Was, wenn der Turnaround nicht gelingen sollte?
Scheitern ist keine Option. Während ich einen Marathon laufe, denke ich auch nie ans Aufgeben.

