Christoph Gerber ist der Zeit voraus – zumindest bei der Arbeit. Werden die Menschen im Jahr 2040 in der Schweiz mehrheitlich in der Stadt oder auf dem Land leben? Mit welchen Verkehrsmitteln werden sie ihren Arbeitsweg zurücklegen und sich in der Freizeit fortbewegen? Mit diesen Fragen setzt sich Christoph Gerber und das Team von LIMA, was für «Langfristige integrierte Mobilitäts- und Arealentwicklung» steht, zusammen mit externen Experten auseinander. Um es gleich vorweg zu nehmen: Eine einfache Antwort gibt es nicht. Aber auf der Basis von Statistiken und Prognosen sowie Entwicklungen, die sich abzeichnen, sind vier denkbare Zukunftsvisionen zur Schweiz von 2040 entstanden.
Fahren wir in Zukunft noch Zug, Auto, Velo? Wie oft? Zu welchem Zweck? Für die SBB schaut Christoph Gerber, Projektleiter bei LIMA (Langfristige integrierte Mobilitäts- und Arealentwicklung) in die Glaskugel. Was er darin sieht und was das für die SBB bedeutet, erklärt er im Interview.

Eine Beschreibung der Zukunftsszenarien ist am Schluss des Textes zu finden.
Ich wohne in der Stadt Bern und habe seit Kurzem das Privileg, je nach Wetter und Lust mit dem Velo, mit dem Tram oder mit dem Bus ins Büro im Wankdorf zu fahren.
Dann werde ich pensioniert sein, in einer mittelgrossen Stadt wohnen und meine Mobilität über eine einfach zugängliche Plattform organisieren, die verschiedene Anbieter vernetzt. Je nach Zeit und Budget lasse ich mich von hoch automatisierten und kollektiv genutzten Fahrzeugen von zu Hause abholen. Diese bringen mich entweder direkt ans Ziel oder zum nächsten Bahnhof. Wobei der Ausdruck Bahnhof nicht mehr stimmt: Es wird ein Hub sein, also eine Drehscheibe von unterschiedlichen Mobilitätsanbietern.
Das Bundesamt für Raumentwicklung (ARE) prognostiziert aufgrund der wachsenden Bevölkerung und wirtschaftlichen Entwicklung massiv höhere Verkehrsleistungen: plus 25 Prozent beim Personenverkehr und plus 37 Prozent beim Güterverkehr. Die technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen bis 2040 sind aber noch mit vielen Unsicherheiten behaftet. Die Verteilung auf die einzelnen Verkehrsmittel ist daher schwer vorhersehbar. Die Konzernleitung hat darum im vergangenen Jahr entschieden, Szenarien zu erarbeiten. Die Szenarien unterscheiden sich insbesondere im Grad der Automatisierung. Auch sind die individuelle und kollektive Mobilität unterschiedlich ausgeprägt.
Zum einen besteht das Risiko, dass Fehlinvestitionen getätigt werden. Zum anderen kann sich die Wettbewerbsfähigkeit der Bahn verringern, wenn wir unsere Stärken nicht nutzen und uns je nach Szenario nicht rechtzeitig mit anderen Mobilitätsdienstleistungen vernetzen.
Es könnte sogar eine zusätzliche Mobilitätskategorie entstehen: der individuelle öffentliche Verkehr. Bereits jetzt bietet ja beispielsweise die
Vorausdenken, mitreden und zusammen mit Politik, Wirtschaft und Gesellschaft die Entwicklung aktiv mitgestalten. Und zwar nicht nur in Bezug auf die Mobilität, sondern auch mit ihrer Wirkung auf die Raumentwicklung – und umgekehrt: Wo wird künftig Wohnraum geschaffen, wo und wie gearbeitet und wo die Freizeit verbracht? Als eine der grössten Immobilienfirmen der Schweiz kann die SBB die Entwicklung und Verdichtung insbesondere um Bahnhöfe mitgestalten.
Die Wechselwirkung zwischen Raum- und Mobilitätsentwicklung ist bekannterweise sehr stark. Wenn sich die Menschen künftig eher in wenig erschlossenen, ländlichen Gebieten niederlassen, stärkt das den Individualverkehr. Verdichtete Zentren hingegen fördern die kollektive Mobilität und den Langsamverkehr. Es ist wichtig, dass sich die SBB sowohl mit der Entwicklung der Mobilität auseinandersetzt als auch mit der Wirkung von Verdichtung auf das Verkehrsverhalten. Und das macht sie ja beispielsweise schon mit den elf regionalen
Das Bundesparlament hat am 21. Juni beschlossen, die Schweizer Bahninfrastruktur bis 2035 mit knapp 13 Milliarden Franken auszubauen. Damit werden bereits viele Infrastrukturprojekte definiert, die 2040 in Betrieb sein werden. Für die SBB mit derart langen Investitionszyklen bei der Infrastruktur und beim Rollmaterial ist es notwendig, in Zeithorizonten von 20 Jahren und mehr zu denken.
Um zu prüfen, ob Vorhaben in den verschiedenen Szenarien «robust» sind, haben wir eine Methode entwickelt, die sich Windtunneling nennt. Wie in einem Windkanal wird die «Flugtüchtigkeit» der Vorhaben geprüft. Damit identifizieren wir zusammen mit dem Projektteam konkrete Chancen und Risiken, leiten allfällige Massnahmen ab und fördern das Szenariendenken in der SBB. Dies hilft, sich vorausschauend auf mögliche Veränderungen des Umfelds vorzubereiten.
Mit den Verantwortlichen von P+Rail von SBB Immobilien und dem Bereich Neue Mobilitätsdienstleistungen (NMD) gingen wir der Frage nach, ob sich die heutige Nachfrage nach Parkplätzen an den Bahnhöfen künftig verändern wird. Auch prüften wir, ob und an welchen Standorttypen beispielsweise Investitionen in Parkhäuser mit einer Lebensdauer von 60 bis 80 Jahren wirtschaftlich nachhaltig sind. Mit dem Windtunneling konnten wir aufzeigen, dass sich Nachfrage und Kundenwünsche je nach Szenario und Ortstyp unterschiedlich ausprägen werden. Auf dieser Basis konnten Empfehlungen für strategische Entscheidungen abgeleitet werden.
Solche Szenarien sind sicher nicht Pflichtstoff für alle. Aber wer interessiert ist, sieht, wie sich die SBB mit den Chancen und Risiken der Zukunft auseinandersetzt und sich aktiv auf künftige Entwicklungen vorbereitet. Wichtig finde ich unsere Szenarien für die Verantwortlichen von strategischen Projekten, die sich Gedanken machen über die Unsicherheiten der Zukunft und deren Auswirkungen auf ihr Vorhaben. Sie sollten Kenntnis davon haben, dass die SBB vier Zukunftsszenarien entwickelt hat und dass sie sich auf die zugrunde liegenden Annahmen beziehen können. Mit dem Windtunneling steht ihnen eine Methode zur Verfügung, mit der ein Projekt, allenfalls regelmässig, auf seine Robustheit geprüft werden kann.
Die Szenarien werden jährlich aufgrund aktueller Entwicklungen geprüft und, sofern notwendig, aktualisiert. Dieser Prozess wurde aktuell das erste Mal abgeschlossen. Mit internen und externen Experten haben wir relevante Themen wie etwa das Arbeits- und Freizeitverhalten vertieft analysiert und anhand der Erkenntnisse die Szenarien präzisiert. Grundsätzlich wurden die bisherigen Szenarien und deren Annahmen bestätigt.
Szenario 1: Automatisierter Individualverkehr
Hier wird Individualität gross geschrieben. Vieles ist automatisiert und neue Fahrzeugtechnologien setzen sich durch. Die Bevölkerung ist weitgehend individuell auf den Strassen unterwegs und Bahn, Bus und Tram rücken in den Hintergrund.
Szenario 2: Neue vernetzte Mobilität
In diesem Szenario sind Raum und Mobilität intelligent vernetzt. Smartshuttles, automatisierte S-Bahn und massgeschneiderte Angebote sorgen dafür, dass die Menschen weniger Autos besitzen. Es gibt ein effizientes und umweltfreundliches Gesamtsystem, das aufeinander abgestimmt ist.
Szenario 3: Getrennte Verkehrssysteme
Dieses Szenario ist unserer heutigen Welt sehr ähnlich. Neue Technologien werden nur vereinzelt wirksam. Der Strassen- und der Schienenverkehr laufen eher isoliert nebeneinander ab und das eigene, nicht autonome Auto bleibt das zentrale Verkehrsmittel.
Szenario 4: Integrierter ÖV
Hier steht das Vernetzen und Sharing von schon heute bekannten Verkehrsmitteln im Mittelpunkt. Das ist nachhaltig und schont die Ressourcen.
Mit der Zukunft der Mobilität befasst sich nicht nur LIMA bei der Unternehmensentwicklung. Bei Personenverkehr hat die Angebotsplanung mit
Bei Infrastruktur spielt die Zukunftsmusik beim
Speziell die Entwicklung der Bahnhöfe zu


