Im Land der Murmeltiere

Der 70-jährige Urs Anthamatten umsorgt im Berghotel Almagelleralp müde und hungrige Wanderinnen und Wanderer – mit Speis, Trank und Geschichten aus vergangenen Zeiten.

Der Morgen kündigt sich an auf der Almagelleralp – während sich die Stille der Nacht an den Felswänden festhält und die Sonne ihre Farben auf die Mischabelkette malt. Hier oben, auf 2194 Meter über Meer, befindet sich das Berghotel Almagelleralp – gebaut inmitten von schroffen Felsbrocken, in einer Landschaft, die von unzähligen Wintern geformt wurde. Ein unwirkliches Plätzchen, abseits vom Sturm des Alltags.

Ein leises Stöhnen ist von der noch im Schatten liegenden Gartenterrasse zu hören. Es kommt von Urs Anthamatten – 70, weisses Haar, voller Bart. Nahtlos fügt sich sein Äusseres in die Landschaft ein – wie die schneebedeckten Gipfel, die charakteristischen Lärchen und die markanten Felsen.

Mit beiden Händen packt er einen Blumentopf und stellt ihn von einem Steintisch auf den Boden. Morgendliche Routine. Am Abend dann das Gegenteil. Grund für diese Plackerei sind die Murmeltiere, die in der Nacht alles fressen, was in Reichweite ist.

Vom Rossknecht zum Hotelier

Seit seiner Pensionierung bewirtet der ehemalige Lehrer Wanderinnen und Wanderer im Berghotel. Er führt damit eine Familientradition weiter. Vor bald 60 Jahren hatte sein Götti Pius das Berghotel gepachtet, von 1967 bis 1979. «Ein Dorforiginal». Er war bekannt dafür, dass er seine Maultiere in die Wohnung liess. «Die Passantinnen und Passanten haben jeweils nicht schlecht gestaunt, wenn die Maultiere aus den Fenstern geschaut haben.» Damals war Urs oft hier oben. In der Freizeit half er seinem Götti beim Transport der Waren für das Berghotel mit den Maultieren. «Ich habe meine ganz eigene Tellerwäscherkarriere gemacht», scherzt er, «vom Rossknecht zum Hotelier!»

Regionale Produkte

Drei Wanderer treffen ein. Urs begrüsst sie mit einem Lächeln auf den Lippen und verschwindet in der Küche. Über den Erlebnisweg sind die Neuankömmlinge auf die Almagelleralp gekommen – über Treppen, Hängebrücken und Leitern. Auf der Alp machen sie einen Zwischenstopp. Sie wollen sich stärken, um später den Aufstieg zur Almagellerhütte zu wagen. Bernadette Portmann bringt den Gästen die Speisekarte. Die 69-Jährige arbeitet im Service, Urs ist für das leibliche Wohl verantwortlich.

Sorgfältig richtet Urs das Trockenfleisch auf dem grossen Teller an. Eigentlich könnte er sich längst zur Ruhe setzen. Aber das ist keine Option. «Die Arbeit hält mich fit. Und es macht mir Spass, mir immer neue Konzepte zu überlegen.» Und auch das Soziale komme hier nicht zu kurz. «Ich lerne hier immer wieder neue interessante Menschen kennen. Ein paar sind sogar gute Freunde geworden.»

Bernadette bringt den Gästen ihr wohlverdientes z’Mittag: Walliser Trockenfleisch, Saaser Hauswurst, Silberzwiebeln, Käse, Brot: Das Essen ist so bodenständig wie die Gastgeber. Sie legen Wert darauf, dass die Zutaten aus der Region kommen. Und das wird geschätzt: Besonders die Heidelbeerkuchen haben es der Kundschaft angetan, wie Bernadette erklärt. «Einige kommen nur deswegen zu uns.»

Vergangene Zeiten

Aus der Region wären auch die Murmeltiere. «Doch diese Zeiten sind vorbei», versichert Urs. In der Generation seines Vaters wurden die Tiere aufgrund ihres Fleisches und Fettgehaltes gejagt. Im Herbst, wenn sie sich für den nahenden Winter fettgefressen hatten, haben die Männer sie aus ihren Winterverstecken ausgegraben. Seine Mutter hat die Tiere dann zubereitet. «Die Waschküche hatte immer fürchterlich gestunken, wenn sie die Tiere gemetzget hat», erinnert er sich. So ist er froh, stehen heute andere Sachen auf der Speisekarte. Vorbei ist auch die Zeit der Maultiere. Heute werden die Vorräte für das Berghotel mit dem Helikopter auf die Alp geflogen. Eine Strasse existiert nicht.

Der Hunger der drei Gäste aus dem Tal ist mittlerweile gestillt. Urs kommt aus der Küche. «Ich hoffe, es hat geschmeckt!» In seiner Hand, eine Flasche Haselnussschnaps. Die drei sind sichtlich erfreut darüber. Ein letztes Mal stossen sie an, bevor es weitergeht.

Viel Kundschaft

Mittlerweile herrscht reges Kommen und Gehen auf der Gartenterrasse des Berghotels Almagelleralp. Ob aus der Region, der Schweiz oder dem Ausland; für alle Gäste nehmen sich Urs und Bernadette Zeit. Das gute Wetter zieht heute besonders viele Wanderer und Wanderinnen an. Doch die Gastgeber haben alles im Griff. Sie sind es gewohnt, viele Leute zu bewirtschaften. 2021 sollen die Leute sogar Schlange gestanden haben. Das war in der Jugend von Urs noch undenkbar: «Damals kamen hier nur wenige Leute vorbei». Seit dem Bau des Lötschberg-Basistunnels habe der Tagestourismus aber stark zugenommen. Und auch der Höhenweg und der Erlebnisweg (mehr dazu im Kasten) hätten deutlich dazu beigetragen, dass mehr Personen im Berghotel einkehren.

Gegen Abend lichten sich die Tische. Die letzten Gäste verabschieden sich. Eine Familie aus Holland bleibt über Nacht. Das ganze Team macht sich ans Putzen und Aufräumen. Am Ende des Tages werden die Blumen wie jeden Abend vor den Murmeltieren in Sicherheit gebracht.

Urs und Bernadette sitzen mit ihrem Team und den Gästen in geselliger Runde am Tisch. Der Tag hat sichtlich Kraft gekostet. Gemeinsam geniessen sie das letzte Licht, das über die Berge streicht, bevor sie im Schatten versinken. Urs ist dankbar: «Jeden Morgen frage ich mich, wie der Tag wohl wird. Und jeden Abend blicke ich zurück und stelle fest: Das war jetzt noch ein schöner Tag.»

Eine Wanderung für Schwindelfreie

Das Berghotel Almagelleralp ist über den Erlebnisweg Saas-Almagell erreichbar. Die 2,8 Kilometer lange Wanderung führt über zwei Hängebrücken und durch gesicherte Felspassagen, vorbei an der traumhaften Saaser Bergwelt und seinen majestätischen 4000ern. Um die 386 Höhenmeter zu bewältigen, wird eine gute Kondition vorausgesetzt, ebenso wie Schwindelfreiheit und Trittsicherheit. Alternativ kann das Berghotel über den Höhenweg Kreuzboden-Almagelleralp erreicht werden.

Ausgangspunkt des Erlebniswegs ist die Sesselbahn in Saas-Almagell, die die Wanderinnen und Wanderer nach Furggstalden bringt. Die Talstation der Sesselbahn ist bequem mit dem Postauto ab dem Bahnhof Visp erreichbar, mit einmaligem Umsteigen in Saas-Grund.

Gönnen Sie sich einen unbeschwerten Wandertag mit An-/Rückreise mit dem Öffentlichen Verkehr. Die besten Verbindungen finden Sie auf sbb.ch