Bernd Theiss: «Ich halte die SBB-Mobilfunkstrategie für zielführend»

Connect-Redaktor Bernd Theiss gratuliert der SBB und den Schweizer Mobilfunkanbietern zum erneuten Spitzenresultat des aktuellen Testberichts. Und er erachtet die SBB-Lösung mit Gratis-Internet im Zug auf Basis von Mobilfunk als zielführend.

Connect-Test 2018: Bester Mobilfunkempfang in Schweizer Zügen
Connect-Test 2018: Bester Mobilfunkempfang in Schweizer Zügen

Ihr Test hat es erneut gezeigt: In Schweizer Zügen können Reisende im Vergleich zu Deutschland und Österreich besser telefonieren und surfen – wie erklären Sie sich das?
Aus Gesprächen mit der Deutschen Bahn, den ÖBB und der SBB weiss ich, dass die SBB als erste angefangen hat, sich oft und regelmässig mit Vertretern der Netzbetreiber an einen Tisch zu setzen und Lösungen zu erarbeiten, wie Bahnstrecken besser zu versorgen sind. Dazu muss man wissen, dass Mobilfunkversorgung im Zug sehr kompliziert ist, weil die Mobilfunkzellen äusserst ungleichmässig ausgelastet werden. Mitunter muss eine Zelle innerhalb von 5 Minuten 500 Menschen genügend Kapazität bieten, um dann wieder 55 Minuten lang auslastungsfrei auf den nächsten Zug zu warten. Deshalb ist es wichtig, dass der Bahnbetreiber den Mobilfunkern den Ausbau so leicht wie möglich macht. Das gilt insbesondere auch für die Tunnel, bei denen es sorgfältigster Planung bedarf, um sie im laufenden Betrieb auszubauen. 

Bernd Theiss, «Connect»-Redaktor

Kann man denn Deutschland mit der Schweiz in Sachen Verbindungen im Zug überhaupt vergleichen?
Günstig ist in der Schweiz gegenüber etwa Deutschland sicher, dass die meisten Strecken durch bevölkertes Gebiet laufen, sodass eine Grundversorgung schon gegeben ist. Zu dem Ergebnis, dass die SBB auch 2019 wieder weit vor den ÖBB und der Deutschen Bahn zeigt, kann Connect der Bahn nur gratulieren. Wobei wir überzeugt sind, dass unser Netztest im Zusammenspiel mit den extrem perfektionistischen Schweizer Betreibern die Entwicklung unterstützt hat.

Video Signalverstärker

Die SBB wird im nationalen Verkehr aus Qualitätsgründen auf WLAN im Zug verzichten. Wie beurteilen Sie die Mobilfunkstrategie der SBB insgesamt mit Mobilfunk unterwegs im Zug und WiFi am Bahnhof?
Wenn das Netz bei allen Mobilfunk-Anbietern so gut ausgebaut ist wie in der Schweiz, halte ich diese Strategie für zielführend. Wenn aber, wie etwa in Deutschland, die Fehlerquoten bei Datenverbindungen 10 oder zum Teil 20 Mal höher sind, macht es Sinn, mehrere Anbieter in einem WLAN-Angebot zu bündeln – in der Hoffnung, dass öfter wenigstens ein Anbieter verfügbar ist. Die Bandbreite des WLAN-Angebots müssten sich dann natürlich alle teilen. Da ist eine allein genutzte Mobilfunkverbindung um Grössenordnungen leistungsfähiger.

Video WLAN 

Macht die SBB-Lösung für Gratis-Internet im Zug in Ihren Augen Sinn? Die SBB setzt ja auf eine App mit Beacon-Funktechnologie.
Ja. Wobei ich da nicht primär an die Smartphone-Nutzung denke. Da haben die meisten Kunden ihr Inklusiv-Datenvolumen nach Connect-Erfahrung gut im Griff – wobei gerade in der Schweiz die Tarife zwar teurer sind, aber auch grössere Datenpakete inkludieren. Doch im Zug nutzen viele gerne das Notebook. Aus technischer Sicht ist dafür der Internetzugriff mit dem Smartphone kein Problem. Doch mit dem Notebook ist das Inklusiv-Volumen eines Smartphone-Tarifs viel schneller aufgebraucht. Da ist eine Lösung, die den Datenzähler während der Zugreise anhält, nur zu begrüssen.  

Wie gross sehen Sie den Bedarf für Gratis-Internet für Touristen im Hinblick auf den künftigen Wegfall der Roaming-Gebühren und neuen technologischen Möglichkeiten wie e-SIM?
Sicherlich ist es auch im Urlaub oder auf Geschäftsreisen hilfreich, im Zug in der Schweiz online gehen zu können. Doch besonders internet-affine Menschen haben zum Teil schon heute Verträge, die in der Schweiz kostenloses Roaming ermöglichen. Ob es sich durchsetzt, in Zukunft im Ausland einfach die e-SIM umzuprogrammieren, muss sich noch zeigen. Da spielt einerseits eine Rolle, wie einfach das zu bewerkstelligen ist. Anderseits ist auch zu beachten, ob das Smartphone über die Original-SIM noch unter der ursprünglichen Rufnummer zu erreichen ist. Ich selbst habe mich als Tourist oder Geschäftsreisender bei Bahnfahrten in der Schweiz trotz SIM mit kostenlosem Roaming immer auch an der grandiosen Landschaft erfreut.    

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