Ob brütende Hitze oder Regenguss: Sicherheit geht vor

Der Sommer stellt die Fahrbahn auf eine harte Probe. Die Streckeninspektoren der SBB kontrollieren ihre Funktionstüchtigkeit Meter für Meter zu Fuss. Schienenrisse, gebrochene Schwellen, Schottermangel, unlesbare Schilder – nichts entgeht ihnen. Eine Gleisbegehung mit Moreno Galdo.

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«Heute steht eine eher kurze Runde an», erklärt Moreno Galdo lächelnd. Auf dem Programm: die Strecke Saxon–Martigny, 8 Kilometer. Der Streckeninspektor ist längere Fussmärsche gewohnt: durchschnittlich 11 bis 13 Kilometer legt er pro Tag zurück. «Manchmal hab ich am Abend schwere Beine.» Das Gehen auf den Gleisen ist durch das ständige Balancieren zwischen Schotter und Schwellen allerdings sehr anstrengend.

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Ein sehr spezieller und unbekannter Beruf

Moreno gehört zu einem 60-köpfigen Team von Streckeninspektoren. «Die Leute kennen meinen Beruf nicht und verstehen nicht, was ich tue. Wegen der orangen Sicherheitsmontur werde ich manchmal von Kundinnen im Bahnhof angesprochen». Lachend fügt er hinzu: «Einmal wurde ich gefragt, ob ich den ‹Kies› kontrollieren würde.» Die Inspektoren prüfen tatsächlich den Schotter, aber nicht nur: Schienen, Schienenbefestigung, Weichen, Schwellen oder auch die Vegetation entlang der Strecke. «Wenn ich zum Beispiel sehe, dass ein Baum über das Gleis hängt, gebe ich den für Grünflächen zuständigen Kollegen Bescheid.» Alles, was mit der Sicherheit der Fahrbahn zu tun hat, gehört zu Morenos Pflichtenheft.

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Die Inspektoren notieren ihre Beobachtungen in dem dafür vorgesehen System auf ihrem iPad, damit die Informationen direkt zu den Anlagenverantwortlichen gelangen. «Ich muss die Dringlichkeit der Reparaturarbeiten einschätzen, damit die Verantwortlichen diese in Auftrag geben können.» Schlimmstenfalls können Moreno und seine Kollegen eine Strecke sperren lassen, wenn sie den entdeckten Schaden für zu gefährlich halten.

Die Überwachung der Fahrbahn wird auch durch Diagnosefahrzeuge unterstützt. «Diese Daten finde ich in meinem iPad. Oft braucht es aber noch ein menschliches Auge vor Ort, um die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen.»

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Extrarunde bei grosser Hitze

Die Inspektionshäufigkeit hängt von den Anlagen und ihrem Einsatz ab. Die Strecke Saxon–Martigny wird alle zwei Wochen begangen – einmal hin und einmal zurück. Im Sommer kommen noch die «Hitzerunden» dazu. Diese werden ab einer Aussentemperatur von 33 Grad durchgeführt. «Im Gegensatz zu den normalen Begehungen machen wir diese im Führerstand. So können wir allfällige Schienenverwerfungen besser erkennen.» «Schienenverwerfungen» sind von Bähnlern gefürchtete Schienendeformationen. Glücklicherweise kommen sie nur selten vor. «Ich habe während meiner gesamten Laufbahn nur eine einzige gesehen.» Auf den rund 7000 Schienenkilometern der SBB werden jährlich fünf bis zwanzig Verwerfungen registriert und behoben. Als Sofortmassnahme reicht meist eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf der betroffenen Strecke. In einem nächsten Schritt wird die Gleisgeometrie korrigiert und, wenn nötig, werden die Schienen ersetzt.

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Vorsorgen ist besser als Nachsorgen

Mit ihrer Arbeit tragen Moreno und seine Kollegen dazu bei, solche Schienenverwerfungen zu vermeiden. Im Sommer achten sie besonders auf die so genannten «weissen Schwellen». Inmitten der Gleise ist ein Teil des Schotters weiss. Ist der neu? «Nein. Das hängt mit dem Untergrund zusammen. Wenn es zu viel Spiel hat, spritzt der Schotter und schlägt gegen die Schienen. Dadurch wird er weiss.» Wenig später erscheint ein Zug am Horizont. Wir bringen uns in Sicherheit. «Schau gut hin», sagt Moreno. Der Zug kommt. Schiene und Schwelle geben unter dem Gewicht nach, werden ein kleines bisschen angehoben und vom nächsten Rad wieder hinuntergedrückt. «Bei grosser Hitze arbeitet das Material. Diese Bewegungen können zu Schienendeformationen führen.» Um die Bewegung einzuschränken, müssen solche Stellen rasch gestopft werden. Vorsorgen ist besser als Nachsorgen.

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Gerne draussen

Moreno ist ein richtiger Bähnler. 1989 begann er seine Lehre als Gleismonteur. «Damals gehörten auch Gleisbegehungen dazu.» Heute sind das zwei verschiedene Berufe. Seit zehn Jahren führt er nur noch Begehungen durch. Seine grösste Motivation? Er liebt es draussen zu sein. «Ein Bürojob wäre nichts für mich.» Ausserdem schätzt er die Unabhängigkeit und die grosse Verantwortung.

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Gerne draussen zu sein, ist eine wichtige Voraussetzung für diese Arbeit: Die Streckeninspektoren müssen bei jedem Wetter raus. Bei grosser Hitze beginnt Moreno seinen Rundgang frühmorgens. Denn leicht bekleidet auf den Gleisen herumspazieren, das geht natürlich nicht: Neben Sicherheitsschuhen und langen Hosen muss auch zwingend ein Helm getragen werden. Immerhin sind kurze Ärmel erlaubt.

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«Routine ist gefährlich.»
Moreno Galdo

Moreno trägt zwar zur Sicherheit des Bahnverkehrs bei, muss aber zunächst einmal für seine eigene Sicherheit sorgen. Streckeninspektionen sind ein einsames – und gefährliches – Metier. Vor jeder Begehung meldet er der Betriebszentrale das Gleis, das er inspiziert. «Die Kollegen sorgen dafür, dass mir die Züge entgegenkommen», sagt er. Für einen Streckeninspektor ist das lebenswichtig. Er muss vertrauen, aber vor allem jederzeit aufmerksam bleiben und vermeiden, sich unnötig lange im Gleis aufzuhalten. «Wenn das Telefon klingelt oder ich umfassendere Notizen machen muss, begebe ich mich in Sicherheit.» Aber hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. «Einmal konnte ich mich gerade noch retten.» Moreno schätzt die Arbeit an unterschiedlichen Orten und ist überzeugt, dass diese Abwechslung zu seiner Sicherheit beiträgt. «Routine ist gefährlich.»

Extreme Temperaturen als Herausforderung.

Die SBB ist eine Allwetterbahn. Und Trotzdem: Extreme Temperaturschwankungen bringen nicht nur Passagiere ins Schwitzen. Zwar ist das SBB Netz so ausgelegt, dass es auch an Hitzetagen funktioniert. Hohe Temperaturen verlangen Zügen und Infrastruktur aber einiges ab. Hier finden sich mehr Informationen, wie sich die SBB auf die Sommermonate vorbereitet.